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Rp-Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten
Der Henkelmann - Esskultur der 50er

Rp-Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten: Der Henkelmann - Esskultur der 50er
Der Henkelmann war für den Transport von Essen (wie Suppen, Kartoffeln, Gemüse) gedacht und konnte ohne Umfüllen im Wasserbad erwärmt werden. Der hier abgebildete Henkelmann befindet sich im Kultur- und Stadthistorischen Museum. foto: harald küst FOTO: Harald Küst
Duisburg. Essen aus Behältern ist wieder angesagt. Tiffin nennt sich der trendige Nachfolger des einst bei Werktätigen allgegenwärtigen Henkelmanns. Der war ein Kind des Ruhrgebiets und der Vorgänger der modernen Lunchbox. Von Harald Küst

Tupper-Ware oder Lunchbox sind bekannt, aber die Bezeichnung "Henkelmann" löst bei vielen jungen Leuten eher ein Achselzucken aus. Dabei ist der Henkelmann ein Kind des Ruhrgebiets - Urahn und Vorgänger der modernen Lunchbox. In den Fabriken, im Bergbau und auf der Baustelle gehörte der Henkelmann einfach dazu. Ein verschließbarer Behälter, der mit einem Tragebügel versehen war.

Bis in die 60er Jahre griff der Duisburger Arbeiter zum Henkelmann. Die Mahlzeiten wurden von zu Hause mitgebracht - im metallenen Henkelmann, der das Mittagsessen enthielt. Die Arbeit war hart und anstrengend. Industriearbeit dominierte. Lange Arbeitszeiten und Überstunden waren die Regel. Damals gab es in den Fabriken keine Werkskantine. Die Arbeiter aßen je nach Wetterlage draußen vor den Werkhallen oder direkt am Arbeitsplatz. Den Henkelmann gab es in den verschiedensten Ausführungen, emailliert oder in Aluminium, als Einzel- oder Mehrfachbehälter.

In der Fabrik wurden die Henkelmänner im Wasserbad oder unter Wasserdampf erhitzt. Das war Aufgabe der Lehrlinge. Lag die Wohnung in der Nähe des Arbeitsplatzes übergaben die Frauen ihrem Männern den Henkelmann am Werkstor, sobald die Werkssirene zur Mittagspause rief. Das hatte den Vorteil, dass die frischgekochte Mahlzeit nicht aufgewärmt werden musste. Meist gab es Eintopf, Bohnensuppe oder Gemüse "durcheinander". Ein oder gar zwei Mettwürstchen krönten das Mittagessen. Stielmus mit Schweinebauch oder Sauerkraut mit Speck war ebenfalls beliebt. Die Rollenverteilung war klar geregelt. "Was koche ich heute für meinen Mann", war damals noch eine wichtige Lebensfrage der Frau. Der Mann war zumeist der Alleinverdiener und die Frau hütete die Kinder und das Haus und sorgte für die Mahlzeiten.

Die Fünf-Tage-Woche war in den 50er Jahren noch in weiter Ferne und das Gewerkschafts-Motto "Samstags gehört Vati mir" eher ein Wunschtraum. Schichtarbeit, Pausensirene und Stempeluhr bestimmten den Griff zum Henkelmann. Er wurde zum Symbol der Alltagskultur. Es ging aufwärts. Vollbeschäftigung verkündete der Arbeitsmarktbericht. Die Arbeitslosenquote lag 1956 bei 1,3 Prozent und befand sich weiter auf dem Sinkflug. 1961 betrug die Quote 0,4 Prozent! Der durchschnittliche Jahresurlaub lag 1960 bei 15 Tagen. Der Facharbeiterecklohn in der Stahlindustrie kletterte 1953 von 1,48 DM auf 2,03 DM im Jahr 1959. Das Wirtschaftswunder nahm Fahrt auf. Die Essgewohnheiten änderten sich. Mit dem Aufkommen von Werks- kantinen, Imbissbuden und Automaten auf dem Werksgelände verschwand der Henkelmann aus dem Arbeitsalltag. Der Strukturwandel zeigt gravierende Veränderungen beim Essverhalten. Heutzutage kochen nur noch 42 Prozent der Haushalte selbst. Und selbst Kinder gehen vielfach ohne die erste Mahlzeit des Tages aus dem Haus. "Take Away Food", Schnellimbiss, Bäckereiketten und Fertiggerichte sind Alltagsnormalität. Doch Totgesagte leben länger. Das Angebot an Henkelmännern bei Amazon ist beeindruckend. Jahrzehnte später feiert der Henkelmann seine Wiederauferstehung: Statt in Einwegverpackungen aus Styropor, Aluminium oder Plastik können neuerdings umweltbewusste Kunden ihr Essen in mehrschichtigen Lunchboxen aus Edelstahl mit nach Hause oder ins Büro nehmen. Die trendige Variante für Take-Away-Essen kommt aus Indien. Dort nennt man den Henkelmann Tiffin. Tiffins werden wie ein kleiner Turm zusammengesteckt und von einem Bügel gehalten. Ähnlich wie der gute alte Henkelmann. Manche Dinge brauchen eben Zeit bis zur Wiederentdeckung.

Quelle: RP
 
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