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Duisburg
Duisburg ist dufte!

Duisburg: Duisburg ist dufte!
RP-Volontärin Emily Senf hat im Einkaufszentrum herumgeschnüffelt. FOTO: Ralf Hohl
Duisburg. Heute ist Welttag des Dufts. Wir haben uns einmal durch Duisburg gerochen und unsere Eindrücke aufgeschrieben. An einigen Stellen stinkt unsere Stadt zum Himmel, an anderen duftet sie nach Rosen. Von Cornelia Brandt, Hildegard Chudobba, Sandra Kaiser und Emily Senf

Seit 2004 gibt es angeblich schon den "Weltdufttag" am 27. Juni, ins Leben gerufen von dem Geschäftsführer eines Parfüm-Unternehmens, der damit bezweckte, dass wir die Düfte unserer Umgebung bewusster wahrnehmen sollen. Wie unsere Stadt riecht? Wir haben an verschiedenen Stellen mal Duftproben genommen:

So riecht der Süden

Ein wenig nach faulen Eiern riecht es in der Nähe des ehemaligen Sachtleben-Werks, in dem heute Huntsman sitzt. FOTO: privat

Wenn der Bauer auf dem nahen Feld in Rahm Gülle aufgebracht hat, hält man sich am besten die Nase zu, es stinkt bestialisch, eben wie ...naja, sie wissen schon. Jetzt, im Hochsommer, ist davon zum Glück nichts zu riechen. Stattdessen duftet es angenehm - zum Beispiel in Höhe der Plantagen des Rosenzüchters Ruland. Aber man muss mit der Nase schon ziemlich nah an die Pflanzen heran, und manche der "Königinnen der Blumen" haben die Züchter offenbar aberzogen, Wohlgeruch zu verbreiten. Sie riechen gar nicht, neutral. Da, wo am Wegesrand noch Wildblumen wachsen, ist das anders. Der Duft produziert vor dem inneren Auge Bilder aus der Kindheit: vom lauen Sommertag, an dem man im Gras liegen und auf die vorbeiziehenden Wolken schaut, träumt und sich daran erfreut, dass Bienen und Hummeln um die Blüten schwirren und ihren Honig einsammeln.

Am Horizont sind die Anlagen von HKM zu sehen. Aus den Schornsteinen quillt dicker Rauch, riechen davon kann man tief im Süden an diesem Tag nichts. Und selbst die Abgase der nahen B 8 und der autobahnähnlichen B288 stören ausnahmeweise in der Nase nicht. Dort, wo die Wohnbebauung dichter wird, hat irgendjemand den Grill angeworfen. Ist der Geruch nach brutzelnder Bratwurst Duft oder Gestank? Fleischfreunde und Veganer werden da sehr unterschiedlich drüber urteilen.

Rosen, so weit das Auge reicht: Bei „Rosen Ruland“ in Rahm duftet Duisburg außerordentlich gut. FOTO: Reichwein

Leider beginnt es wenig später zu regnen, und die nassen Wiesen verströmen ihr ganz eigenes Aroma. Gibt es Schöneres, als den Geruch von feuchtem Gras? Kein Parfümeur dieser Welt hat dieses einzigartige Riecherlebnis je in die Flasche abgefüllt, das nur noch übertroffen wird von dem wohligen Gefühl in der Nase bei einem Spaziergang durch den Wald.

So riecht es in der Straßenbahn

Die Linie 903: Mitunter eine olfaktorische Zumutung, wenn sich knalliger Parfümduft mit dem Geruch eines frischen Döners mischt. FOTO: Christoph Reichwein

Ich bin wirklich kein Fan von öffentlichen Verkehrsmitteln. Als ich im vergangenen Sommer auf mein neues Auto wartete, musste ich acht Wochen auf Bus und Bahn umsteigen - das hat mir gereicht! Die Fahrzeuge waren immer brechend voll - und dann dieser Gestank von schwitzenden fremden Menschen, die ich nie freiwillig so nah an mich ranlassen würde! Ich brauche meine Komfortzone, und meine Nase ist äußerst empfindlich. Das musste gesagt werden, bevor ich dieses Experiment wage und mich noch einmal freiwillig in eine Straßenbahn setze.

Ich laufe rüber zur U-Bahn-Station Steinsche Gasse, fahre die Rolltreppe hinunter, und da kommt mir gleich dieser typische Geruch entgegen, der wahrscheinlich allen U-Bahn-Stationen auf der Welt gemein ist. Ich gehe weiter - und habe Glück: Da kommt schon die 903, die mich zum Hamborner Rathaus bringen soll. Ich steige ein, setze mich. Alles ist gut. Der Sauerstoffgehalt ist zwar grenzwertig, aber über die abgestandene Luft rieche ich einfach mal hinweg. Es könnte schlimmer sein.

Leider wird es das wenige Minuten später auch. Am Hauptbahnhof steigt eine ganze Menschentraube ein. Das war's mit dem freien Platz neben mir. Und ausgerechnet den belegt ein junger Kerl, der sogleich seinen Döner aus der Alufolie auspackt und genüsslich reinbeißt. Knoblauch, rohe Zwiebeln, gegrilltes Fleisch. Das muss jetzt echt nicht sein. Darf der das überhaupt? Ich bin kein ÖPNV-Experte, aber ich denke mal: Nein. Ihn darauf hinweisen? Spießig. Und wer weiß, wie der drauf ist. Also schiebe ich mir ein Kaugummi in den Mund (Strong Mint!) und hoffe, dass der scharfe Geschmack die Gerüche neben mir übertüncht. Das klappt ganz gut. Am Bahnhof Meiderich hat der Bursche seinen Döner verdrückt. Drei Stationen - nicht schlecht. Er hat aber auch ziemlich reingehauen und sich kaum versaut dabei. Alle Achtung. An der Emilstraße steigt er aus, ich lehne mich erleichtert zurück.

