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Duisburg
Ein gewiefter Unternehmenslenker

Duisburg: Ein gewiefter Unternehmenslenker
August Thyssen in einer Aufnahme aus dem Jahr 1912. Foto: ThyssenKrupp Konzernarchiv FOTO: ThyssenKrupp Konzernarchiv
Duisburg. Vor 175 Jahren wurde August Thyssen geboren - Mit dem integrierten Hüttenwerk in Duisburg legte er den Grundstein für sein Firmenimperium. Heute ist die thyssenkrupp Steel Europe AG der bedeutendste Arbeitgeber der Stadt.

Sparsamkeit und Arbeitseifer wurden bei ihm großgeschrieben. Als Teilhaber eines Walzwerks in Duisburg fing er als 25-Jähriger an. Am Ende seines Weges bezeichneten ihn die Zeitungen als einen "Begründer der Verbundwirtschaft in der Stahlindustrie". Die Rede ist von August Thyssen, der vor 175 Jahren geboren wurde.

Im Mai 1842 kam der spätere Firmengründer in Eschweiler bei Aachen auf die Welt. 49 Jahre später wurde im Stahlwerk Duisburg-Bruckhausen, dem jetzigen Oxygenstahlwerk 1, der erste Stahl erschmolzen und damit der Grundstein für die heutige thyssenkrupp Steel Europe AG gelegt. Mit mehr als 14.000 Mitarbeitern ist das Unternehmen der bedeutendste Arbeitgeber Duisburgs und die Stadt nach wie vor der größte Stahlstandort Europas.

Aus kleinsten Anfängen vor 126 Jahren hat sich ein riesiges Produktionswerk für Qualitätsflachstahl entwickelt. FOTO: Marko Kosczowsky

"August Thyssen war eher gewiefter Unternehmenslenker als genialer Ingenieur", charakterisiert Prof. Manfred Rasch, Leiter des thyssenkrupp Konzernarchivs. "Aber welche erfolgreiche Basis er mit dem Bau des integrierten Hüttenwerks im Duisburger Norden geschaffen hat, sieht man daran, dass der Standort am Rhein auch etwas mehr als 125 Jahre nach Produktionsbeginn weiterhin zu den leistungsstärksten Werken in Europa zählt." Heute werden hier jedes Jahr rund zwölf Millionen Tonnen Rohstahl erzeugt und verarbeitet.

August Thyssen kam mit 25 Jahren nach Duisburg. Dort gründete er gemeinsam mit belgischen Partnern sein erstes Unternehmen. Die Geschäfte liefen gut, und so machte er sich in Mülheim-Styrum selbstständig. Am 2. Oktober 1871 nahm das Bandeisen-Walzwerk "Thyssen & Co." die Produktion auf; die Keimzelle für den späteren Stahlriesen Thyssen war gelegt. Der akribische Unternehmer engagierte sich in der Weiterverarbeitung seiner Produkte, er fertigte Röhren, ließ Bleche walzen und legte den Grundstein für seine Maschinenfabrik Thyssen & Co. Zur Versorgung seines Betriebes erwarb der Firmenchef mehrere Bergwerke, Erzvorkommen und weitere Industriebeteiligungen. Den entscheidenden Schritt zur Expansion seines Unternehmens macht August Thyssen aber mit dem Kauf der Gewerkschaft "Deutscher Kaiser" in Duisburg-Hamborn vor 126 Jahren. Was ihn an der Zeche besonders reizte, waren Gleis-Anbindung und eigener Rhein-Hafen. Nach und nach kaufte er fast die gesamte Bauernschaft Bruckhausen über den Grubenfeldern auf und errichtete dort ein gewaltiges Stahl- und Walzwerk. Dies bildete den Kern des Stahlunternehmens, das später unter anderem unter den Namen August Thyssen-Hütte und Thyssen Stahl firmierte.

