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Duisburg
Fragen nach der Identität von Migranten

Duisburg. Der neue, von der Volkshochschule und der Stadtbibliothek gemeinsam genutzte Saal im Stadtfenster wurde jetzt eingeweiht mit Lesungen von Lamya Kaddor und Nikol Ljubic ("Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit"). Von Ingo Hoddick

Seit einigen Jahren wird die deutsche Literatur überschwemmt von Schriftstellern mit Migrationshintergrund. Zumindest ein Teil ihrer Vorfahren oder sie selbst sind im Ausland geboren, aber sie schreiben in deutscher Sprache und sie betrachten Deutschland als ihre Heimat. Nikol Ljubic ist einer von ihnen, geboren 1971 in Zagreb als Sohn einer deutschen Mutter und eines kroatischen Vaters, aufgewachsen in Griechenland, Schweden und Moskau, überwiegend auf deutschen Schulen. In seiner Anthologie "Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit" zeigt er, wie diese Autoren mit dem frischen Blick der später Hinzugekommenen die oft bräsige und selbstgefällige hiesige Literaturszene bereichern.

Jetzt stellte Ljubic sein schon vor ein paar Jahren erschienenes Buch, dessen Cover dem deutschen Reisepass nachempfunden ist, erstmals in Duisburg vor. Die Betroffenen kennen allzu gut die Fragen, warum sie trotz ihrer mitunter ausländisch klingenden Namen akzentfrei deutsch sprechen oder ob sie ihre Bücher selbst schreiben. Wunderbar der Beitrag der rumäniendeutschen Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. An ihrem ersten Tag in Deutschland sah sie erstmals eine beleuchtete Bratröhre mit Sichtfenster. Deutschland erscheint bei ihr als das Land, wo ein Satz wie "das ist ja lustig" nicht bedeutet, dass etwas komisch ist, sondern eigentlich gar nichts, und wo man korrigiert wird, wenn man "Pretzel" sagt statt "Brezel". Ein ungewöhnlich heiterer und gelassener Text dieser sonst etwas düsteren Autorin. Gut gelungen auch Ljubics eigener Beitrag "Der Geistschreiber", in dem er sich selbst ironisch in der dritten Person beschreibt, aus der Sicht seines angeblichen Ghostwriters. Interessant übrigens, dass Ljubic den Begriff der Zuwanderung so weit wie möglich fasst, dazu zählen bei ihm auch Ostdeutsche. Denn auch sie, zum Beispiel die Schriftstellerin Claudia Rusch, müssen sich hier Sätze anhören wie "Erstaunlich, dass du deine Arbeit so gut machst, du kommst doch aus der DDR". Der Abend war einer der ersten im neuen, von der Volkshochschule und der Stadtbibliothek gemeinsam genutzten Saal im Stadtfenster. Einen Tag zuvor, gleichfalls veranstaltet vom VHS-Fachbereich Politische Bildung, hatte dort die bekannte Islamwissenschaftlerin, Religionspädagogin und Autorin Lamya Kaddor ihr aktuelles Buch "Zum Töten bereit - Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen" vorgestellt. Auch darin geht es um die Fragen nach der Identität von Migranten. Die betreffenden Jugendlichen, darunter einige von Kaddors Dinslakener Schülern, sind deutsche Staatsbürger, definieren sich aber in erster Linie als Muslime.

Quelle: RP
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