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Duisburg
Fazil Say ist hier willkommen

Duisburg: Fazil Say ist hier willkommen
Der türkische Pianist, Komponist und Bürgerrechtler Fazil Say spielte gestern selbst sein mit Abstand bekanntestes Werk "Black Earth", choreographiert von Royston Maldoom und eindringlich getanzt von Joel Wilson. FOTO: Probst Andreas
Duisburg. Der 1970 in Ankara geborene Pianist, Komponist und Bürgerrechtler von Weltrang wurde gestern im Theater mit dem diesjährigen Musikpreis der Stadt Duisburg in Verbindung mit der Köhler-Osbahr-Stiftung ausgezeichnet. Von Ingo Hoddick

In Duisburg konzertierte Fazil Say bereits zweimal, das erste Mal kurz nach seinem Studium an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf im Lehmbruck-Museum im Rahmen des Klavier-Festivals Ruhr, zuletzt vor zwei Jahren in der Kulturkirche Liebfrauen im Rahmen der Duisburger Akzente (die RP berichtete). Sein erster Klavierlehrer in der Türkei war seinerseits Schüler des berühmten Alfred Cortot. Täglich über Themen zu improvisieren, die mit seinem Alltag zu tun haben, wurde für Say zu einem selbstverständlichen Teil seines Übens und förderte kreative Prozesse. Das Tor zur internationalen Karriere öffnete sich, als er 1994 den New Yorker Wettbewerb "Young Concert Artists" gewann.

Seitdem gastiert er auf allen fünf Kontinenten und als gern gesehener Solist bei den großen amerikanischen und europäischen Orchestern. Zudem ist er ein hoch geschätzter Kammermusikpartner für die Geigerin Patricia Kopatschinskaja, den Geiger Maxim Vengerov oder den Cellisten Nicolas Altstaedt, Duisburgs "Artist in Residence" (Gastkünstler) der vergangenen Saison 2016/17. Als Komponist setzt er seiner Heimat manch klingendes, bisweilen mahnendes Denkmal. Denn Says Name steht nicht zuletzt auch für politisches und bürgerrechtliches Engagement. Vor fünf Jahren musste er sich dafür sogar vor Gericht verantworten: Der bekennende Atheist hatte per Twitter Witze über den Islam gemacht. Er wurde wegen Blasphemie zu einer Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt - 2015 hob das Oberste Gericht den Beschluss wieder auf und stellte Says Äußerungen unter den Schutz der Meinungsfreiheit.

Der seit 1990 jährlich vergebene Duisburger Musikpreis ehrt von nun an nicht mehr ein Lebenswerk, sondern ein "Werk im Leben", also jüngere Persönlichkeiten, die auch ein jüngeres Publikum anziehen. Bei der Preisverleihung gab es gestern erstmals keine Laudatio, sondern ein öffentliches Gespräch mit dem Preisträger durch den Musikjournalisten Prof. Dr. Holger Noltze. Als dieser ihm sagte, falls er ins Exil gehen sollte wäre er beispielsweise in Duisburg willkommen, antwortete Say: "Ich könnte überall leben, auch am Nordpol. Ich möchte aber weiter in Istanbul sein, denn die Hälfte hat in der Türkei mit ,Nein' gestimmt, bei denen will ich bleiben. Meine Prozesse habe ich alle gewonne, aber in einem philosophischen Sinn verloren, denn man kann glauben oder oder nicht, aber ein Richter kann nicht darüber entscheiden ob es Gott gibt, das ist Quatsch. Zum Bürgerrechtler bin ich nur unfreiwillig geworden, denn die Politik greift unser Leben an, nicht umgekehrt. Ich hatte drei Lokale im Istanbuler Stadtteil Beyoglu, in denen ich gerne Wein getrunken habe, die mussten alle schließen. Es wird immer enger, wie in einem Gefängnis. Aber die Türkei ist anders als andere islamische Länder, nicht wie Saudi-Arabien oder der Iran, wir haben 100 Jahre säkulare Tradition."

Als Höhepunkt spielte Fazil Say gestern selbst sein mit Abstand bekanntestes Werk, das Klavierstück "Black Earth" (1997), das Elemente aus Jazz, türkischer Folklore (es imitiert den Klang der Langhalslaute Saz) und westlicher Klassik verbindet, choreographiert von Royston Maldoom und hier getanzt von Joel Wilson von der Tanzmoto Dance Company. Der Pianist versprach übrigens auch, bald wieder einmal in Duisburg zu konzertieren, "ich war schon länger nicht mehr da".

Quelle: RP
 
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