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Duisburg
Filmforum: Blinde unter Sehenden

Duisburg. Einen etwas anderen Beitrag gab es am Samstag im Filmforum zu erleben: ein Radiofeature über das Leben als Blinder. Die Protagonisten berichteten darin unter anderem über die Schwierigkeiten, die ihre Situation mit sich bringt. Von Alfons Winterseel

Bilder für das innere Auge lieferte am Samstag das Radiofeature "In ihrer Welt" im Duisburger Filmforum in der Reihe "doxs! Dokumentarfilme für Kinder und Jugendliche #15". Der Autor und Regisseur Bernd Sahling traf sich zwölf Jahre nach seiner Dokumentation "Unter Sehenden" noch einmal mit den blinden Protagonisten seines Films. Darin erzählten sie von ihren Erfahrungen mit der Inklusion an ihrer Schule in Berlin-Steglitz in den 90er Jahren. Doch anders als damals blieb die Kamera aus, nur das Aufnahmegerät lief.

Ein Radio-Feature im Rahmen einer Filmwoche, das klingt erst mal paradox. Und es ist zunächst vor allem sehr verwirrend. Denn das Radio-Feature — eine Produktion für das Deutschlandradio Kultur — arbeitet nicht mit einer Einführung ins Thema. Auch gibt es keine Vorstellung der handelnden Personen, die Moderation ist auf ein Minimum reduziert. Und es dauert eine ganze Weile, bis man sich im leicht abgedunkelten Kinosaal auf das einlässt, was zu hören ist. Doch schließlich kommt es zu einem Lerneffekt, wenn man beginnt, die Stimmen zuzuordnen.

Ob vom (Filme-) Macher gewollt oder nicht: Es entsteht in den knapp 60 Minuten für Sehende neben allen Informationen seitens der Protagonisten auf alle Fälle ein Endruck davon, wie verwirrend die Welt für Blinde sein muss, wie lange es dauert, sich in einer neuen Situation zurechtzufinden, wenn man sich nur auf sein Gehör verlassen kann.

Jonas, Pamela, Hannah und Silke haben ihre Schulzeit größtenteils als blinde Kinder und Jugendliche an einer integrativen Schule verbracht. Sie erzählen, wie es bis etwa zum 5. Schuljahr recht gut lief, ihr Leben als Heranwachsende dann jedoch ganz anders verlief als das der sehenden Mitschüler. Sie erlebten Ausgrenzung, Vertrauensbrüche und vollzogen zum Teil einen Rückzug aus der Gemeinschaft, was wiederum im sozialen Miteinander nicht ohne Folgen blieb.

Zwölf Jahre später sind sie verheiratet, haben Kinder oder sind geschieden. Nur eines scheinen sie heute nicht zu sein: verzweifelt. Beruflich verliefen ihre Karrieren nicht in allen Fällen gradlinig, gab es Erfolge wie Misserfolge, Neuorientierung oder Mobbing.

In dem Radio-Feature ist eine zentrale Frage, welche Auswirkungen es auf die Protagonisten hatte, eine inklusive Schule zu besuchen, und was man verbessern könnte. Letzteres bringt Jonas (Musiker) in seinem Interview auf den Punkt: Schule müsse den Blinden beibringen, wie sie mit den Sehenden umgehen müssen, und nicht den Sehenden, wie sie mit Blinden umgehen sollten.

Anders als beim Film musste Bernd Sahling der Redaktion von Deutschlandradio Kultur den gesprochenen Text auf Papier liefern. Mit der Transkription beauftragt hat er die blinde Anne Günther, die als Schriftdolmetscherin arbeitet. Beide standen am Ende der Vorführung den - leider wenigen - Zuhörern Rede und Antwort.

Anne Günther und der Filmemacher kennen sich seit vielen Jahren: Er begleitet sie für eine Langzeitdokumentation mit der Kamera seit dem sie drei Jahre alt ist. Bernd Sahling erhielt 2004 den Deutschen Filmpreis für "Die Blindgänger". Im Rahmen des Duisburger "doxs-Festivals" wurden bereits mehrerer Beiträge von ihm gezeigt. Im vergangenen Jahr war er Stipendiat der "doku.klasse".

Quelle: RP
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