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Duisburger Geschichte Und Geschichten
Das Rotlichtviertel anno dazumal

Duisburger Geschichte Und Geschichten: Das Rotlichtviertel anno dazumal
Das "Palast-Hotel" an der Ecke Kuhstraße/Sonnenwall eröffnete 1909 ein "Automatenrestaurant". FOTO: Stadtarchiv
Duisburg. Prostitution war laut Strafgesetzbuch von 1871 nur straffrei, wenn sich die "Frauenpersonen" als so genannte Kontrolldirnen bei der Polizei registrieren und zweimal wöchentlich auf Geschlechtskrankheiten untersuchen ließen. Von Harald Küst

Welches Bild haben wir heute vom Freizeitverhalten zu Beginn des 20. Jahrhunderts? Die bürgerliche Gaststättenromantik zur Zeit des Jugendstils hatte auch eine dunkle Seite. Im Kultur- und Stadthistorischen Museum und im Stadtarchiv finden sich Antworten. Ein Rückblick, der einige Überraschungen zu Tage fördert. Duisburg zu Beginn des 20. Jahrhundert: Auf der einen Seite prägten die harten Arbeitsbedingungen und die existenzielle Not der Fabrikarbeiter das Bild Duisburgs, auf der anderen Seite stand der anwachsende Reichtum des Großbürgertums für den dynamischen wirtschaftlichen Aufschwung. Dem heilen bürgerlichen Weltbild stand als Kehrseite der Medaille die Realität der Prostitution gegenüber. Das galt auch für Duisburg. Reisende, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts am Abend auf dem Weg zu ihrem Hotel auf der Königstraße waren, erhielten von einigen Damen eindeutige Zeichen. Viele junge Frauen gingen der "gewerbsmäßigen Unzucht" auf der König- und Mercatorstraße nach. Prostitution war laut Strafgesetzbuch von 1871 nur straffrei, wenn sich die "Frauenpersonen" als so genannte Kontrolldirnen bei der Polizei registrieren und zweimal wöchentlich auf Geschlechtskrankheiten untersuchen ließen. Mit Patrouillengängen versuchte die Polizei mehr oder weniger erfolgreich, dem bunten Treiben im Bahnhofsbereich entgegenzuwirken.

Neu an der Prostitution war in erster Linie ihre Ausbreitung: Straßenprostitution, Prostituierte in Tanzlokalen und Varietés und bei öffentlichen festlichen Anlässen gehörten - wenn auch verdeckt - zum Alltagsbild. Während von sozialdemokratischer Seite die soziale Ungleichheit für das Übel der Prostitution verantwortlich gemacht wurde, sah man auf bürgerlich-konservativer Seite vor allem in der nicht mehr vorhandenen Erziehung und Religiosität die Ursachen: "Es ist also unserer Jugend die unentbehrliche Basis für ein sittliches Leben verloren gegangen, denn wer an kein ewiges Leben, an keine Vergeltung nach dem Tode glaubt, kann auch kein Bedürfnis empfinden, auf dieser Erde ein sittliches Leben zu führen."

Die rasante Entwicklung der Prostitution ging einher mit der Expansion des Unterhaltungsgewerbes und der Konsumbedürfnisse. Gastwirte ließen in ihren Sälen Akrobaten, Schausteller und Künstler auftreten. Das Duisburger Zentrum übte eine große Anziehung auf Vergnügungssüchtige aus. Die Behörden waren aufgrund der nicht unbeträchtlichen Steuereinnahmen aus dem Unterhaltungsgewerbe gezwungen, die große Beliebtheit der vergnüglichen Darbietungen in der Bevölkerung zu tolerieren. Schließlich mussten die Veranstalter Steuern zahlen, die der Stadt zugute kamen. Kein neues Thema.

Die Wirte stellten sich auf die veränderten Konsumbedürfnisse ein. Zwischen den ausgehenden 1860er Jahren und 1914 hatte der Schnapsverbrauch um ein Drittel abgenommen, der Bierverbrauch hingegen hatte sich verdreifacht. Der erste banale Grund waren die höheren Produktionsmengen durch industrialisierte Herstellung, der zweite, eng damit verknüpfte, war die Erhebung des Bieres zum "Sozialdemokratischen Saft". Die sich im Bildungsprozess befindliche Arbeiterbewegung traf sich vornehmlich in Kneipen, was natürlich zu der Herausbildung einer "proletarischen Trinkkultur" führte. Mit dieser Entwicklung einher ging die Verlagerung des Alkoholkonsums von der Arbeit in die Freizeit. Alkoholische Getränke waren keine Nahrungsmittel mehr, sondern wurden mehr und mehr zu einem Genussmittel. Verblüffend modern wirken aus heutiger Sicht die technischen Innovationen im Hotel-und Gaststättengewerbe vor mehr als 100 Jahren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wartete das Palast-Hotel an der Ecke Sonnenwall und Kuhstraße mit einer kleinen Sensation auf. Im Parterrebereich eröffnete am 19. April 1909 ein Automatenrestaurant. Die Location galt Anfang des 20. Jahrhunderts als Inbegriff der gastronomischen Zukunft. Zu ebener Erde konnte man belegte Brötchen für einen Groschen aus dem Automaten ziehen. Kein Bestellen, kein Warten, kein Trinkgeld. 1896 hatte die "Deutsche Automaten Gesellschaft", ein Zusammenschluss des Schokoladenfabrikanten Ludwig Stollwerck mit den Unternehmern und Erfindern Max Sielaff und Theodor Bergmann, die Idee auf der Internationalen Gewerbeausstellung in Berlin präsentiert: ein "electrisch-automatisches Restaurant". In Duisburg wollte man den Zug der Zeit nicht verpassen und übernahm das Konzept. Der anfängliche Boom ebbte in den zwanziger Jahren wieder ab. Die galoppierende Inflation brachte die Münzautomaten an ihre mechanischen Grenzen, mit Scheinen konnten sie damals nichts anfangen.

Der Strukturwandel erreichte auch die Freizeitbranche. Publikumsgeschmack und das Konsumverhalten änderten sich. Die Begeisterung des Publikums für bewegte Bilder löste in den 20er Jahren einen Boom bei den Lichtspieltheatern aus. Das Kinosterben begann dann erst viel später.

Nur eine Branche hat seit mehr als 100 Jahren keine Sorgen: Das Rotlichtviertel in Duisburg prosperiert weiter.

Quelle: RP
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