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Eine Woche nach dem Loveparade
Die Lehren aus der Katastrophe
Die Trauerfeier für die Opfer
Die Trauerfeier für die Opfer FOTO: AP
Eine Woche nach dem Loveparade. (RP). Fast alle wollten die Loveparade. Dann passierte die Katastrophe. Jetzt will keiner die Last der Schuld. Unsere Mediengesellschaft, stets an Vereinfachung interessiert, hat flugs in Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland den Alleinschuldigen ausgemacht. Vielen anderen Beteiligten käme das sehr entgegen. Von Sven Gösmann

Es wäre aber viel zu einfach. Die Katastrophe von Duisburg hat nicht nur einen Verursacher oder eine Ursache. Sie ist die tödliche Summe aus Unvermögen, genereller wie situativer Überforderung, Geldgier, Ignoranz und Dummheit.

Fast alle wollten die Loveparade.

Natürlich war da Adolf Sauerland von der CDU, der biedere Bürgermeister einer Kommune mit Milliardenschulden. Endlich das Image von Schmuddel-Schimanski und Mafiamorden abstreifen, Vorsteher einer sagenhaften "Metropole Ruhr" sein! Adolf Sauerland, darin liegt seine Tragik, hat seine eigenen überzogenen Wahlversprechen geglaubt. Seine als Aktivität getarnte Großmannssucht schuf jenes Klima, in dem ein mit Hobbypolitikern besetzter Stadtrat das Großprojekt einmütig abnickte. Die scharfen Sauerland-Kritiker von heute – damals waren sie schweigsame Lämmer.

Fast alle wollten die Loveparade.

Da waren die Dezernenten, die heute aus Angst auch nicht zur Trauerfeier gehen können. Sie setzten um, was sie als verantwortungsvolle Beamte hätten stoppen können und müssen. Dass nun der Kulturdezernent als letzter unbelasteter Spitzenbeamter den Krisenstab der Stadt leitet, spricht Bände.

Fast alle wollten die Loveparade.

Da war auch der schneidige SPD-Innenminister Ralf Jäger. Am Tag vor der Loveparade bejubelte er das Sicherheitskonzept in einer Pressemitteilung, die er nach der Katastrophe schnell aus dem Internet entfernen ließ. In der Schuldfrage verweist er auf die Stadt und den Veranstalter. Auffällig blieb, wie sehr Jäger und sein ranghöchster Polizist, Inspekteur Dieter Wehe, in dieser Woche nicht von der Polizei als solcher, sondern immer von der Darstellung "der Duisburger Polizei" sprachen, auf die sie sich bislang stützen müssten. So bringt man postensichernde Distanz zwischen sich und seine Duisburger Untergebenen. Heute, am Tag der Trauer, sollten wir uns nicht im wichtigen Klein-Klein der Aufarbeitung verlieren: Aber die Polizei wird sich noch kritischen Fragen zu ihrer Rolle stellen müssen.

Fast alle wollten die Loveparade.

An Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller gibt es diese kritischen Fragen fast nicht mehr. Er hat die einst sympathisch-versponnene Idee der musikalischen Demonstration für die Liebe unter den Menschen pervertiert. Ihr erging es damit wie vielen kommerzialisierten Ideen. Sie verlor jeden Charme, wurde hohles Geschäft. Geldgier ersetzte Esprit, in diesem Fall mit tödlichen Folgen.

Fast alle wollten die Loveparade.

Da waren die Macher der um Aufmerksamkeit buhlenden Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr 2010. Im lokalpatriotischen Einklang mit den Ruhrgebietsmedien erhöhten sie den Druck auf die Duisburger Politik, damit die Loveparade ein wenig jugendlichen Glanz auf das Kultur-Festival werfe. Völlig überzogene Erwartungen verbanden diese Öffentlichkeits-Arbeiter mit der längst zur geistlosen Hülle verkommenen Tam-Tam-Veranstaltung auf einem abgewrackten Güterbahnhofsgelände. Nicht weniger als einen Zeitensprung sollte die Loveparade für das Ruhrgebiet bringen. Um das zu glauben, bedarf es schon des dem Ruhrgebiet immanenten Minderwertigkeitskomplexes. Die, freundlich ausgedrückt, selbstbewussten Düsseldorfer etwa machten einen großen Bogen um die Loveparade, als sie ihnen angeboten wurde. Duisburg, der ewige Underdog, griff zu. Wer nicht mitzog, war eine Spaßbremse.

Fast alle wollten die Loveparade. Keiner will die Last der Schuld.

Erfahrungsgemäß ist die juristische Aufarbeitung von Katastrophen wie in Duisburg schwierig bis aussichtslos. Kaum jemand dürfte verurteilt, höchstens Adolf Sauerland pensionsberechtigt abgewählt werden. Ruhr 2010 wird weiterlaufen. Den Angehörigen der Opfer, den Verletzten und Traumatisierten bleibt zu wünschen, dass sie in ein halbwegs normales Leben zurückfinden. Und Duisburg? Es steht jetzt auf einer traurigen Landkarte neben Ramstein oder Eschede.

Quelle: RP
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