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Duisburg
"Im Westen nichts Neues" als glitschige Theaterorgie

Duisburger Akzente 2016 - Roman "Im Westen nichts Neues"
Eindrucksvolle: Szene aus "Im Westen nichts Neues" nach dem bekannten Roman von Erich Maria Remarque. FOTO: Kathrin Ribbe
Duisburg. Vor 100 Jahren wurde der junge Osnabrücker Erich Maria Remarque im Ersten Weltkrieg verwundet und kam ins Lazarett nach Duisburg (!). Seine Kriegserlebnisse flossen ein in seinen ersten Roman "Im Westen nichts Neues" (1928), der gleich ein Welterfolg wurde. Er gilt als der bekannteste Antikriegsroman, erzählt die Geschichte von vier Freiwilligen, die von der Schulbank direkt in den Krieg ziehen. Es geht um die Gräuel der Front, die Traumata der Soldaten, die Hindernisse ihrer Wiedereingliederung, die realitätsferne Sicht der Zivilgesellschaft auf den Krieg sowie die Verführungskraft falscher Heldenmythen und der Militärpropaganda. Von Ingo Hoddick

100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg hat Intendant Lars-Ole Walburg "Im Westen nichts Neues" am Schauspiel Hannover auf die Bühne gebracht. Todesangst und grauenvolle Verwundungen beziehungsweise Todesarten werden mit Remarques klarer Sprache erzählt. Die Bühne verwandelt sich mittels Unmengen von roter und schlammiger Farbe in den fast zwei pausenlosen Stunden allmählich von einem blütenweißen Salon in ein glitschiges Schlachtfeld.

Das weiße Klavier steht dabei für die bürgerliche Gesellschaft und ihre humanistischen Ideale, die im Ersten Weltkrieg untergingen. Genial die Szene, in welcher der Flügel den Frontsoldaten als Unterstand dient.

Die jungen Schauspieler Jonas Steglich, Dominik Maringer, Jakob Benkhofer, Nikola Fritzen und Daniel Nerlich verkörpern nicht nur mit bohrender Intensität die konkreten Rollen Paul Bäumer, Albert Kropp, Müller, Franz Kemmrich und Stanislaus Katczinsky, sie berichten auch kollektiv von der "Verlorenen Generation", die entweder im Krieg umkommt oder nach dem Krieg nicht mehr in der Gesellschaft Fuß fassen kann, weil sie im Alter von 18 bis 20 Jahren schon zuviel Grauen erlebt und dem Tod zu oft ins Auge sehen musste, um vergessen zu können.

Hinzugefügt haben die Hannoveraner Katja Gaudard als Klavier spielende Muse (in der Antike eine Tochter der Göttin der Erinnerung), der auch der letzte Satz obliegt: Kurz vor Ende des Krieges wird als Letzter der Gruppe auch der Ich-Erzähler Paul Bäumer tödlich getroffen, "an einem Tag, der so ruhig und klar war, dass der Heeresbericht sich auf einen einzigen Satz beschränkte: Im Westen nichts Neues."

Das Akzente-Gastspiel im gut gefüllten Großen Saal im Theater war ein erschütternder Höhepunkt des diesjährigen Theatertreffens. Das Publikum war gebannt und applaudierte hernach heftig.

Quelle: RP
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