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Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten
Duisburg als boomende Kinostadt

Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten: Duisburg als boomende Kinostadt
FOTO: Andreas Probst
Duisburg. 1955 verfügten die Duisburger Kinos über 26.366 Plätze. Das von Paul Bode und Peter Poelzig 1954 errichtete Duisburger "Europa-Haus" verbreitete Glanz und Aufbruchstimmung. Von Harald Küst

Ende 2018 will Projektentwickler Axel Funke mit seiner "Fokus Development" auf der Düsseldorfer Straße Nr. 5-7 neue Büro- und Geschäftshäuser errichten. Wann genau die Abriss-Bagger anrücken werden, steht allerdings noch nicht fest. Das freigezogene Gebäude auf der Düsseldorfer Straße Nr. 5-7 mit der durch Graffiti verunstalteten Fassade hat eine bewegte Geschichte: Das 1954 aus den Ruinen des einstigen Börsenhauses entstandene Europa-Haus beherbergte das Kaufhaus DEFAKA , ein Restaurant, die Zentralbibliothek, Büros, Wohnungen und ein prächtiges Lichtspielhaus, den "Europa-Palast" mit dem Studio im Kellergeschoss. Mit dem geplanten Abriss des Europa-Hauses " geht die einstige glanzvolle Aura des Europa-Palastes für immer verloren" , so Kai Gottlob, Chef des Filmforums.

In den 50er Jahren boomte die Kinobranche. 1955 verfügten die Duisburger Kinos über 26.366 Plätze. Das von Paul Bode und Peter Poelzig 1954 errichtete Duisburger "Europa-Haus" verbreitete Glanz und Aufbruchstimmung. Die damalige Großkino-Architektur war Spiegelbild der Publikumsbedürfnisse nach Unterhaltung, Fortschritt und Modernität. Der Kunsthistoriker und Stilästhet Holger Klein-Wiel beschreibt das reizvolle Ambiente: "Bei dem Saal des Europa-Palastes handelte es sich um ein außergewöhnlich spannungsreich komponiertes Raumgefüge, das in der Kinoarchitektur der 50er Jahre einen Höhepunkt darstellte. Die gedeckten Farben wurden so gewählt, dass keine Ablenkung vom Film erfolgte: Chromgelb und ein violettstichiges Rot." Das Flaggschiff Europa-Palast mit 1200 Plätzen und das Studio mit 350 Plätzen im Kellergeschoss betrieb Hanns Eckelkamp. Sein Name ist untrennbar mit der Duisburger Filmgeschichte verknüpft. Zu seiner Kinokette gehörten auch Deli, Rialto und der U.T.- Palast - mit Todd AO-Projektionssystem. Eckelkamp stieg bald auch ins Verleihgeschäft ein. Der umtriebige Geschäftsmann gründete 1960 den Atlas-Filmverleih und erwarb die Rechte an "12 Uhr mittags".

Der nächste Coup gelang ihm mit dem Vertrieb des Skandalfilms "Das Schweigen" von Ingmar Bergman. Der Besucherandrang bescherte Eckelkamp einen riesigen kommerziellen Erfolg. Das "Studio" zeigte den Film ungeschnitten. Drei damals Aufsehen erregenden Sexszenen führten zum Skandal. Bei der Staatsanwaltschaft in Duisburg, wo der "Atlas-Filmverleih" ansässig war, gingen nach dem Kinostart aus ganz Westdeutschland 108 Strafanzeigen ein, die im Übrigen nicht weiterverfolgt wurden, da der Film im Sinne des Paragrafen 184 StGB nicht "unzüchtig" sei, wie es damals hieß. Am 19. März 1964 befasste sich sogar der Bundestag mit der Spruchpraxis der Freiwilligen Selbstkontrolle. Ingmar Bergmans metaphorisches Drama "Das Schweigen" erhielt das "Prädikat: Besonders wertvoll". Tatsächlich hatte Eckelkamp einen hohen künstlerischen und gestalterischen Anspruch: Er produzierte Filme mit Herbert Vesely, Jürgen Roland, Ulrich Schamoni, Rainer Werner Fassbinder - und schrieb so filmisch Nachkriegsgeschichte.

Kreative Marketingaktionen mit anspruchsvoller Plakatkunst erregten höchste Aufmerksamkeit beim Publikum. Die Besucherzahlen stiegen. Der Atlas-Filmverleih war damals bekannter als die UFA. Aber auch der einstmals erfolgreiche Verleih geriet in schwieriges Fahrwasser. Eckelkamp schaffte es, seine Verleihfirma nach der Krise neu zu positionieren. Ab Mitte der 60er Jahre war es allerdings mit der Kinoblüte vorbei. Das Fernsehen forderte seinen Tribut. Die meisten Kinos verschwanden leise. Das 1975 "modernisierte" Europa-Kino wechselte die Betreiber und versuchte mit "Schachtelkinos" sich gegen diese Entwicklung zu stemmen. Vergeblich - der Vorhang fiel. Nach Eröffnung des Multiplexkinos am Ostausgang des Hauptbahnhofs in den 90er Jahren schlossen innerhalb kurzer Zeit alle kommerziellen Lichtspielhäuser in der Innenstadt. Von den einst 62 Nachkriegskinos überlebte nur das kommunale Filmforum. Das anspruchsvolle Programmkino erwies sich als Glücksfall für die Duisburger Kinokultur. Es hat sich zu einem überregionalen Besuchermagneten entwickelt. "Kino hat viele Aspekte: Kultur, Architektur, Unterhaltung, Treffpunkt - und ist nicht zuletzt ein Wirtschaftsfaktor", so Kai Gottlob. Im Gespräch mit dem Chef des Filmforums wird Kinogeschichte lebendig. Im Filmarchiv werden historische Filmplakate, Projektoren und Klassiker der Filmgeschichte aufbewahrt. "Selbst die alte Projektionstechnik des Europa-Palastes lebt im Filmarchiv weiter ", so Gottlob.

Quellen: Kinoarchitektur der fünfziger Jahre im Ruhrgebiet" von Holger Klein-Wiele. Ein Haus mit Seele - Geschichten zur Geschichte eines Theaters. Filmforum GmbH 2010, von Kai Gottlob und Dirk Hausmann.

Quelle: RP
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