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Duisburg
Eine Fahrt gegen das Vergessen

Duisburg. Zum dritten Mal besuchten Schüler der Gesamtschule Süd das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz. Die Begegnungen mit Überlebenden war für die Schüler sehr bewegend. Von Gabriele Beautemps

Als Jerzy Fijolek (77) davon spricht, wie die Familie damals auf offener Straße in Warschau verhaftet wurde; wie er, gerade sieben Jahre alt, seinen Vater auf der Rampe im Konzentrationslager Auschwitz das letzte Mal gesehen hat, da konnten die Schüler - und auch die Lehrer - der Gesamtschule Süd ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Was Fijolek mit brüchiger Stimme erzählt, bewegt die Schüler mehr als alles andere.

"Wir haben geheult wie die Schlosshunde, das hat uns alle sehr mitgenommen", Pia Steinnacher spricht für die 56 anderen, die an der Fahrt nach Auschwitz, einer "Fahrt gegen das Vergessen", teilgenommen haben. Die Schüler der Jahrgangsstufe 10 sind freiwillig im Rahmen einer AG nach Auschwitz gefahren. "Es ist etwas völlig anderes, ob man die Geschichte in Büchern liest oder ob man sie hautnah erlebt. Wir sind über denselben Boden gelaufen wie die KZ-Häftlinge, haben uns in denselben Gebäuden aufgehalten. Das berührt viel mehr", so Pia. "In dem Moment, als der Zeitzeuge gesprochen hat, habe ich mich mitschuldig gefühlt, obwohl ich ja eigentlich nichts damit zu tun habe", sagt Roman Merten. Jeder der Schüler hat sich mit dem Schicksal eines einzelnen jüdischen KZ-Häftlings beschäftigt. Die Schautafeln mit den Ergebnissen dieser Recherche hängen jetzt ein Jahr lang in den Fluren im Erdgeschoss der Gesamtschule aus. Roman hat sich in die Biografie von Judith Altmann, Jahrgang 1924, vertieft. Sie wurde zur Zwangsarbeit in Gelsenkirchen herangezogen. Als ihr ein Stück Eisen auf die Hand fiel und sie nicht mehr arbeiten konnte, wurde sie nach Auschwitz, später dann nach Buchenwald und Bergen-Belsen deportiert.

"Ich habe Hochachtung davor, dass diese Frau durchgehalten hat, bei allem, was sie erleben musste", sagt Roman. Er würde die Überlebende gerne kennenlernen, allerdings wohnt sie in Amerika. Nisa Avsar hat sich mit dem Schicksal von Schura Terletska beschäftigt. "Das Mädchen wurde im Alter von 15 Jahren von ihrer Familie getrennt und zu Zwangsarbeit bei der Firma Bosch verpflichtet. Die Mutter kam im jüdischen Ghetto in Bogdaniovska um. "Es berührt mich deshalb so, weil das Mädchen so alt war wie wir und all dieses Leid ertragen musste."

Im Laufe des Schuljahrs wird eine Art Rallye organisiert, bei der Schüler der Klassen 8 bis 10 Fragen zu den einzelnen Biografien beantworten müssen. Auf diese Weise beschäftigen sich die Jugendlichen mit einer Thematik, die im Schulalltag schnell untergeht."Man darf auf keinen Fall vergessen, welches Unrecht damals passiert ist. Damit es nicht wieder passiert", meint Nina Püplichhuisen.

Abschließend hat der bereits erwähnte Jerzy Fijolek, der Zeitzeuge, die Schüler noch einmal tief beeindruckt. Er wurde gefragt, ob er Deutsche hasse und antwortete mit einem Nein. Um dann zu erklären: "Es gibt auch viele gute Deutsche. Ihr seid ja auch nicht so wie die Täter von damals.

Quelle: RP
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