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Duisburg
Der "Käfig": Befreiung zum Licht

Duisburg. Im Wilhelm-Lehmbruck-Museum ist bis zum 18. April die Ausstellung "Alberto Giacometti – die Frau auf dem Wagen. Triumph und Tod" zu sehen. In einer kleinen Serie begleitet die RP diese international bedeutsame Schau. Autor ist der Kurator der Giacometti-Ausstellung und und stellvertretende Museumsdirektor, Dr. Gottlieb Leinz.

Dargestellt ist auf zwei Ebenen mit durchlaufender käfigförmige Rahmung ein graziler Frauenakt sowie ein demonstrativ von ihr abgewandter Männerkopf. Dieser sitzt nur mit Hals und Kopf auf dem Sockelboden auf. Während die Frau mit erhobenen Armen die Außenstangen umfasst, scheint die Männerbüste passiv in die Ferne zu schauen. Bereits in dieser Nebeneinanderstellung deutet sich ein Drama an, das in seiner "unerträglichen" Spannung die dynamische Rolle der Frau im Lebenskampf unterstreicht. Giacometti selbst hat die Position und Haltung gerade dieser Frau durch zahlreiche Studien vorbereitet, die in der Ausstellung zu sehen sind. Einzigartig wirkt die Abweichung vom altägyptischen Figurenkanon, der mit der "Frau auf dem Wagen" auch für die Großplastik eingeführt worden war.

Schicksalsraum

Diese Besonderheit verdeutlichen auch die Graffiti aus dem Schlafzimmer des Ateliers in Paris, das als abgenommenes Wandfragment in der Ausstellung zu sehen ist.

Gerade hier lässt sich die Haltung der Arme deuten als das Hinwegziehen von Vorhängen, die den Binnenraum verdunkeln und abgrenzen. Die Frau sucht sich demonstrativ und ohne Rücksicht auf die Passivität des Mannes aus dem Käfig, dem Schicksalsraum eines jeden Menschen, zu befreien. Dabei greift sie zur Geste flügelförmiger Bewegung, die ebenso die Sonnengöttin auf dem großen zweirädrigen "Wagen" als Apotheose zum Licht charakterisiert. Nach James Lord, der die umfassendste Biographie zu Giacometti geschrieben hat, handelt es sich bei dieser Fassung zum "Käfig" um eine der bedeutendsten Skulpturen des Bildhauers.

Bis zu seinem Tod soll er gerade dieses zerbrechliche Werk sorgfältig in seinem Atelier aufbewahrt haben.

Quelle: RP
 
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