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RP-Serie Duisburger Geschichte und Geschichten
Die Wiederentdeckung der Gotenbibel

Duisburg. Die erste Abschrift der gotischen Buchstaben lieferte Arnold Mercator, ältester Sohn von Gerhard Mercator. Das Werk gehört zu den ältesten germanischen Texten überhaupt. Fundorte gibt es in Uppsala und neuerdings in Speyer. Von Harald Küst

Die Gotenbibel oder "Codex Argenteus" wurde 1554 von den beiden Humanisten Cornelius Wouters und Georg Cassander wiederentdeckt. Beide gehörten zum Freundeskreis von Gerhard Mercator. Das Prachtwerk gehört heute zum UNESCO Weltkulturerbe und liefert der Forschung tiefe Einblicke in die Sprache unserer germanischen Urahnen.

"Atta unsar thu in himinam, weihnai namo thein", so beginnt in der "Gotenbibel" das Vaterunser. Der Codex argenteus - so nennen Forscher das Werk mit den silbernen Buchstaben auf purpurfarbenem Pergament - gehört zu den ältesten germanischen Texten überhaupt.

Der Gote Wulfila, Schöpfer der Goten-Bibel, wurde 311 n.Chr. geboren und stieg bis zum Bischof auf. Er übersetzte die Bibel aus dem Griechischen in seine Heimatsprache. Eine herausragende Leistung. Das Gotische war eine Sprechsprache, keine Schriftsprache, also schuf Wulfila zuerst ein Alphabet. Die daraus entwickelte Schrift ist eine Mischung aus Runen, lateinischen sowie griechischen Lettern. Überliefert ist die Bibelübersetzung des Wulfila im berühmten Codex Argenteus. Der weitere Weg der "Gotenbibel" verlor sich in den dunklen Wirren der Völkerwanderung. Einer Theorie zufolge ist der Codex zur Zeit Karls des Großen nach Werden gelangt: Der Heilige Liudger hätte demnach den Codex auf Geheiß Karls des Großen in das von ihm gegründete Kloster Werden gebracht. Über 1000 Jahre war das Buch im Besitz der Werdener Benediktinerabtei.

Der Codex wird 1554 von Georg Cassander (1513-1566) und Cornelius Wouters (1512-1578) wiederentdeckt. Die beiden Humanisten lebten Mitte 16. Jahrhundert in Köln und waren zeitweise auch Untermieter in Mercators Wohnhaus an der Oberstraße. Sie gehörten zum Freundeskreis des großen Geographen und dessen ältesten Sohn Arnold Mercator (1537-1587). Arnold wiederum pflegte den Kontakt zu Heinrich Duden, dem späteren Abt der Abtei Werden.

Da Heinrich Duden 1573 zum Abt von Werden und Helmstedt gewählt wurde, muss Arnoldus Mercator also die Auszüge aus dem Codex argenteus vor 1573 gekannt haben. Die Kontakte mit dem Sprachforscher Cornelius Wouters und dem Theologen Cassander führten zur Wiederentdeckung der "Gotenbibel".

Obwohl einzelne Buchstaben verblasst waren, gelang es Arnold Mercator, eine Abschrift der gotischen Buchstaben aus dem "Codex Argenteus" zu erstellen. Ein gewisser Janus Gruterus veröffentlichte 1602 weitere Auszüge aus dem "Codex argenteus" im gotischen Alphabet und mit deutscher Übersetzung, denen Aufzeichnungen von Arnold Mercator zugrunde lagen, die dieser Jahrzehnte zuvor im Kloster Werden angefertigt hatte.

Gruterus gelangte durch Arnolds Sohn Michael in den Besitz der Aufzeichnungen des 1587 verstorbenen Arnold Mercator. Mithilfe der Notizen des Nachlasses rekonstruierte Gruterus gewissenhaft ein gotisches Alphabet, das auf Arnolds Arbeiten fußt und den Codex für die zeitgenössischen Wissenschaftler lesbar macht, so der Duisburger Historiker Jonas Krüning.

Der Codex wurde zum Ende des 16. Jahrhunderts an den späteren Kaiser Rudolf II. verkauft und kam nach Prag. Ende des Dreißigjährigen Krieges (1648) wurde er zur Kriegsbeute der Schweden und gelangte nach Schweden. Von dort kam der Codex wiederum nach Holland.

Angeblich mussten die Schweden damit ihre Schulden beim holländischen Archivar Isaac Vossius bezahlen. Der damalige schwedische Reichskanzler Magnus Gabriel de la Gardie kaufte 1665 das "germanische Nationalheiligtum" zurück und schwor, es nie mehr aus Schweden heraus zu lassen.

Immerhin 187 Bögen liegen heute in der Universitätsbibliothek Uppsala. Die restlichen 148 des gefledderten Prachtwerks sind spurlos verschwunden. 1970 gab es eine kleine Sensation: Bei der Restaurierung der Afrakapelle im Dom zu Speyer wurde das purpurne Pergamentblatt 336 des Codex Argenteus entdeckt.

Die Schlussseite mit dem letzten Teil des Markusevangeliums fand man in einer Kiste unter dem Fußboden der Altarkonche. Vielleicht gelingt irgendwann ein weiterer Sensationsfund?

Quelle: RP
 
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