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Duisburg
Ehrung führt Religionen zusammen

Duisburg. Unter den Gästen, die bei der Verleihung des Integrationspreises an Lamya Kaddor eingeladen worden waren, saß auch , Michael Rubinstein. Der ehemalige Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde schrieb gemeinsam mit Kaddor ein Buch. Von Peter Klucken

Aus Sicherheitsgründen fand die Verleihung des von der Novitas Betriebskrankenkasse dotierten Integrationspreises an Lamya Kaddor in einem kleinen Kreis statt (die RP berichtete gestern). Alle Gäste waren namentlich angemeldet. Unter ihnen war auch Michael Rubinstein, bis zum Mai 2015 Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Oberhausen-Mülheim. Nun ist Rubinstein, der vor vier Jahren für das Amt des Duisburger Oberbürgermeisters kandidierte und immerhin zwölf Prozent bekam (bei der Wahl wurde Sören Link gewählt), Geschäftsführer des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden Nordrhein; ein Amt, das ihm, wie er der RP jetzt sagte, gut gefällt. Aber nicht als Amtsperson war Rubinstein Gast bei der Preisverleihung, sondern als Privatmann. Lamya Kaddor nennt Michael Rubinstein scherzend und gewiss auch nicht politisch korrekt "meinen Lieblingsjuden". Und Michael Rubinstein nennt Lamya Kaddor durchaus charmant "Blume des Orients".

Aber die beiden verbindet nicht nur eine langjährige Freundschaft, sondern auch eine gemeinsame Publikation. Vor drei Jahren stellten sie in Duisburg ihr gemeinsames Buch "So fremd und doch so nah. Juden und Muslime in Deutschland" vor. An dieses Buch wurde auch jetzt bei der Preisverleihung erinnert. "So fremd und doch so nah" sei aus der "Minderheitsperspektive" geschrieben, sagte der Moderator bei der Preisverleihung.

Das ungewöhnliche Zwei-Autorenbuch lässt sich so zusammenfassen: Lamya Kaddor und Michael Rubinstein leben und arbeiten in ihrem Geburtsland Deutschland und sind zu Hause in einer Glaubensgemeinschaft, die sie zu "Anderen" werden lässt, wie sie schreiben. Besser als es Statistiken zeigen, wissen sie, wie es um Integration in Deutschland steht. In ihrem Buch zeigen sie, dass sich die islamische und die jüdische Kultur zwar voneinander unterscheiden, jedoch nicht unvereinbar sind. Einige ihrer Fragen sind: Wo liegen die Herausforderungen der Gesellschaft, in der Christen, Juden und Muslime gemeinsam leben? Was können die Kirchen im Umgang mit anderen religiösen Glaubensgemeinschaften besser machen? Welche Verantwortung kommt dabei den Juden und Muslimen zu? Ihr gemeinsames Buch haben Lamya Kaddor und Michael Rubinstein als eine Art "aufgeschriebenen Dialog" herausgegeben. Abwechselnd schreiben die beiden jeweils ein Einleitungskapitel zu brisanten Themen wie beispielsweise "Gewalt und Terror im Namen der Religion", dann folgen die jeweiligen, meist etwas kürzeren Stellungnahmen, die jeweils namentlich gekennzeichnet sind. So kommt ein wirklicher Austausch von Argumenten zustande. Die beiden haben dabei durchaus unterschiedliche Standpunkte, doch spürt man stets, dass der Versuch, die Position des anderen zu verstehen, ernst genommen wird. Und da schadet es gar nicht, dass es beim Diskurs gelegentlich auch humorvoll zugeht. Das Buch "So fremd und doch so nah" ist im renommierten Patmos-Verlag erschienen (183 Seiten, 17.99 Euro).

Inzwischen hat Lamya Kaddor, die eine vermittelnde Position zwischen säkularen und traditionellen Muslimen einnimmt und für die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts in deutscher Sprache an öffentlichen Schulen eintritt, weitere wichtige Beiträge veröffentlicht, darunter "Die Zerreißprobe: Wie die Angst vor dem Fremden unsere Demokratie bedroht".

In diesem Buch vertritt die Islamwissenschaftlerin die These, die sie auch bei der Preisverleihung jetzt in Duisburg betonte, dass nicht nur die Einwanderer eine Bringschuld hätten, sondern auch die Mehrheit der Gesellschaft, die den Einwanderern und ihren Nachkommen, die meist in Deutschland zur Welt kamen, auf Augenhöhe begegnen soll. Besonders nach der Veröffentlichung dieses Buches bekam Lamya Kaddor so viele Hass-Mails, dass sie sie sich gezwungen sah, den Schuldienst vorläufig aufzugeben. Den Einkommensverlust müsse sie hinnehmen, sagte sie jetzt. Das Preisgeld von 2500 Euro sei für sie nicht unwichtig.

Quelle: RP
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