| 00.00 Uhr

Duisburg
Dem Höheren Wesen im Dativ

Duisburg: Dem Höheren Wesen im Dativ
Denis Scheck (Mitte) hält die Biografie von Oliver Kahn in die Höhe - besprochen wurde sie natürlich nicht. Da mussten auch Bettina Böttinger und Thomas Hettche lachen. FOTO: Andreas Probst
Duisburg. Literaturkritiker Denis Scheck unterhielt sich mit Bettina Böttinger und Thomas Hettche über deren Lieblingsbücher. Darunter waren Werke von Böll, Thomas Mann, Goethe und nicht zuletzt "Das Tagebuch der Anne Frank". Von Peter Klucken

Das Fernsehen, genauer das Erste und der WDR, testen zurzeit offenbar ein neues "Format" für eine Literatursendung. Dabei unterhält sich Denis Scheck, dem kein anderer Fernseh-Literaturkritiker das Wasser reichen kann, mit Gästen über deren Lieblingsbücher. Dass dieses Konzept aufgeht, konnte man am Donnerstagabend im vollbesetzten Kulturzentrum "Grammatikoff" erleben, wo Denis Scheck mit dem renommierten Schriftsteller Thomas Hettche und der bekannten Fernsehmoderatorin Bettina Böttinger über Bücher sprach, die für die beiden eine Art Lebensbegleiter waren.

Sowohl Scheck als auch Hettche zeigten sich erstaunt darüber, dass Bettina Böttinger mit Heinrich Böll den Anfang machte. Der Literaturnobelpreisträger von 1972, so Scheck, schien doch in den vergangenen Jahren den "Kampf um die Unsterblichkeit" verloren zu haben. Doch nun scheint sich eine Wende in der Bewertung anzubahnen. Und Bettina Böttinger gehört zu den Leserinnen, die besonders Bölls Kurzgeschichten und Erzählungen wieder als aktuell empfinden. Dazu gehört auch die Satire "Dr. Murkes gesammeltes Schweigen". Daraus las Bettina Böttinger - sehr schön - eine Passage vor. Und die Zuhörer amüsierten sich köstlich, wie der Rundfunk-Redakteur Murke, den "großen Bur-Malottke" dazu bringt, das Wort "Gott" durch die Umschreibung "Jenes Höhere Wesen, das wir verehren", in allen Deklinationsformen für den Tonbandmitschnitt zu ersetzen.

Als Bettina Böttinger im Verlauf des Abends ihr zweites Lieblingsbuch, nämlich "Das Tagebuch der Anne Frank", vorstellte, fragte Scheck scheinbar erstaunt nach, ob sie auch noch heute ihre Schullektüre als lebenswichtig empfinde. Bettina Böttinger konterte, dass sie "Das Tagebuch der Anne Frank" nicht für die Schule gelesen habe. Das Buch sei für sie vielmehr wichtig, weil es die Nazizeit aus einem anderen Blickwinkel als dem der Historiker schildert. Nicht zuletzt sei sie fasziniert davon, eine wie gute und oft auch witzige Schriftstellerin Anne Frank schon mit 13 bis 15 Jahren gewesen sei. Und da konnte Scheck nur zustimmen. Er habe erst in den vergangenen Tagen das "Tagebuch" gelesen, weil ihm Bettina Böttinger ihre Lektüreempfehlung verraten habe. Und er sei nach wenigen Seiten von dem Buch fasziniert gewesen; die Erinnerung an eine aufgenötigte Schullektüre sei vollkommen verblasst.

Als drittes Lieblingsbuch hatte Bettina Böttinger "Die imaginierte Weiblichkeit" von Silvia Bovenschen mitgebracht. Dieses 1979 erschienene Buch, übrigens die Doktorarbeit der Autorin, habe sie als Paukenschlag empfunden.

Wissenschaftlich genau und dennoch gut lesbar habe Silvia Bovenschen herausgearbeitet, dass die Frau in der Kultur- und Geistesgeschichte kaum oder nur in zum Teil hanebüchenen Rollenstereotypen vorkomme. Das Buch habe eine kaum zu unterschätzende Wirkung gehabt.

Die Lieblingsbücher von Thomas Hettche sind Goethes "Wahlverwandtschaften", Thomas Manns "Doktor Faustus" und "All die schönen Pferde" von Cormac McCarthy. Goethes "Wahlverwandtschaften" aus dem Jahr 1809 empfinde er als einen auch heute noch modernen Roman; eine Einschätzung, die Denis Scheck uneingeschränkt teilt. Die "Wahlverwandtschaften" seien genauso aktuell wie heute die Bücher von Michel Houellebecq. Der "Doktor Faustus" habe ihn, Hettche, der aus einer bildungsfernen Familie stamme, Kultur nahegebracht. Thomas Manns Musikbeschreibungen seien unübertroffen. Und die Lektüre des modernen Klassikers von Cormac McCarthy sei einfach eine Wucht. (Übrigens: "All die schönen Pferde" wurde auf der 100-Bestenliste der RP kürzlich auf Platz fünf gesetzt).

Die Besucher im Grammatikoff waren höchst angetan von dieser Art der Literaturvorstellung. Hier konnten die Teilnehmer, vom Witz des Moderators Denis Scheck inspiriert, auch mal einen Satz zu Ende sprechen, ohne dass ihnen jemand aggressiv ins Wort fällt - was beim jüngsten "Literarischen Quartett" im ZDF mal wieder der Fall war.

Höhepunkte der Veranstaltung ab sofort im Internet unter www.DasErste.de/druckrisch

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Duisburg: Dem Höheren Wesen im Dativ


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.