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Zeltstadt für Asylbewerber
Duisburg mit Flüchtlingen überfordert

So sah Duisburgs Zeltstadt für Asylbewerber aus
So sah Duisburgs Zeltstadt für Asylbewerber aus FOTO: dpa, fg kno
Duisburg. In Duisburg sollen ab Mitte nächster Woche 150 Flüchtlinge ins Zeltlager ziehen. Die provisorischen Unterkünfte sorgen für Diskussionen. Das Problem: Die Flüchtlingszahlen steigen weiter. Darauf sind einige Kommunen nicht vorbereitet. Von Jessica Kuschnik und Christian Schwerdtfeger

Beschämt blickt Willi Mertens in Richtung des ehemaligen Sportplatzes im Duisburger Stadtteil Walsum. "Was sollen diese armen Menschen denken, wenn sie hierher kommen und solche Bedingungen vorfinden?" fragt sich der Anwohner im Hinblick auf die 150 Flüchtlinge, die nächste Woche hier ankommen sollen. "Da hätten sie auch in den Flüchtlingslagern bleiben können, da sieht es nicht anders aus." Das Zeltlager an der Römerstraße ist in Walsum Gesprächsthema Nummer eins. "Und nicht nur hier. Alle blicken auf Duisburg - mal wieder", sagt der 72-Jährige.

Wann die Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan in Duisburg ankommen, weiß Sozialdezernent Reinhold Spaniel nicht. "Die Bezirksregierung ruft uns an, und dann könnten sie am gleichen Tag kommen." Was sie vorfinden werden, ist nicht einladend: Fünf mal sechs Meter groß sind die Zelte auf dem roten Ascheplatz. Eine Pritsche für jeden, dazu ein Stuhl. Containerwagen mit je acht Duschen und acht Toiletten, einer für Männer, einer für Frauen. Im Hintergrund donnern Güterzüge vorbei.

Jeden Monat muss die Stadt Duisburg etwa 130 neue Flüchtlinge aufnehmen. Dabei hat die klamme Kommune längst ihre Kapazitätsgrenze überschritten. Es fehlt sowohl an Gebäuden, um die Flüchtlinge unterzubringen, als auch an Geld. "Wir haben so viele Zuweisungen, dass wir an unsere personellen Grenzen stoßen", erklärt Spaniel. Doch viele lassen das nicht als Ausrede gelten und üben heftige Kritik an der Zeltstadt. Der Flüchtlingsrat NRW bezeichnet die Unterbringung der Flüchtlinge als "völlig inakzeptabel". "Diese Lösung ist für die Stadt Duisburg beschämend", betont Heinz Drucks, Vorstandsmitglied des Flüchtlingsrates NRW. Statt Asylbewerber in Zelten einzuquartieren, sollte die Stadt sie in den vielen leerstehenden Mietwohnungen wohnen lassen. "Wir prüfen diese Möglichkeit mit Hochdruck. Zum Wintereinbruch sollen alle Flüchtlinge in festen Unterkünften unterkommen", betont Spaniel. Doch es sei ein bürokratischer Marathon. "Man kann nicht einfach eine Schule aufschließen und reingehen."

Die Flüchtlingszahlen steigen seit Jahren. In NRW erhielten im vergangenen Jahr 57 366 Menschen Asylbewerberleistungen - bundesweit waren es 127 000. In diesem Jahr zählte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bundesweit bis zum Juli 97 093 Menschen, die Asyl beantragt haben - ein Großteil wird in NRW untergebracht. Die Aufteilung der Asylbewerber erfolgt nach einem Staatsabkommen, dem Königsteiner-Schlüssel. Danach muss NRW rund 20 Prozent der Flüchtlinge aufnehmen, die nach Deutschland kommen, so das NRW-Innenministerium. Diese werden dann ebenfalls nach einem speziellen Schlüssel auf die Kommunen verteilt, der sich unter anderem an der Größe der Städte orientiert.

Vor ähnlich großen Herausforderungen wie Duisburg steht auch die Nachbarstadt Essen. Dort wird gerade über den Bau einer zentralen Erstaufnahme-Einrichtung mit bis zu 800 Plätzen diskutiert. Ein solches Quartier ist für Asylbewerber die erste Anlaufstelle, in der sie sich nach ihrer Ankunft in NRW nur wenige Wochen aufhalten, ehe sie auf Flüchtlingsheime im ganzen Land verteilt werden. Aber es sind nicht nur Großstädte, die Probleme mit der Bewältigung des Flüchtlingszustroms haben. Die Stadt Emmerich zum Beispiel beherbergt derzeit 80 Bürgerkriegsopfer aus Syrien und dem Irak. Zu wenig, finden Land und Bund. Die Zahl müsse auf 100 erhöht werden, finden die zuständigen Behörden.

Die Unterbringung der Asylbewerber kann sich in NRW von Kommune zu Kommune stark unterscheiden. So leben die Flüchtlinge landesweit zu je einem Drittel in privaten Mietwohnungen, in städtischen Unterkünften oder in Aufnahmelagern. Die Hilfsorganisation "ProAsyl" bemängelt, dass sich viele der Lager in miserablen Zuständen befänden und die Menschen dort unter widrigsten hygienischen Bedingungen leben müssten.

Quelle: RP
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