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Niederstraße in Duisburg
Eine Straße mit bewegter Geschichte

Niederstraße in Duisburg: Eine Straße mit bewegter Geschichte
Das Dreigiebelhaus ist eines der markantesten und geschichtsträchtigsten Gebäude der Stadt. Heute beherbergt es ein Restaurant. FOTO: Andreas probst
Duisburg. Die Niederstraße gilt als älteste Straße Duisburgs. Hier wohnten Friesen, Beginen, Adel, Nonnen, Kaiser und Rockmusiker. Unsere Serie: Duisburger Geschichte Und Geschichten Von Harald Küst

Eine neue Informationstafel am Haus Nr. 6 der Niederstraße liefert den Impuls, sich ein wenig intensiver mit der "ältesten Straße Duisburgs" zu befassen. Ein kleiner Streifzug durch die Vergangenheit. "1316 wurde die - vicus inferior - erstmalig urkundlich erwähnt" , berichtet der ehemalige Stadtarchivar Joseph Milz. Tatsächlich ist sie noch älter. "An der heutigen Niederstraße lebten bereits im Jahre 893 friesische Tuchhändler", stellt der Archäologe Thomas Peek fest. Das Stapelviertel mit der Niederstraße lag im Mittelalter nah am Rhein (heute Innenhafen). So zeigen die Keramikfunde der Archäologen, wie weit verflochten die Handelsverbindungen Duisburgs gewesen sein müssen. Globalisierung ist eben kein Phänomen der Neuzeit. In der Zeit um 1000 waren Schmiede und Hüttenleute im Stapelviertel tätig. Frühmittelalterlicher Schiffsbau und -reparatur sind durch charakteristische Funde an der Niederstraße belegt. Ab dem ausgehenden 10. Jahrhundert wandelte sich der Gewerbestandort allmählich zu einem Wohnviertel der befestigten Stadt. Der Handel blühte. Zuversicht machte sich breit.

Eine Hochwasserkatastrophe um 1200 führte zur Rheinverlagerung. Den Altarm des Rheins (heute Innenhafen) nutzten die Duisburger noch bis zur endgültigen Verlandung als Hafen. Durch die fehlende direkte Flussanbindung verlor bis Ende des 14. Jahrhunderts seine herausragende Bedeutung. Duisburg wurde zu einer Ackerbürger- und Handwerkerstadt. Dennoch blieb die Niederstraße für wohlhabende Bürger und die katholische Geistlichkeit ein gefragtes Wohngebiet. Sogar Kaiser Maximilian I. fand 1508 auf der Niederstraße eine angemessene Unterkunft im Stadthaus der Abtei Hamborn.

Durch den Zuzug der Nonnen aus Duissern entwickelte sich später ein katholisch dominierter Straßenzug, der bis zum Minoritenkloster am heutigen Karmelplatz reichte. Um das heutige Dreigiebelhaus vergrößerte die Äbtissin ab 1608 "das Besitztum des Zisterzienserinnenklosters durch geschickte Ankaufspolitik", so Joseph Milz. Wohlgemerkt im inzwischen calvinistisch geprägten Duisburg. Das lief zwar nicht immer ohne Konflikte mit der Stadt ab. Der waren die Steuerprivilegien des Klosters ein Dorn im Auge, aber man arrangierte sich im Laufe der Zeit. Persönliche Kontakte erleichterten die Netzwerkarbeit. Die Äbtissin verhinderte sogar durch ihren diplomatischen Einsatz die Plünderung der Stadt durch die Truppen des Grafen von Pappenheim.