Aber die Freude ist nur von kurzer Dauer: Neben mir nimmt eine alte Dame Platz. Sieht bisschen aus wie die Queen mit ihrem feschen Hut und den grauen Löckchen darunter. Süß eigentlich. Aber dieses Parfüm!?! Tosca! Das weckt sofort Erinnerungen an meine geliebte Oma, und ich werde ein bisschen wehmütig. So roch sie immer - aber nur dezent, nie so stark wie diese Frau neben mir. Weniger ist mehr, wäre hier das angesagte Motto. Aber ihr Geruchssinn ist ja vielleicht nicht mehr der Beste, deshalb muss sie so dick auftragen. Ich verzeihe ihr, verharre in der Nebelwolke. Da ist auch schon das Hamborner Rathaus in Sicht. Erleichtert steige ich wenige Sekunden später aus.

War ja im Endeffekt alles eigentlich gar nicht so schlimm. Aber zurück gönne ich mir dann doch lieber ein Taxi.

So riecht es vor Huntsman (ehemals Sachtleben)

Faule Eier! So schießt es mir durch den Kopf, als ich die Duisburger Straße Richtung Norden entlang radle und mir ein unangenehmer Geruch in die Nase steigt. Gerade eben durfte ich in Essenberg noch die Schönheit der Natur genießen - mit großen grünen Bäumen, einem See und den dazu gehörigen frühsommerlich-wohlriechenden Düften - und jetzt, nur ein paar hundert Meter weiter, wird mein Weg rechts und links der öffentlichen Straße von den Industrieanlagen der Firma Huntsman gesäumt. "Chemie ist das, was knallt und stinkt", diesen Spruch habe ich schon in der Schule gelernt. Auch dass der Geruch nach faulen Eiern immer irgendetwas mit Schwefel zu tun hat. Ich gebe zu: Im Chemieunterricht war ich nie die große Leuchte. Aber eins habe ich mir gemerkt: Es muss sich um Schwefelwasserstoff handeln, und den riecht man schon in geringsten Konzentrationen.

Ein paar Meter weiter springt mir ein großes Schild mit dem Schriftzug "Döner" ins Auge. Doch lecker nach Essen riecht es auch hier nicht. Das Ladenlokal steht leer. Kein Wunder, bei der Umgebung. Eine Kindheitserinnerung steigt mir in den Sinn: Wenn der Wind früher ungünstig stand, bin ich nachts schon mal aus dem Schlaf hochgeschreckt, weil die "Geruchsemissionen" bis in mein Zimmer vorgedrungen waren, und das, obwohl ich einige Kilometer vom Werk entfernt wohnte.

Ich radle weiter zum Rheinufer. Auch hier stehen mehrstöckige Wohnhäuser in direkter Nachbarschaft zur Chemieindustrie mit ihren qualmenden Schornsteinen. Wenn der Wind aus der für unsere Region typischen West-Richtung kommt, dann müsste der "Duft der Produktivität" logischerweise direkt in die Wohnungen hinein wehen. Wollen die Bewohner wirklich dort leben? Oder ignorieren sie die Gerüche der Industrie tapfer (wie so viele Anwohner in einer Industriestadt wie Duisburg) und genießen stattdessen den Duft der großen weiten Welt, der mit dem Rhein an ihnen vorbei zieht?

So riecht es im Einkaufszentrum

Das "Forum" in Mitte ist ein Einkaufszentrum - wie soll es dort schon großartig riechen?, frage ich mich, als ich die Königsstraße entlang darauf zugehe. Ich erwarte nicht viel. Schon der Weg aber macht Freude, denn es ist Wochenmarkt. Alle paar Meter wechselt der Geruch - Blumen, frisches Brot, dahinter der fischige Duft von Matjes im Brötchen, Glühwein und Lakritz am Bonbonwagen sowie Tee und Gewürze. Kurz vor dem Eingang des Forums erschnuppere ich einen Hauch saure Gurken. Es sind keine zu sehen. Irritiert gehe ich ein paar Schritte weiter.

Die Rolltreppe führt nicht nur in den ersten Stock des Einkaufszentrums, sondern mitten hinein in eine Kaffeeplantage. So riecht es dort zumindest, das Geschäft entpuppt sich aber lediglich als Café. Soll mich der starke Duft hineinziehen? Ich denke darüber nach, während der nächste Geruch in meine Nase dringt: der von Büchern und Druckerschwärze. Auch verlockend.

Zurück im Erdgeschoss suche ich verzweifelt nach Gerüchen. Ist es sehr auffällig, wie ich mich anstrenge, etwas zu erschnüffeln? Wieso guckt der Typ so? Ich versuche es mal im Untergeschoss. Dort versammeln sich Gerüche geradezu: Halte ich meine Nase nach links, rieche ich Parmesankäse, etwas weiter nach rechts asiatische Nudeln. Jetzt habe ich Hunger.

Fazit

Wer mit offener Nase durch Duisburg läuft, findet an vielen Stellen im Stadtgebiet sicherlich das Klischee bestätigt, dass es in einer industriell geprägten Großstadt stinkt. Aber er findet auch Inseln des Wohlgeruchs. Außenstehende, so heißt es, seien immer überrascht, wie grün es bei uns ist. Und Insider, die sich auf ihren Riechsinn verlassen, werden an manchen Stellen im Stadtgebiet das Gefühl bekommen: Duisburg ist dufte!

Quelle: RP
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