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Duisburg
Das Leben zwischen den Bildern

Duisburg: Das Leben zwischen den Bildern
Szene aus der herausragenden Dokumentation "Werner Nekes - das Leben zwischen den Bildern", die den im Januar verstorbenen Experimentalfilmer porträtiert. FOTO: filmwoche
Duisburg. Eine Dokumentation über den Experimentalfilmer Werner Nekes, ein rührendes Porträt über einen alten Bauern an Krücken und Bemerkenswertes über das Verhältnis von Mensch und Tier sind einige Höhepunkte der Filmwoche. Von Peter Klucken

Wenn man nicht mehr kann, wie man möcht' und dennoch den Kopf nicht hängen lässt, dann kann das Stoff für einen Dokumentarfilm sein. Ein gelungenes Beispiel konnte man jetzt mit Hans-Dieter Grabes einstündiger Produktion "Anton und ich" erleben, die als Uraufführung bei der Filmwoche zu erleben war. Grabe, mit 80 Jahren ein Senior unter den in Duisburg vertretenen Dokumentarfilmern, schuf ein rührendes Porträt über den Bauern Anton, der seit 50 Jahren im Berchtesgadener Land einen Bauernhof mit Pensionszimmern betreibt. Grabe ist dort Stammgast. Er war entsetzt, als er vor einigen Jahren Anton wiedersah, wie er sich auf zwei Krücken gestützt, durchs Haus und übers Land schleppt.

Zweifellos ist Anton ein skurriler Mensch, der seine Knochenbrüche nicht behandeln lässt, "weil er Ärzte meidet". Gleichwohl möchte man ihn dabei unterstützten, seinen Hof so lange wie möglich zu halten - auch wenn die Wohnung unaufgeräumt ist und die Hygiene ein Fremdwort bleibt.

Hans Grabe, der mehr als 60 Dokumentarfilme gedreht hat, findet für seinen Film, der zwischen 2012 und 2016 entstand, schöne Worte: "Wieder einmal habe ich die Freude erlebt, einen tätigen Menschen mit der Kamera zu begleiten, sichtbar werden zu lassen, wer dieser Mensch ist, Zeit zu haben, um abwarten zu können, was in einem Leben passiert, wie es sich verändert." Das Zitat zeigt den empathischen Zugang des Filmemachers zu seinem Protagonisten. Ein wunderbarer Film!

Kurioserweise lief im Programm auch ein Film, bei dem wiederum ein alter gehbehinderter Bauer (diesmal mit quietschendem Rollator) im Mittelpunkt steht. "Aus einem Jahr der Nichtereignisse" heißt der Film von Ann Carolin Renninger und René Frölke, bei dem die Zeit für die Zuschauer genauso lang wird, wie für den Bauern im Film. Als Zuschauer bleibt einem rätselhaft, welcher Mensch dieser Bauer, der Willi genannt wird, ist. Die raunenhafte Erinnerung an eine Jugendtat (den Po durchschwommen) wirkt gekünstelt. Großaufnahmen von Mensch und Tier retten den Film nicht, dessen Titel leider zu Kalauern reizt.

Eine großartige Dokumentation über den Experimentalfilmer Werner Nekes von Ulrike Pfeiffer gehört zweifellos zu den Höhepunkten der Filmwoche. Dabei geht die Filmautorin ganz konventionell vor, was auch angemessen ist, da Werner Nekes, der im Januar 2017 im Alter von 72 Jahren gestorben ist, selber ein grandioser Experimentalfilmer war und die neuere Filmgeschichte mitgeprägte. Ulrike Pfeiffer zeigt Nekes im Gespräch mit Weggefährten aus der Kunst- und Filmszene und mit Kindern, denen er einige Stücke aus seiner reichen kinematographischen Sammlung mit Objekten zur optischen Wahrnehmung erklärt. Die filmische Gegenwart wird immer mal wieder mit Archivbildern ergänzt. "Werner Nekes - das Leben zwischen den Bildern" ist ein Film, der belehrt, ohne eine Sekunde lang zu langweilen.

Gegen das Vergessen kämpft der Schweizer Filmautor Villi Hermann mit seinem Film "Choisir à Vingt Ans" an. Wir erleben alte Männer, die vor fast 60 Jahren die Entscheidung getroffen hatten, nicht am französischen Algerienkrieg teilzunehmen. In der französisch-sprechenden Schweiz fanden die damals Zwanzigjährigen Zuflucht. Hermanns Film ist eine Sternstunde der mündlich überlieferten Geschichte. Die Perspektive der Pazifisten, die oftmals als Deserteure bezeichnet werden, ist erhellend. Die schrecklichen Filmdokumente aus dem Algerienkrieg, die zu Anfang zu sehen sind, machen klar, dass die "Fahnenflüchtigen" von einst unsere Sympathie verdienen.

Ein Publikumserfolg war auch die österreichische Dokumentation "Tiere und andere Menschen" von Flavio Marchetti. Der drehte im Wiener Tierschutzhaus, wo Tiere zur weiteren Pflege abgegeben werden. Das können Fundtiere sein, wie etwa ein verletzter Reiher, lästig gewordene Hunde oder auch Menschenaffen, für die man noch einen dauerhaften Platz sucht. Flavio Marchetti, ein Römer, der zunächst Jura studierte, bevor er die Filmakademie in Wien besuchte, ist ein großer Wurf gelungen.

In der Unverstelltheit der Tiere lässt sich viel über das Maskenhafte menschlicher Verhaltensweisen lernen, sagt er. Sein Film beweist diese These.

Quelle: RP
 
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