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Götz George ist tot
Abschiedsbrief an "Schimmi"

Götz George ist tot: Abschiedsbrief an "Schimmi"
Götz George in seiner Rolle als "Tatort"-Kommissar Schimanski bei Dreharbeiten im Duisburger Hafen im März 1981. FOTO: dpa
Duisburg. Schimanski hat Duisburg zu zweifelhaften Ruhm verholfen. Seither ist das Schmuddel-Image zementiert, meint unsere Autorin, die nach der ersten Tatort-Folge mit Schimanski stinksauer den Fernseher ausmachte. Von Hildegard Chudobba

Sehr geehrter Herr George, oder darf ich Sie ausnahmeweise wegen des traurigen Anlasses "Lieber Horst" nennen?

Könnten Sie noch antworten, so würden Sie vermutlich sagen: Das geht mir am A…vorbei", um ihre Ausdrucksweise aus zehn Jahren "Tatort" aufzunehmen.

Also, lieber Horst, du Rambo-Bulle, der als echter Kommissar hier noch nicht mal Fahrraddiebstähle hätte aufklären dürfen. Hat zumindest nach der ersten Folge unser Kripo-Chef gesagt. Ob ich traurig bin, dass du dich mit 77 Jahren aus dem Leben verabschiedet hast?

Naja, in Tränen bin ich ehrlich gesagt nicht ausgebrochen. Denn ich bin Duisburgerin. Und du weißt ja ganz genau, was du uns angetan hast, damals im Juni 1981, als die erste Tatortfolge mit dir in der Hauptrolle ausgestrahlt wurde. An diesem Sonntag um 20.15 Uhr saß ich gespannt vor der Mattscheibe und schaltete die Kiste eineinhalb Stunden später stinkesauer aus. Ich habe dann mit meiner Freundin darüber abgelästert, dass du ein unverschämter schmieriger Prolet bist, der unsere Stadt in den Dreck gezogen hat. Und ich empfand nicht alleine so.

Protestwelle nach der ersten Folge

Anderntags brach eine Protestwelle aus. Wir kannten Fernsehkommissare bis dahin doch nur als seriöse Ermittler mit Schlips und Kragen, die in Vorstadtvillen auf Tätersuche gehen und sich nie, wirklich nie im Ton vergreifen. Und du, Horst Schimanski? Du warfst deinen Fernseher aus dem Fenster deiner versifften Wohnung, hast dich in der Kneipe mit Köpi volllaufen lassen, schlugst um dich, fluchtest  – unfassbar – laut "Scheiße!", ließest dich von allem, was Rock trug, ins Bett zerren – und das alles in einer vermüllten Stadt namens Duisburg, in der verkrachte Existenzen in noch heruntergekommeneren Wohnung lebten als du selbst.

Und dann diese graue verwaschene Jacke! Wenn wir uns an diesem speckigen Stück nicht die Finger schmutzig gemacht hätten, wir hätten dich am liebsten am Kragen gepackt und samt Jacke aus der Stadt geworfen – zumindest nach den ersten Tatort-Folgen. Heute hängt das gute Stück in unserem Stadtmuseum, weil wir irgendwann angefangen haben, in dir wieder den hervorragenden Schauspieler Götz George zu sehen und stolz darauf zu sein, dass du uns die Ehre gegeben hast. Und auch, weil wir erkannt haben, dass du unsere Stadt gar nicht meintest, sondern sie nur als Kulisse diente, um deine Kritik zu formulieren an längst überholten gesellschaftlichen Normen, an Korruption, an Vorurteilen gegen Menschen, die einfach anders sind, als uns Spießbürgern das damals in den Sinn kam.

Duisburg hat jetzt eine Horst-Schimanski-Gasse

Wir haben dich längst sogar so ins Herz geschlossen, dass wir seit ein paar Monaten eine Horst-Schimanski-Gasse haben. Zugegeben, sie ist sehr kurz, aber immerhin, sie ist in Ruhrort. Für eine echte lange Straße hat die Liebe dann  allerdings doch nicht gereicht. Die Kneipen, in denen du hier gesoffen und dich geprügelt hast, haben Kultcharakter und viele Duisburger – und Touristen – kennen die Orte, an denen du in Duisburg über Leichen gestolpert bist oder so richtig miese Verbrecher aus dem Verkehr gezogen hast. Schade, dass die letzten Tatort-Folgen und danach die Schimanski-Serie weitgehend außerhalb unserer Stadt entstanden sind. Heute sind wir fast froh, dass du dich zumindest hin und wieder hierher verirrt hast, auch wenn Duisburg jedes Mal nur als schmuddelige Kulisse benötigt wurde. Längst fluchen andere deiner Kollegen an abgewrackteren Orten noch unflätiger vor der Kamera und überschreiten noch mehr gesellschaftliche Grenzen als du damals. Also warum sollen wir uns noch aufregen oder dir böse sein?

"Duisburg -Ruhrort" und die die weiteren 28 Tatort-Folgen, die zwischen 1981 und 1991 hier gedreht wurden, werden nun bestimmt  alle noch mal gezeigt. Denn das machen die doch so beim Fernsehen, wenn sie einen ganz Großen der Branche posthum ehren wollen. Ich werde mir alle Folgen anschauen. Versprochen! Auch wenn ich jetzt schon weiß, dass mir am Ende ( "Der Fall Schimanski" – du weißt schon, da segelst du am Drachen aus der Stadt und brüllst Scheiße, weil du in den Rauch eines Kamins gerätst) mit Sicherheit ein bisschen traurig und wehmütig werden wird. Und das auch, weil meine Heimatstadt es versäumt hat, dich noch zu Lebzeiten zum Ehrenbürger zu ernennen.

Tschüss dann!

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