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Rp-Serie China 8
Ein Kind und die Revolution der Kultur

Rp-Serie China 8: Ein Kind und die Revolution der Kultur
Im Bild "The Afternoon" (2012) zeigt Xiaogang die beengte Wohnsituation vieler Chinesen. FOTO: Christoph Reichwein
Duisburg. Das Museum Küppersmühle (MKM) beteiligt sich wie das Lehmbruck-Museum an der großen China-Ausstellung. Wir stellen in einer Serie ausgewählte Werke der "China 8"-Schau vor. Heute geht es um Zhang Xiaogang im MKM. Von Jörg Mascherrek

Er ist einer der "großen" Künstler aus China: Zhang Xiaogang wurde 1958 in Peking geboren und gehört zur ersten Generation der Künstler, die nach dem Tod Maos und den beginnenden Veränderungen in China einen neuen und vor allem eigenen künstlerischen Weg gegangen sind. Er ist stark von der Kulturrevolution geprägt, mit der ab 1966 für zehn Jahre bis zu Maos Tod 1976 versucht wurde, gesellschaftliche Ungleichheiten zu beseitigen. Die Kampagnen waren zunächst auf ein halbes Jahr angelegt und mussten immer wieder verlängert werden, da sich kein Erfolg einstellte. Zhang Xiaogang verließ in dieser Zeit die Hauptstadt und zog aufs Land, wo er mit seinen Bildern erste kleine Erfolge hatte.

Mit den Einkünften eröffnete er eine Teestube, die schnell zu einem Treffpunkt von Künstlern wurde, die sich in der Folge um diesen kulturellen Ort ansiedelten und Ateliers eröffneten. Solche 'Künstlerkolonien' kannte man in Mitteleuropa schon seit dem 19. Jahrhundert, für China war dies neu und für die Künstler inspirierend.

Über 20 Jahre hinweg hat Zhang Xiaogang sich u.a. mit einem anderen Thema der neueren chinesischen Geschichte beschäftigt. Die Ein-Kind-Politik hat seit 1979 für eine Veränderung in der Gesellschaft Chinas gesorgt und zeigt Auswirkungen bis in die Gegenwart. Der Ausgangspunkt des Künstlers waren Schwarzweiß-Fotos aus privaten Familienalben, die er als Motive für seine Werke wählte. Entstanden sind so bedrückend wirkende Darstellungen von höchst introvertierten Personen im Mao-Einheits-Look und ohne jegliche emotionale Regung in Gestik und Mimik. Geschlossene Arme und übergeschlagenen Beine verwehren scheinbar jede Kontaktaufnahme und die oftmals vor dem Körper gehaltene 'Mao-Bibel' wirkt fast wie ein zusätzliches Schutzschild. Anpassung um jeden Preis und vor allem zum Schutz der eigenen Person und der Familie.

Hier wird auch Zhang Xiaogangs eigene Geschichte deutlich. Sein Vater war früh gestorben, und er wurde zum Mann im Hause. Der in seinen Bildern stets präsente einsam und melancholisch blickende Knabe steht somit ebenso für das Einzelkind im modernen China, denn durch die Ein-Kind-Politik kam es schnell zu einem deutlichen Überschuss an Jungen, aber auch für seine Position innerhalb der Familie, die nur aus ihm und seiner Mutter bestand.

Xiaogang positioniert die Akteure in sehr abgezirkelten und unpersönlichen Interieurs, die aus den staffageartig wirkenden zwei Sesseln, einem Tisch und darauf befindlichen Objekten bestehen. Die teilweise mit Spitzendeckchen dekorierten Sesseln kennen wir u.a. aus den offiziellen Bildern bei Besuchen westlicher Politiker in China. Das spartanisch wirkende Ambiente wird noch kühler durch die beschriebenen Personen und ihre Befindlichkeit.

In einem seiner Hauptwerke ist der nackte Knabe völlig entindividualisiert und wirkt eher wie eine Puppe. Seine gelbliche Färbung sondert ihn auch aus dem Bildkontext aus und erhebt ihn auf eine ganz andere und von der eigentlichen Situation abgelösten Ebene. Er trägt offensichtlich die ihm viel zu großen Schuhe eines erwachsenen Mannes (seines Vaters?) und muss in seine Rolle erst noch buchstäblich hineinwachsen. Auch erreicht er mit seinen Füßen noch nicht den Boden des Geschehens und ist noch weit entfernt davon, seine Rolle in der Gesellschaft einzunehmen.

Im Bild "The Afternoon" (2012) zeigt Xiaogang die beengte Wohnsituation vieler Chinesen: Bettstatt und Sofa stehen für den kombinierten Schlaf- und Wohnraum, der Konsoltisch mit Leselampe, Uhr und 'Bibliothek' vermittelt zumindest im Ansatz einen Hinweis auf Leben und Mehrfachnutzung des Raumes. Und in der Mitte der Knabe beim Mittagsschlaf, vereinsamt wirkend und auch trostlos in seinem Metallgitterbett. Daneben sehen wird einen deutschen Schäferhund, der ganz offensichtlich das Kind bewacht.

Der Künstler zitiert hier eines der zentralen Statussymbole im heutigen China, für das schon bis zu sechsstellige Beträge ausgegeben werden. Der Schäferhund steht neben dem Haus, teuren Autos und Designer-Outfit in gleicher Reihe der "must-haves" im heutigen China.

Das passt scheinbar nicht in das bescheidene Interieur, steigert aber die aus westlicher Sicht zuweilen absurd erscheinende Sehnsucht nach Wohlstandssymbolen und vermeintlich lebensverbessernden Accessoires.

Quelle: RP
 
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