Dass die Niederstraße bereits seit 1327 ein "frommer Ort" war, wird mit der urkundlichen Erwähnung des Beginenhauses "op gen Ryn" deutlich. Das Gebäude befand sich in Höhe des heutigen Wieberplatzes /Ecke Niederstraße. Beginen waren Jungfrauen und Witwen, die nach christlichen Regeln wirken wollten ohne sich gleich klösterlich eng zu binden. Die Niederlassung gehörte zur Tack- und Tibi-Stiftung. Die Nachfahren der mächtigen Familiendynastie, die über Generationen auch wichtige Ämter in der Stadtspitze innehatten, wandelten 1585 das alte Beginenhaus auf der Niederstraße in ein rein protestantisches Waisenhaus um. Auf dem ehemaligen Beginengrundstück entstand 1655 ein "neues" Waisenhausgebäude. Es wurde im 2. Weltkrieg zerstört. Der historisch wertvolle Torbogen verschwand in der Nachkriegszeit. Heute existieren nur noch Fotos.

Die Zeit der Reformation hat in der Geschichte der Niederstraße bis zum heutigen Tage Spuren hinterlassen. So weckt die Begegnung mit der Kopie der Salvatorstatue im Vorraum des Katholischen Stadthauses Erinnerungen an die denkwürdige Ratssitzung von 1555, bei der die Entfernung des Salvatorstatue aus der Salvatorkirche beschlossen wurde.

Seitdem ist das Original der wundertätigen Statue in der Dorfkirche von Nievenheim zu sehen. Zum Jubiläumsjahr der Salvatorkirche kommt das Original nach Duisburg - leihweise ! Auf einen dauerhaften Tausch wollten sich die Nievenheimer nicht einlassen.

Die Wohnbebauung der Niederstraße veränderte sich in den nächsten 300 Jahren nur wenig. Ein Renaissancebau aus dem 16. Jahrhundert stand bis zur Zerstörung 1943 am Ende der Niederstraße zum Stapeltor hin. Spätere Funde von Textil- und Porzellanmanufakturen deuten in der 2. Hälfte des 18. Jahrhundert auf eine gemischte Wohn- und Gewerbenutzung hin. Fast vergessen ist das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Geburtshaus von Helmuth Liesegang (1858-1945) auf der Niederstraße. Der angesehene Landschaftsmaler gilt als Vorreiter der Impressionisten. Das Straßenbild war damals eher kleinstädtisch geprägt. Erst zu Beginn des Hafenausbaus im 19. Jahrhundert veränderte sich das Umfeld an der alten Stadtmauer mit Speichern und Umschlaganlagen. Der Innenhafen wurde zum "Brotkorb des Ruhrgebiets". Die Niederstraße selbst blieb aber Wohngebiet.

Nach dem Krieg war die Bebauung weitgehend zerstört. Den Rest erledigte der "Wiederaufbau". Zum Glück überstand das Dreigiebelhaus und das St. Bernardus-Stift den Bombenkrieg. In den 60er Jahren begann dann der Neubau der Wohnanlagen. Daran erinnert etwa das Wohnheim des St. Bernardusstiftes zur Straßenseite. Schräg gegenüber fiel das Eschhaus - benannt nach der Textilunternehmerfamilie - 1987 dem Bagger zum Opfer. Alt-68er denken dabei wehmütig an das legendäre Eschhaus-Zentrum mit den Auftritten von Alexis Korner, Julie Driscoll, BAP, Ton, Steine, Scherben zurück. Zukunftsforscher Robert Jungk, Rockbands wie die Bröselmaschine gehörten zu den prominenten Stars des Szenetreffs. Die Nachbarn im Umfeld waren nicht begeistert. Die Meinungen polarisierten sich. Der politische Druck zur Schließung des Eschhauses stieg. Mit dem Abriss des Eschhauses im Jahr 1987 endete die Ära eines unabhängigen Jugendzentrums in Duisburg.

Heute verbirgt die Niederstraße ihr Gesicht hinter einer Allerweltsarchitektur. Führungen zum Jubiläum eröffnen zum Teil überraschende Einsichten. Stadtmauer, Koblenzer Turm, Eselsdör und Nonnengasse mit Kopfsteinpflaster vermitteln noch heute ein wenig mittelalterliche Atmosphäre.

Und wer nach dem Rundgang eine Stärkung benötigt, dem sei die Gastronomie des Dreigiebelhauses empfohlen.

Quelle: RP
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