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Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten
Geschichtsträchtige Villa am Kaiserberg

Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten: Geschichtsträchtige Villa am Kaiserberg
Die Henle-Villa wird zurzeit aufwendig saniert. Das denkmalgeschützte Gebäude wird künftig von sieben Stadtvillen umrahmt und ordnet das Gelände an der Wilhelmshöhe neu. FOTO: andreas Probst
Duisburg. Die Villa erinnert an die Lebensleistung von Dr. Günter Henle, ein Unternehmer und Kulturförderer. Von Harald Küst

Die älteren Duisburger wissen noch, dass das Henle-Anwesen ein Treffpunkt für die wirtschaftliche und politische Elite im Nachkriegsdeutschland war. Ihren Namen erlangte das herrschaftliche Gebäude, als Dr. Günter Henle (1899-1979), Vorstandsmitglied der Klöckner-Werke AG, das Anwesen im Jahre 1937 erwarb. Henle startete seine Karriere im diplomatischen Dienst des Deutschen Reichs. Er konnte trotz seiner teilweise jüdischen Abstammung in der NS-Zeit noch einige Jahre im Auswärtigen Dienst verbleiben. Henle hatte in die Klöckner-Familie eingeheiratet. Das Familienoberhaupt Peter Klöckner erlitt 1936 einen Schicksalsschlag. Sein einziger Sohn Waldemar starb bei einem Autounfall. Nach dem Tod seines Sohnes wird die Peter Klöckner-Familienstiftung als Erbin des Klöckner-Unternehmensverbunds eingesetzt. 1937 nimmt Peter Klöckner seinen Schwiegersohn, Dr. Günter Henle, als Teilhaber in das Unternehmen auf. Für Henle öffnete sich nach dem Tod des Patriarchen der Weg an die Konzernspitze. Während des Zweiten Weltkrieges stand der Rüstungsbetrieb unter Aufsicht des NS-Regimes. Henle wurde seiner Position an der Spitze der Klöckner-Gruppe enthoben.

Die Zerschlagung der Duisburger Industrie stand bei den Besatzungsmächten mit der Konferenz von Potsdam seit dem 2.8.1945 auf der Agenda. Das Damoklesschwert der Demontage schwebte über der deutschen Industrie. Nahezu alle Industrieunternehmen waren davon betroffen. Bevor die Alliierten einen wirtschaftlichen Aufbau zulassen wollten, sollte die "Entnazifizierung" und "Reeducation" vorangetrieben werden. Auch Dr. Günter Henle musste die 131 Fragen des Entnazifizierungsfragebogens ausfüllen. Es spielte keine Rolle, dass er dem provisorischen Stadtparlament zusammen mit vielen anderen unbelasteten Persönlichkeiten angehörte. Am 30.11.1945 wurde er mit 75 anderen führenden Stahlindustriellen verhaftet. Henle verbrachte den Jahreswechsel im britischen Lager Bad Nenndorf bei Hannover und durfte erst zwei Jahre später am 31.12.1947 wieder sein Büro betreten.

Der damalige Oberbürgermeister, Dr. Heinrich Weitz, arbeitete eng mit der lokalen Schwerindustrie und anderen Kreisen der Wirtschaft zusammen. Eine Änderung der Haltung der Westalliierten zur Demontage wurde durch den Beginn des "Kalten Krieges" mit der Sowjetunion befördert. Die Westalliierten brauchten Deutschland als Bündnispartner. Als Vorsitzender der Klöckner & Co.-Unternehmensgruppe wurde Henle in der jungen Bundesrepublik zu einem führenden Vertreter der rheinisch-westfälischen Eisen- und Stahlindustrie. Henle verfolgte außerdem eine politische Laufbahn und war von 1947 bis 1949 Mitglied des Frankfurter Wirtschaftsrates, dem Vorläufer des Deutschen Bundestages an. Konrad Adenauer schätzte ihn als einen seiner wichtigsten Berater in Fragen der Wirtschafts-und Außenpolitik. Adenauer war es auch, der Henle "breitschlug", für den Bundestag zu kandidieren. Dem gehörte Henle in der ersten Legislaturperiode (1949-1953) für die CDU an. Er wirkte aktiv an Entscheidungen mit, die bis heute den Wiederaufstieg Deutschlands prägen, wie das Petersberger Abkommen und den Beitritt zum Europa-Rat. Henle spielte eine wichtige Rolle bei der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle, die eine wesentliche Grundlage für den Prozess der europäischen Integration darstellten. Im Vorfeld der zweiten Bundestagswahl 1953 entschloss er sich, aus der aktiven Politik auszuscheiden, um sich auf die Führung seiner Unternehmensgruppe zu konzentrieren. Das kühlte das Verhältnis zu Adenauer ein wenig ab, schreibt Henle in seinen Lebenserinnerungen. In den nächsten Jahrzehnten schmiedet er aus dem verzweigten Klöckner'schen Firmenkonglomerat einen weltweit agierenden Handels-, Stahl- und Maschinenbaukonzern. Das Feld ist reich bestellt, als der inzwischen 78-jährige Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes abtritt. 1977 legt er die Konzern-Verantwortung in die Hände seiner Söhne Jörg Alexander und Christian Peter. Seine Söhne gerieten mit Stahlkrise bald in schwieriges Fahrwasser.

Quelle: RP
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