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Duisburg
Golyscheff als Entdeckung im TaM

Duisburg: Golyscheff als Entdeckung im TaM
Michael Barenboim, Sohn der Pianistin Elena Bashkirova und des Dirigenten Daniel Barenboim, spielte gemeinsam mit Konstantin Sellheim und Timothy Park im Kammerkonzert. FOTO: Janine Escher
Duisburg. Im jüngsten, achten Kammerkonzert im Theater am Marientor (TaM) überzeugten Michael Barenboim (Violine), Konstantin Sellheim (Viola) und Timothy Park (Violoncello) den größten Teil des Duisburger Publikums. Von Ingo Hoddick

In der Musikgeschichte verbanden die Komponisten mit ihren Streichtrios immer einen besonderen Anspruch und fanden dort Gelegenheit zum Experimentieren. Das zeigte jetzt auch das jüngste, achte Kammerkonzert im Theater am Marientor (TaM). Zwei längere Werke, welche die Wiener Serenaden-Tradition überhöhten, rahmten hier zwei kürzere, mehr oder weniger zwölftönige Stücke. Schon in dem fast belanglosen Streichtrio B-Dur D 581 (1817) von Franz Schubert zeigten Michael Barenboim, Sohn der Pianistin Elena Bashkirova und des Dirigenten Daniel Barenboim (Violine), Konstantin Sellheim aus den Reihen der Münchner Philharmoniker (Viola) und Timothy Park (Violoncello), wie klangschön und feinsinnig sie spielen, vor allem perfekt aufeinander hörend, also als wahre Kammermusik.

Es folgte das Streichtrio (1914) von dem im ukrainischen Cherson geborenen Jefim Golyscheff (1897-1970), das schon alle zwölf Tonhöhen und auch zwölf Tondauern aufeinander folgen lässt, ohne das eine davon wiederholt wird, wie Jahrzehnte später im Serialismus. Die ersten vier der fünf Sätze, bei denen sich Golyscheff in Berlin noch von dem vor 150 Jahren geborenen Ferruccio Busoni beraten ließ, tragen nicht wie üblich Angaben zum Tempo, sondern zur Lautstärke. Das Ergebnis klingt überraschend romantisch und ist eine Entdeckung - leider wahrscheinlich das einzige erhaltene Werk dieses Malers und Komponisten, der als Jude im 20. Jahrhundert mehrfach die Flucht ergreifen und sein Schaffen zurücklassen musste. Barenboim, Sellheim und Park überzeugten damit im TaM den größten Teil des skeptischen Publikums - weil sie sehr suggestiv spielten, sicherlich aber auch, weil der Geiger zuvor ein paar sympathische Worte dazu gesprochen hatte.

Nach der Pause folgten zwei der anspruchsvollsten Kompositionen, die jemals für Streichtrio geschaffen wurden. Die eine war das nur zehnminütige, aber äußerst dichte Streichtrio op. 20 (1926/27) von Anton Webern, im Gegensatz zu dem eher gesanglichen Golyscheff ziemlich gezackt. Das andere war das dreiviertelstündige Divertimento Es-Dur KV 563 (1788) von Wolfgang Amadeus Mozart. Die Gattungsbezeichnung, die ja übersetzt "Zerstreuung" bedeutet, führt etwas in die Irre, denn Mozart verbindet hier schöne Melodien mit kunstvollster Verarbeitung.

Danach kann man keine Zugabe mehr bringen - und Michael Barenboim zeigte sich ironisch zufrieden, dass das Kammerkonzert nach genau zwei Stunden beendet war.

Quelle: RP
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