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Duisburg
Der Kinderarzt vom Petershof in Marxloh

Duisburg. Prof. Klaus G. Pistor gehört zu den Medizinern, die in Marxloh Sprechstunde halten für Menschen ohne Versicherungsschutz. Von "im Fremden Begegnet Dir Christus" von Bernfried Paus

Wer zum Arzt muss, versichert sich zunächst, dass er auch das Kärtchen seiner Krankenversicherung dabei hat. Sonst geht in der Praxis gar nichts. Doch es gibt viele, die nicht krankenversichert sind. Allein im Duisburger Norden leben rund 10.000 Menschen ohne Krankenversicherung, davon fast die Hälfte Kinder. Roma aus Bulgarien oder Rumänien, Türken, Schwarzafrikaner oder Syrer, die kaum ein Wort Deutsch sprechen oder verstehen. Das macht es ihnen schon nicht leicht, ihren Alltag zu bewältigen. Wenn sie krank werden, wird's oft dramatisch. Einer, der sich um diese Menschen kümmert, ist Prof. Klaus Pistor (75) aus Alpen. Der langjährige Direktor der Kinderklinik am Bethanien-Hospital in Moers hält einmal pro Woche einen ganzen Nachmittag lang Sprechstunde im "Petershof" in Marxloh - ehrenamtlich, damit auch Kinder medizinisch betreut werden, die mit Familien außerhalb des Systems leben.

Der Kinderarzt kehrt im sozialpastoralen Zentrum der Gemeinde St. Peter zur Barfußmedizin zurück. Er kennt die Hochleistungsmedizin an Universitätskliniken, nun praktiziert er in Verhältnissen, die er mit einer "Missionsstation" in Entwicklungsländern vergleicht.

Durch einen TV-Bericht ist Prof. Pistor auf den "Petershof" und die Initiative von Pater Oliver Potschein aufmerksam geworden, wo Dr. Anne Rauhut und Schwester Ursula Preußer eine "niederschwellige freie Sprechstunde" anbieten - ohne Anmeldung und Termin. Pater Oliver, der "Papst von Marxloh", leitet seit Herbst 2012 das Sozialpastorale Zentrum im Stadtteil "mit besonderem Erneuerungsbedarf". So heißt das im Verwaltungsdeutsch.

Der Andrang ist so riesig, dass weitere Ärzte für das "Projekt Infirmarium" gesucht wurden. Als Infirmarium wird seit dem Mittelalter der Ort eines Klosters bezeichnet, in dem Kranke versorgt werden und den Armen geholfen wird, wenn staatlich oder gesellschaftliche Fürsorge nicht mehr greifen. "Das wär' doch auch was für Dich", hat Anne Pistor zu ihrem Mann gesagt.

An einem Donnerstag im Juli ist er ins offene Pfarrhaus gefahren, nur den weißen Kittel im Gepäck und war mitten drin im turbulenten Geschehen des bunten Völkergemischs, das auf der Treppe geduldig darauf wartete, an der Reihe zu sein: Alte, Junge, Männer, Frauen - vor allem Mütter, oft mit einer Handvoll Kindern - bis zu 80 Patienten, die zum Doktor wollen. Der hat enorm viel zu tun, sobald um 13 Uhr der erste kleine Patient mit der Mama ins Sprechzimmer tritt. Dann geht's bis in den Abend - ohne Unterbrechung. "Das erfordert hohe Konzentration. Man will ja keinen Fehler machen", so Pistor. Er empfindet den Einsatz für Ärmsten nicht als Last. "Es freut mich, dass ich helfen kann", sagt er. "Die Dankbarkeit, die mir entgegengebracht wird, tut mir gut", sagt er über seinen Gewinn bei der humanitären Arbeit.

Die größte Herausforderung sei nicht medizinischer Art: "Es ist die Verständigung. Sie ist trotz der Dolmetscher, die immer dabei sind, das größte Problem", so der Arzt. Er spricht neben Englisch auch Spanisch. Das hilft bisweilen, weil viele Roma in Spanien gelebt hätten.

Da fällt ihm die Geschichte des achtjährigen Jungen aus Rumänien ein, der ins Sprechzimmer trat und immer mit seinem Finger auf einen Zahn deutete, der ihm augenscheinlich große Pein bescherte. "Der Zahn war eine einzige Ruine", so Pistor, der zunächst ein Schmerzmittel verabreichte und einen Termin beim Zahnarzt vereinbarte. Eine Woche später stand der Knirps wieder vor ihm. Und zeigte auf seinen faulen Zahn. "Da war niemand in seiner Familie, der mit ihm zum Zahnarzt gegangen ist", so der Professor, "also ist eine Helferin mit ihm direkt zum Zahnarzt gefahren, weil es ihr das Herz zerrissen hat".

Genau so wichtig wie die akute Schmerzbehandlung sei die Nachsorge, die Vorsorge bedeute: "Die Familien leben in sehr beengten Verhältnissen, in einer Welt, die einem den Atem verschlägt, deren Standards mit unseren nicht zu vergleichen sind." So gibt's mit der Tablette eine Zahnbürste und Zahnpasta für Zuhause.

Prof. Pistor begegnet in der Sprechzeit die ganze Palette der Kinderkrankheiten, von der Impfung eines Säuglings bis hin zur Versorgung eines Jugendlichen: Durchfälle, Ausschlag, Blutarmut oder Rachitis - Knochenweichheit, die auch als "Englische Krankheit" bekannt ist. Die diagnostischen Hilfsmittel beschränken sich auf die Basics. Die Apotheke wird aus Spenden bestückt. "Auch die Apotheker in Alpen sind unserer Arbeit sehr aufgeschlossen", sagt Klaus Pistor. Und er lobt die umliegenden Kliniken. "Bei schwieriger Labor-Diagnostik treffen wir da auf offene Ohren. Die Kollegen stehen helfend zur Seite."

Im Petershof hat der renommierte Mediziner seine frühere Kollegin Dr. Ulrike Beyer wiedergetroffen. Sie hatte bis zur Pensionierung eine Kinderarztpraxis in Neukirchen-Vluyn und gehört in Marxloh zum Stamm der ehrenamtlichen Mediziner. Die Sprechstunde im Petershof, so wichtig sie sei, müsse flankiert werden. Oft sei es sehr schwierig, die Eltern der kleinen Patienten ausfindig zu machen, noch schwieriger dem Befund angemessenes Verhalten nachhaltig zu vermitteln. "Aber am wichtigsten ist, so Prof. Pistor, "dass die Familien Versicherungsschutz erhalten." Davon haben sie im Petershof schon an höchster Stelle Überzeugungsarbeit geleistet. Bundeskanzlerin Angela Merkel war ebenso in Marxloh wie Vize-Kanzler Sigmar Gabriel. Aber der Arzt geht weiter davon aus, dass seine Arbeit und die seiner ehrenamtlichen Kollegen hier noch eine ganze Zeit lang unverzichtbar sein wird. "Ich mache das gern", sagt der Professor und lächelt.

Quelle: RP
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