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Duisburg
Ein Floß legt im EarPort an

Duisburg: Ein Floß legt im EarPort an
Draußen: Alexandra von der Weth vor dem Floß. FOTO: kunsu shim.
Duisburg. Nach zwei Düsseldorfer Voraufführungen fand jetzt die Duisburger Premiere der Musiktheater-Uraufführung von "The Raft - Das Floß" bei "EarPort" und im "Garten der Erinnerung" des Duisburger Innenhafens statt. Von Olaf Reifegerste

Ein Jahrhundertroman als Musiktheater - geht das? Und wenn ja, wie? Rund 1200 Seiten umfasst nämlich die im Suhrkamp Verlag erschienene dreibändige Taschenbuchausgabe des inzwischen zum Kultbuch gewordenen Romans "Die Ästhetik des Widerstands" von Peter Weiss, den der deutsch-schwedische Autor (1916-1982) in den Jahren 1971 bis 1981 schrieb. Mittlerweile gibt es von dem Prosa-Großwerk verschiedene Dramatisierungen, Theatralisierungen und Vertonungen. So unter anderem als Hörspiel, als Schauspiel und nun als Musiktheater. Die Musik der Uraufführung stammt von Gerhard Stäbler und Sergej Maingardt, der Text von Friederike Felbeck.

Das Werk stellt den Versuch dar, die historischen und gesellschaftlichen Erfahrungen als auch die ästhetischen und politischen Erkenntnisse der kommunistischen und antifaschistischen Bewegung in Deutschland von 1917/1918 bis zum Ende des Nationalsozialismus wieder- und weiterzugeben. Zentrale Figur ist ein im Roman namenlos bleibender deutscher Arbeiter und Widerstandskämpfer, den Weiss mit seiner eigenen "Wunschbiografie" versehen hatte. Der erste Band setzt 1937 im faschistischen Berlin ein. Im zweiten Band befindet sich der Erzähler auf der Fahrt nach Frankreich, schließlich nach Schweden ins Exil. Im dritten Band schließlich geht es vor allem um den Kampf der Kommunisten gegen das Nazi-Regime, in dem die Widerstandsorganisation "Rote Kapelle" eine bedeutende Rolle gespielt hat.

... und drinnen: Stäblers Komposition ist halbgrafisch verfasst, ohne Noten. Sie lässt viel Platz für Improvisation. FOTO: Olaf Reifegerste

Felbeck hat anders als das Inszenierungsgespann Tilman Neuffer und Thomas Krupa am Schauspiel Essen 2012, das aus dem Roman-Text einen dramatischen Text baute und in dreieinhalb Stunden auf die Bühne des Grillo-Theaters hievte, ein lediglich siebenseitiges Libretto aus der Vorlage destilliert und dieses in zutreffender Weise und Gänze wie folgt betitelt: "THE RAFT- DAS FLOSS nach Motiven aus dem Roman 'Die Ästhetik des Widerstands' von Peter Weiss". Formal folgt sie dem Aufbau des dreibändigen aus jeweils zwei Teilen bestehenden Roman, indem sie sechs Bilder aneinanderreiht und damit zugleich der Chronologie der Erzählung folgt: Erstens "Pergamonaltar": Vor der Abreise 1937; zweitens "Guernica": Im spanischen Bürgerkrieg; drittens "Das Floß der Medusa I": Die Überfahrt von Spanien nach Frankreich; viertens "Mutter Courage": Im schwedischen Exil; fünftens "Das Floß der Medusa II": Über Widerstand und Untergrund; sechstens "Angkor Thom": Die Hinrichtungsstätte in Berlin-Plötzensee. Inhaltlich hat sie ihr Libretto aus allgemeinen Essenzen, Partikeln und Aphorismen sowie aus Fragmenten und Monologen des Ich-Erzählers aus dem Romans zusammengestellt. Die ersten drei Bilder spielten drinnen im "EarPort". Hier dienten zwei Notenständer als Markierungs- und Spielorte für die teils (halb)sprechende Sopranistin Alexandra von der Weth und den Sprecher Gerhard Stäbler. Im Hintergrund platziert saß das Orchester, das Ensemble für experimentelle Improvisation, bestehend aus einer Gesangsstimme, einem Saxophonisten und drei Pianisten an einem Flügel - diese sind alle Studierende an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln - sowie Paulo Álvares am Sampler und Sergej Maingardt an der Live-Elektronik. Stäblers Komposition weist lediglich einen strukturellen Kern auf, der viel Platz zur Improvisation lässt. Sie ist halbgrafisch verfasst, ohne Notation.

Während das Bild der "Mutter Courage" auf einem aus 18 Holzpaletten mit einem großen Tor und dazugehörigen Styroporteilen versehenen Holz-Floß spielt, wandert das Publikum für die Nachfolgeszene dem Saxophonspieler hinterher über das Ludwigsforum in den Ludwigsturm und sieht etwas verwirrt und orientierungslos drei (real existierenden) Flüchtlingen (die in einer Kölner Turnhalle untergebracht sind) beim stummen Sitzen zu. Ohne (Regie)Lotse ging es für die Zuschauer - teils verspätet - zum Finale wieder zurück zum "EarPort". Hier konnten von der Weth und auch Stäbler die Lebendigkeit und Vielfarbigkeit ihrer stimmlichen und sprecherischen Vorträge gänzlich zur Entfaltung bringen.

"Was sind die Freiheiten wert, wenn sie nur eine schmale Spur ausmachen, neben der Freiheit der Märkte, der Freiheit der Bereicherung. Wir müssten selber mächtig werden. Dieser Griff, diese Bewegung, und den Druck, endlich hinwegfegen", heißt es als große Widerstandsaufforderung in der Schlussarie.

Und Alexandra von der Weth tönt diese mit geballter Stimme und ebensolcher Faust ins Publikum. Mit einem zu Recht großen Applaus verabschiedet dieses alles Mitwirkenden.

Quelle: RP
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