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Duisburg
Die Not übersteigt die Möglichkeiten

Duisburg: Die Not übersteigt die Möglichkeiten
Pater Oliver Potschien hat mit seinem Einsatz im "Petershof" in Marxloh Schlagzeilen gemacht und unter anderem die Bundeskanzlerin auf sich aufmerksam gemacht. FOTO: Achim Pohl
Duisburg. Von einer Notlösung zur Institution: Das "Infirmarium" im Marxloher Petershof ist Anlaufstelle für Hilfsbedürftige, die nicht krankenversichert sind. Ende November soll es seine Pforten schließen und nur weitervermitteln. Von Julia Zuew

Die Spenden und helfenden Hände reichen nicht aus, um alles zu schaffen. Nach knapp zwei Jahren Arbeit wird Ende November das so genannte Infirmarium am Petershof in Marxloh aufgelöst.

Ein kleines Stück Plastik macht den großen Unterschied: Ohne Krankenversicherungskarte bleibt die Tür bei Ärzten und Krankenhäusern gewöhnlich zu. Für rund 16.400 EU-Zuwanderer in Duisburg ist dies Realität. Das im Herbst 2014 gegründete Infirmarium ist in den vergangenen Jahren für viele Einwanderer zur medizinischen Not-Anlaufstelle geworden. Bis zu 120 Menschen am Tag kämen zurzeit in die Einrichtung, berichtet Pater Oliver Potschien, Leiter des Petershofs.

Dabei war von Beginn an "das erklärte Ziel, das Infirmarium so schnell wie möglich wieder aufzulösen", sagt Potschien. Jedoch kommen immer mehr Hilfsbedürftige zum Petershof - benötigte Materialien werden bei eBay gekauft. Mit Spenden und ehrenamtlichem Einsatz bemüht sich der Petershof, den Andrang zu bewältigen. "Besonders Kinder und Schwangere benötigen Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen", sagt Dieter Weber, Leiter des Gesundheitsamtes der Stadt Duisburg. "Es darf aber kein System jenseits der regulären medizinischen Versorgung geben." Nur in Krankenhäusern oder bei niedergelassenen Ärzten können die Menschen die nötige Grundversorgung auf Dauer erhalten. Potschien: "Die Not der Menschen, die zu uns kommen, übersteigt unsere ehrenamtlichen Möglichkeiten." Nach der Auflösung soll der Petershof jedoch eine Art Vermittlerrolle übernehmen.

Das Team hat sich an die Stadt gewandt - mit der Bitte um Hilfe, 16.000 Menschen wenigstens einen Arztbesuch zu ermöglichen, berichtet Potschien. "Die Stadt hat nun alle Ärzte angeschrieben, mit der Bitte um Beistand, damit den Menschen geholfen werden kann." Es soll außerdem ein Notfallfonds vom Bund angefordert werden. "Manchmal reicht ein Arztbesuch nicht aus, auch Behandlungen müssen bezahlt werden." Aus eigener Tasche können die ehrenamtlichen Helfer, Ärzte oder Krankenhäuser die Ausgaben in der Masse nicht stemmen. "Hamburg hat beispielsweise einen Fonds - es ist gut, in so einer Lage finanziellen Puffer zu haben", sagt Weber.

Langfristig gilt es allerdings, das Problem bei der Wurzel zu packen. "Oft sind Sprachbarrieren und Arbeitslosigkeit Gründe dafür, dass die Menschen nicht versichert sind." Wer nicht beschäftigt ist und auch beim Jobcenter nicht als arbeitssuchend gemeldet ist, habe gewöhnlich auch keine gesetzliche Krankenversicherung. Die meisten Einwanderer können höchstens eine EU-Versicherungskarte vorweisen - diese ist ursprünglich für befristete Reisen im Ausland vorgesehen. Diese deckt nur akute ambulante Behandlungen ab.

Sogenannten Clearingstellen in Zusammenarbeit mit der AWO Integration sollen ab dem 1. August in Marxloh und Hochfeld das Problem gezielt angehen. Clearingstellen sind Einrichtungen zur Koordination und Schlichtung zwischen verschiedenen Institutionen, Trägern und Angeboten. Andere Städte, wie beispielsweise Köln, haben bereits vorgelegt und punkten Weber zufolge mit guten Ergebnissen: "Einige Stellen berichten davon, dass viele Menschen auf diesem Wege erfolgreich versichert werden."

Quelle: RP
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