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Rp-Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten
Den Kaiserberg umweht der Zeitgeist

Rp-Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten: Den Kaiserberg umweht der Zeitgeist
Die historische Ansichtskarte vom Kaiserberg zeigt das Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Im Hintergunr der am 18. März 1945 zerstörte Wasserturm. Der Turmstumpf ist heute noch vorhanden. FOTO: Harald Küst
Duisburg. Generationen von Duisburgern haben es getan: Sie sind am Wochenende mit der Straßenbahn nach Duissern gefahren und haben dort den "Berg" bestiegen, der 1881 seinen bis heute bestehenden Namen bekam. Von Harald Küst

Vor etwa 150 Jahren entstanden die ersten Pläne zur Gestaltung des Duissernschen Bergs. Den neuen Namen "Kaiserberg" bekam der Berg 1881 zum zehnten Gründungsjubiläum des Deutschen Kaiserreichs im Jahre 1871. Neben dem imposanten Kaiser-Wilhelm-Denkmal komplettierten ein ausgedehntes Wegenetz, künstliche Teiche, Grotten, Höhlen, Schlossruinen sowie ein Botanischer Garten die spektakuläre Anlage.

Doch der Reihe nach: Die Sedanwiese war eine der ersten Verschönerungsaktionen auf dem Kaiserberg. Die Namensgebung 1871 basierte auf der Schlacht bei Sedan. Der Sieg über Frankreich am 2. September 1870 war Anlass, an diesem Tag alljährlich auf der Sedanwiese ein Volksfest zu feiern. Patriotische Gefühle hatten Hochkonjunktur. Den Veranstaltungsbesuch förderte die Obrigkeit durch verschiedene Anreize. Die Schulkinder wurden auf Kosten der Stadt mit "Reichsbrezeln" beköstigt. Auch dem Alkohol wurde zugesprochen, offenbar mehr als gesund war: " ....die Verabreichung geistiger Getränke an Kindern führe dazu, dass dieselben dutzendweise total betrunken und bewusstlos auf der Straße und in den Gräben lagen", schrieb die linke Presse.

Die erzieherischen Ideale waren andere: Mit Sportfesten sollte der patriotische Geist der Jugend gestärkt werden. Ober-Turnlehrer Dietrich Henning galt als Vater des am 20. Mai 1883 erstmals abgehaltenen "Kaiserberg Sportfestes". Bis 1909 fanden die Feste unter Federführung des Turnvereins 1848 statt. Vorsitzender des Vereins war der Fabrikbesitzer Curtius.

Bürgerverein, Sponsoren und Stadtverwaltung zogen an einem Strang. Auch der Stadtbaumeister Schülke hatte in den Jahren 1874-1881 maßgeblichen Anteil an der Ausgestaltung der Kaiserberganlagen. So entstand die künstliche Grotte nebst Natursteinwand nach dem Vorbild der Dechenhöhle bei Letmathe. 20 Pfennig kostete die Höhlenbesichtigung.

In der wilhelminischen Zeit wurde der Kaiserberg ein beliebtes Ausflugsziel. Die Fehleinschätzung über die Folgen des Kriegseintritts spiegelten sich in der makaber anmutenden Planung der Kriegsgräberstätte wider. Der im Jahre 1914 auf Ratsbeschluss der Stadt Duisburg angelegte Ehrenfriedhof war ursprünglich für 104 Gefallene des 1. Weltkrieges gedacht, musste aber dann auf 829 Grabstätten erweitert werden.

Die Einweihung der Kriegsgräberstätte erfolgte bereits am 11. Dezember 1914 durch Oberbürgermeister Karl Jarres. Da glaubten die Duisburger und das Reich noch an einen schnellen Sieg. Es kam anders. Nach dem verlorenen 1. Weltkrieg nahm die Stadt den Ausbau des Parks erst verzögert wieder auf. Das ambivalente Verhältnis zur Niederlage spiegelt das 1921 aufgestellte "Standbild des jungen Kriegers" (Siegfriedfigur) wider.

Der Künstler, Hubert Netzer, beschrieb die Figur als "Standbild eines jungen Kriegers, der trotzig den Kampf aufgibt". Die Deutungen sind bis heute unterschiedlich, da nicht eindeutig zu erkennen sei, ob der dargestellte Krieger sein Schwert in die Scheide zurücksteckt oder aber kriegerisch zum Kampfe herauszieht. Als "demokratischer Gegenpol" zum muskulösen Siegfried-Krieger kann die Plastik "Sitzender Jüngling" des Duisburger Künstlers Wilhelm Lehmbruck (1881-1919) interpretiert werden, die 1922 als zusätzliches Ehrenmal auf dem Friedhof aufgestellt wurde. Der Kopf der Skulptur hängt erschöpft herunter, wie bei einem Menschen nach einer Niederlage. Bis heute kursieren zum Verbleib der Lehmbruck-Skulptur "Sitzender Jüngling" verschiedene Gerüchte. Oftmals wird behauptet, die Plastik wäre 1937 als "entartet" entfernt worden. Dann heißt es wieder, die Plastik sei bei einem Luftangriff kurz vor Kriegsende beschädigt und deshalb entfernt worden. Ein Bronzeabguss steht heute im Lehmbruck-Museum.

Die politische Polarisierung gegen Ende der Weimarer Republik wurde durch eine Initiative des Kriegervereins deutlich. Veteranen aus dem 1. Weltkrieg und Unterstützer des 193er Infanterieregiments setzten sich Anfang der 30er Jahre für ein neues Denkmal auf dem Ehrenfriedhof ein. Eine gute Gelegenheit für den NSDAP-Oberbürgermeister Ernst Kelter, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen. Mit viel Aufwand wurde am 2. Sepptember 1933 (Sedantag!) das kubusförmige Denkmal mit militanter Inschrift eingeweiht. Der Textauszug lautete: "Und finden die Zeichen die Enkel später, hört wie sie stammeln, Gott, nur das Eine, mach uns so eisern, so deutsch wie die Väter." Die nationalistischen und kriegsverherrlichenden Inschriften waren in der Folgezeit immer umstritten. Reste des von Frostschäden verwitterten Steinkubus, wurden im März 2015 abgebaut.

Heute ist die Sedanwiese immer noch ein beliebter Treffpunkt für Spaziergänger und Hundefreunde. Abseits vom Großstadtlärm strahlt der Waldpark Ruhe und Entspannung aus. Für eine historische Spurensuche sollte man sich Zeit nehmen. Vieles ist heute verschwunden. Das wird am Kaiser-Wilhelm-Denkmal deutlich. Die imposante Statue endete 1942 als Metallspende. - Die vergangene Pracht ist verblasst, aber der morbide Charme der verbliebenen Denkmäler entfaltet eine nachdenklich machende Wirkung.

Quelle: RP
 
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