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Rp-Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten
Frühe Netzwerker des Wissen

Rp-Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten: Frühe Netzwerker des Wissen
John Dees Polkarte mit den beiden Nordpolarrouten. FOTO: Kultur- und Stadthistorisches Museum
Duisburg. Internationale Kontakte von Wissenschaftlern sind keine Erfindung der Neuzeit. Gerhard Mercator war bereits im 16. Jahrhundert eng vernetzt. So pflegte er den Gedankenaustausch mit dem englischen Gelehrten, Dr. John Dee. Von Harald Küst

Internationale Kontakte von Wissenschaftlern sind keine Erfindung der Neuzeit. Gerhard Mercator war bereits im 16. Jahrhundert eng vernetzt. So pflegte er den Gedankenaustausch mit dem englischen Gelehrten, Dr. John Dee. Wer war dieser Dee ? Antworten findet der Leser in einem fiktiven, aber faktenorientierten Interview mit Gerhard Mercator. Man traf sich 1590 an der Oberstraße. Mercator ist inzwischen 78 Jahre alt, gesundheitlich angeschlagen, aber geistig rege.

Herzlichen Dank für den Gesprächstermin. Wen würden Sie im Rückblick auf Ihre Loewener Zeit als den begabtesten Studenten bezeichnen?

Mercator Es gibt viele Namen, die dafür in die engere Wahl kämen, aber der Engländer John Dee war in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Ich war ja damals schon 35 und lernte ihn 1547 als jungen Studenten kennen. Er trat als Mathematiker und Naturphilosoph, Nautiker, Astronom und Astrologe hervor. Er war mit dem Werk von Nikolaus Kopernikus vertraut.

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Mercator Wenn es denn sein muss. In England fanden zu dieser Zeit dramatischen Umbrüche statt: Nach Heinrich VIII. wurde die Staatskirche in England unter dem minderjährigen Edward protestantisch. Von 1553-1558 führte Königin Mary England zurück in die katholische Kirche. "Bloody Mary" ließ 300 protestantische Ketzer verbrennen. Einigen gelang auch die Flucht ins Herzogtum Kleve. John hatte damals schon Zugang zum englischen Hof. Auch er geriet in den Verdacht der Ketzerei. Eine schreckliche Zeit. Es gelang ihm zum Glück, einer Verurteilung zu entgehen. Ich kann Johns Kerkerhaft in Hampton Court aus eigener Erfahrung in Rupelmonde gut nachvollziehen.

Nach der Wiederherstellung der Reformation unter Königin Elisabeth I. wuchs der Einfluss von Dr. John Dee am Hofe. Wie bewerten sie dies ?

Mercator: Dee kannte am englischen Hof alle, die einflussreich waren. Er suchte den Schutz dieser mächtigen Figuren, und der Schlüssel zu seinem Einfluss war die Astrologie. Er schrieb Elisabeth I. Horoskope, berechnete den günstigsten Termin für ihren Krönungstag und erhielt schließlich sogar den prestigeträchtigen Titel eines königlichen Astrologen. Eine beeindruckende Karriere. John entwickelte erste Pläne zur Nordpolarroute (s.a. Abb.). Der Handel mit Ostasien lockte. Sein Wissen über Navigation und Seekarten war eine unschätzbare Informationsquelle für Entdecker und Freibeuter wie Raleigh und Drake. John schulte mit mathematischen Methoden das kompass-orientierte Segeln.

Dees Bibliothek soll sehr umfangreich gewesen sein?

Mercator: John sammelt seit Jahrzehnten systematisch das Wissen unserer Zeit. Seine Privatbibliothek umfasste 4000 Bücher und Manuskripte. Umso tragischer ist die Plünderung seiner Bibliothek als er in Europa weilte.

Aber viele betrachten ihn als Magier, der sich mit Okkultismus befasst - trifft das zu ?

Mercator: Nun ja.... Magie und Messtechnik, Astrologie und Mathematik sind Bestandteile einer konsistenten Weltanschauung unserer Zeit.

RP: Was zeichnet Dee aus?

Mercator Uns einte ein starkes Band - das Bewusstsein, dass durch unsere Werke etwas Neues entstehe. Er baute mit seiner Bibliothek ein grenzüberschreitendes Netzwerk des Wissens auf, das in der Zukunft gewiss noch beachtet wird.

Haben Sie nach den vielen Jahren auch jetzt noch Kontakt mit Dr. John Dee ?

Mercator: Ja, wir korrespondieren noch gelegentlich. John hat die Plünderung seiner Bibliothek arg deprimiert. Sein Rat ist am Hofe nicht mehr gefragt. Er verarmt mehr und mehr. Ich hoffe, dass Königin Elisabeth I. ihrem einstigen Berater zumindest eine existenzielle Unterstützung gewähren wird. Ich schätze ihn nach wie vor sehr.

Wir danken Ihnen für das Gespräch. Wir werden das Schicksal ihres Freundes weiter verfolgen.

Quelle: RP
 
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