August Thyssen im Torbogen von Schloss Landsberg. FOTO: Kurt Ernst

Unter dem nur 1,56 Meter großen Stahlbaron entwickelte sich sein Konzern zu einem führenden Stahlproduzenten und Bergwerksunternehmen. Als "Wirtschaftsbürger", wie ihn Biograf Jörg Lesczenski bezeichnete, brachte es August Thyssen zu großer Bekanntheit. Neben seiner wirtschaftlichen Tätigkeit, "einen Konzern durch eigenen Aufbau organisch" wachsen zu lassen, wurde ihm durchaus auch menschliches und soziales Denken und Handeln bescheinigt. Der vielbeschäftigte Mann kümmerte sich aber wenig um seine Kinder, von seiner Ehefrau ließ sich der unermüdliche Arbeiter scheiden. Mehr als 25 Jahre lang wohnte August Thyssen mit seiner Familie in der Nähe seiner Mülheimer Firma. 1904 zog er, wie andere Industrielle auch, vom Werk ins Grüne. Anders als beispielsweise Alfred Krupp baute sich Thyssen keine neue Fabrikanten-Villa. Er kaufte eine Burganlage und ließ sie großzügig umbauen: Schloss Landsberg in Kettwig vor der Brücke, aber schon auf Ratinger Stadtgebiet gelegen. Thyssen hatte den alten Adelssitz Landsberg auch zu Repräsentationszwecken gekauft. Eigentlich litt die Firma, als der alte Fuchs das Projekt 1902 auf den Weg brachte, unter einer allgemeinen Stahl-Absatzkrise und war vorübergehend knapp bei Kasse. "Da konnte es vielleicht nicht schaden, mit dem Kauf des Schlosses Solidität zu demonstrieren", erläutert thyssenkrupp-Archivar Prof. Rasch.

Als August Thyssen auf seinem Schloss am Ostersonntag im April 1926 83-jährig starb, war die Geschichte des großen Familienunternehmens Thyssen allerdings noch nicht beendet. Die Führung der Firma wäre eigentlich seinem ältesten Sohn Fritz zugefallen. Dem aber traute der Alte den Chefposten nicht zu, ist Prof. Rasch überzeugt. Die Firmenführung hatte er nie wirklich abgeben, sondern stets das Verfügungsrecht über die Werke behalten. Deshalb beschloss der Firmenlenker, der als "Führer der deutschen Eisenindustrie zur Großwirtschaft" geehrt wurde, sein Familienunternehmen in andere Hände zu legen. So ging das Thyssen-Imperium 1926 überwiegend in eine neue Stahl- und Kohlengemeinschaft, die "Vereinigte Stahlwerke AG", über. Doch vereint mit Teilen seiner Familie ist August Thyssen nach seinem Tod: In der Gruft von Schloss Landsberg befinden sich neben seiner Grabstätte unter anderem die seiner Söhne Fritz und Heinrich. "Ich glaube aber wohl, ohne mich dabei zu überheben, sagen zu dürfen, dass von meiner Lebensarbeit die Allgemeinheit mehr Vorteile gehabt hat als ich selbst", blickte der bedeutende "Wirtschaftsbürger" einmal so auf sein Leben zurück. "Was ich geschafft und erarbeitet habe, bleibt schließlich doch nur der Allgemeinheit, denn ins andere Leben mithinübernehmen kann ich nichts davon."

Beim Thyssen im Konzernnamen thyssenkrupp heißt es "Tüssen". Viele langjährige Mitarbeiter in Duisburg sagen aber noch "Tissen". Und wie müsste der Firmenpatriarch korrekt angesprochen werden? Tonaufnahmen von damals gibt es nicht. "August Thyssen hat seinen Namen stets mit zwei Pünktchen über dem ,y' geschrieben. Also muss es wohl ,Tüssen' heißen", ist Konzernarchivar Prof. Manfred Rasch überzeugt.

Quelle: RP
 
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