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Duisburg
Gebrauchsanweisung für gute Filme

Duisburg: Gebrauchsanweisung für gute Filme
Szene aus "Landstück", einem Film von Volker Koepp. Im Bild ist der Biologe und Agrarwissenschaftler Prof. Dr. Michael Succow zu sehen, ein Kenner der Uckermark. Er kann auch mit den Ohren wackeln... FOTO: Filmwoche
Duisburg. Höchst unterschiedliche Themen werden im Programm der Duisburger Filmwoche behandelt. Es gibt nüchterne und empathische Filme. Herausragend ist das "Landstück" vom Altmeister des Dokumentarfilms, Volker Koepp. Von Peter Klucken

Schwer zu sagen, welche Qualitäten ein Dokumentarfilm haben muss. Auch bei der 40. Duisburger Filmwoche werden viele unterschiedliche Themen auf unterschiedliche Weise behandelt. Eine Gebrauchsanweisung für Filmschaffende wird man angesichts der 27 Wettbewerbsbeiträge trotzdem nicht herausfiltern können. Da gibt es nüchterne Filme, die auf Interesse stoßen, oder auch solche, bei denen sich die Filmautoren mit ihren Protagonisten zu verbünden scheinen.

Beide Zugänge können angemessen sein. Die aktuelle Filmwoche zeigt mal wieder, dass Schubladen bei der Bewertung von Filmen keine Rolle spielen. Es bleibt nur die Einzelwertung! Und da konnte beispielsweise der seit Jahrzehnten bekannte Dokumentarfilmer Volker Koepp (Jahrgang 1944) mit seiner jüngsten Arbeit, "Landstück", überzeugen. Es gibt nur wenige Filmemacher, die so behutsam mit den Menschen vor der Kamera umgehen, wie Koepp. Sie bekommen viel Zeit zum Reden. Zwar fragt man sich manchmal, weshalb Koepp nicht auf die ein oder andere Anekdote verzichtet, doch merkt man im Nachhinein, dass der Film das Lebensgefühl der Menschen in der Uckermark (zwischen Berlin und Stettin) beschreibt. Einige der porträtierten Menschen sind ideale Filmbesetzungen, beispielsweise der Biologe und Agrarwissenschaftler Prof. Dr. Michael Succow, ein Kenner der Uckermark. Er spricht ruhig, sympathisch und überzeugend. Nebenbei kann er auch mit den Ohren wackeln - aber richtig! Wie so oft bei Koepp wird aber auch deutlich, dass die Menschen in der Uckermark keineswegs in einer Idylle leben. Die Biobauern können davon ein Lied singen.

Dass manchmal das Verharren des Filmemachers in Interviews oder "typischen" Szenen aus der Lebenswirklichkeit zu viel werden kann, zeigte sich bei dem Dokumentarfilm "Un Solo Colore" von Joerg Burger. Dabei ist das Thema wichtig und schön: In der kleinen süditalienischen Gemeinde Camini werden Flüchtlinge aufgenommen, die durch ihre Arbeit und andere Aktivitäten das verschlafene, durchaus schon etwas heruntergekommene Dorf beleben. Die Aufnahme von Flüchtlingen wird als Chance gesehen und als Projekt betrieben. Gut, dass es darüber einen Dokumentarfilm gibt. Schade nur, dass er nicht mitreißender gemacht wurde. Das Projektleiter-Ehepaar ist zweifellos erfüllt von seiner Aufgabe, aber man sollte das nicht immer wieder aufs Neue aus ihnen herauskitzeln. Und dass ein Teenager das Leben im Dorf langweilig findet und lieber in Mailand leben möchte, ist ja so überraschend nicht. Burger hätte seinen Dokumentarfilm straffen sollen. Dann wäre das Vorbildliche dieses kalabrischen Projekts deutlicher geworden.

Als eine Art Déjà vu erwies sich der Dokumentarfilm "Leben - Gebrauchsanweisung" von Jörg Adolph und Ralf Bücheler, der gestern Nachmittag als Uraufführung im Filmforum gezeigt wurde. Die beiden Filmemacher verstehen ihren Film als "Update" des Films "Leben - BRD" aus dem Jahr 1989 von Harun Farocki. Der hatte eine Dokumentation gedreht, die aus zahlreichen ungewöhnlichen Übungs-, Therapie- und Spielsituationen besteht. Kommentare aus dem Off gab es nicht; die Szenen sprachen für sich.

Jörg Adolph und Ralf Bücheler griffen auf Farockis Filmstruktur zurück; allerdings bringen sie ein wenig mehr Ordnung in die Dramaturgie, in dem sie das Themenspektrum nach dem Prinzip "Von der Wiege bis zur Bahre" aufbereiteten. Der Film startet also mit der Hebammen-Ausbildung und endet bei den Bestattern. Es wäre gewiss lohnenswert, wenn man den Farocki-Film mit seinem "Update" unmittelbar vergleichen könnte. Aber auch so ist "Leben - Gebrauchsanweisung" ein Dokumentarfilm, der in die Gegenwart passt.

www.duisburger-filmwoche.de

Quelle: RP
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