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Duisburg
Freie Kulturszene wieder im Aufwind

Duisburg: Freie Kulturszene wieder im Aufwind
Das Ruhrorter Lokal Harmonie wurde vor einigen Monaten mit der Spielstätten-Programm-Prämie des nordrhein-westfälischen Kulturministeriums, dotiert mit 5000 Euro, ausgezeichnet. FOTO: rp-bildarchiv
Duisburg. Seit einiger Zeit macht die freie Szene durch ein überzeugendes kulturelles und städtisches Engagement sowie durch teils höchst bemerkenswerte künstlerische Arbeitsergebnisse von sich reden. Von Olaf Reifegerste

Bei der jüngsten Vollversammlung der sogenannten freien Kulturszene in Duisburg wurden ihre beiden Vertreter für den städtischen Kulturbeirat gewählt: Es sind die bildende Künstlerin, Schauspielerin und Regisseurin Christina Böckler und der Theatermacher Tom Dahl. Auch Kulturdezernent Thomas Krützberg nahm an der Versammlung teil.

Schon seit einiger Zeit macht die freie Szene durch ein überzeugendes kulturelles und städtisches Engagement sowie durch teils höchst bemerkenswerte künstlerische Arbeitsergebnisse von sich reden und hat sich im Kulturleben der Stadt mittlerweile zu einer unverzichtbaren, tragenden Säule entwickelt. Die Jahre 2010 bis 2012 waren ein Tiefpunkt in der kultur- und stadtpolitischen Entwicklung freier Kulturarbeit in Duisburg. Ursache dafür war unter anderem die durch die "Loveparade"-Katastrophe ausgelöste "Schockstarre" der Stadtverwaltung, die sich beispielsweise in der bauamtlichen Schließung des "Lokal Harmonie" und in ordnungsamtlichen Auflagen für "Djäzz" und "Goldengrün" bemerkbar machte. Kulturpolitisch desaströs wurde im Kulturhauptstadtjahr der Etat zur Förderung der freien Kulturszene auf 32 000 Euro halbiert, um nur ein Negativbeispiel in diesem Zusammenhang zu nennen. Das "Vakuum" im Kulturdezernat selbst führte dazu, dass die "Traumzeit" für 2012 abgesagt wurde und die Duisburger Akzente 2013 ausfallen mussten. An beiden Festivals war und wurde in jüngster Zeit die freie Kulturszene maßgeblich mitbeteiligt.

So bildete sich im "Mercatorjahr" 2012 der Verein "Traumzeitretter" und gleichzeitig wurde im durch den dortigen "Kreativkreis" mit Kulturleben gefüllten Kreativquartier Ruhrort eine durch freie Initiativen ins Leben gerufene dreitägige Konferenz zum Thema "Recht auf Stadt" veranstaltet. Aus den "Traumzeitrettern" wurde später der Verein "Kultursprung", der das äußerst erfolgreiche "Platzhirsch"-Festival aus der Taufe hob. Und der auf der Ruhrorter Konferenz geforderte "Kulturentwicklungsplan für Duisburg" erlebte Anfang März seine Auftaktveranstaltung.

Kulturpolitisch wirkt die freie Szene fortan aber nicht nur beim städtischen Kulturentwicklungsplan mit, sondern sitzt mit ihren Ruhrort-Vertretern (KulturWerft, Lokal Harmonie und Kreativquartier) am dortigen "Runden Tisch". Außerdem entsendet sie mit Christina Böckler (Bildende Kunst) und Tom Dahl (Darstellende Kunst) beziehungsweise mit Klaus-Dieter Brüggenwerth (Bildende Kunst) und Stefan Schroer (Darstellende Kunst) als deren Vertreter nunmehr ein neues Team für den Duisburger Kulturbeirat, der über die auf 64 000 Euro im städtischen Haushalt inzwischen wieder eingestellten Fördermittel zu beraten, zu entscheiden und diese zu vergeben hat.

Der Beirat setzt sich ab diesem Jahr erstmals aus nur noch zehn stimmberechtigten Mitgliedern zusammen. Denn zu den beiden aus der Mitte der freien Künstlerschaft Gewählten, entsendet der Kulturausschuss bis auf Weiteres statt bisher acht nur noch sieben Politiker in das Gremium. Zehntes Mitglied ist der Kulturdezernent als Vertreter der Stadt.

Eine Verbindung "auf Augenhöhe" zwischen Duisburger Kulturpolitik und freier Kulturszene findet aber auch in der neuen Veranstaltungsreihe "KULTURbyRAT" statt, die neben "Platzhirsch" ebenfalls vom Verein "Kultursprung" ins Leben gerufen wurde. Und auch manch städtische Kultureinrichtung sucht inzwischen vermehrt die Kooperation mit freien Künstlern, Kulturschaffenden und Initiativen, ob Kindertheater von "Kreuz & Quer" oder dem "KOM'MA" im Dritten Rangfoyer des Stadttheaters, ob "PlastikBar" wie das Beispiel Tanz mit Bettina Rutsch im Lehmbruck Museum oder das "Erzählcafé" mit der szenischen Lesung von und mit Verena Meyer und Dorothee Becker beziehungsweise der musikalisch-literarischen Veranstaltung von und mit Werner Muth im Kultur- und Stadthistorischen Museum.

Vor allem aber ist die freie Szene aus Duisburg und der Region bei den Akzenten nicht mehr wegzudenken. Das konnte man eindrucksvoll in Ruhrort 2010, im Mercatorquartier 2012 und in diesem Jahr auf der Beekstraße mit teils bemerkenswerten Arbeiten erleben, darunter das Live-Hörspiel von Thorsten Töpp "Vergessene Häfen". Doch auch das jährlich veranstaltete "Offene Atelier DU" und der "Kunst- und Kulturmarkt" beim Ruhrorter Hafenfest legen Zeugnis ab von der überwiegend guten Qualität der freien bildenden Kunst in Duisburg.

Als außergewöhnliche Kulturorte in Duisburg gelten unter anderem der "Hafenkult" im Parallelhafen und das vom Land NRW kürzlich ausgezeichnete "Lokal Harmonie" im Binnenhafen - und last but not least bis dato auch das "Goldengrün", das dieser Tage allerdings schließen musste. Zu groß war die jahrelange Selbstausbeutung der beiden rührigen Betreiber dieser besonderen Szenekneipe in Duisburg. Das Beispiel zeigt, dass ohne Moos auf Dauer nix los sein kann.

Quelle: RP
 
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