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Duisburgerin kämpft sich zwei Mal zurück
"Handarbeit ist für mich Therapie"

Duisburgerin kämpft sich zwei Mal zurück: "Handarbeit ist für mich Therapie"
Barbara Wirtz in ihrem Wohnzimmer. Hier entstehen die meisten ihrer gestrickten Meisterwerke. Ihre Nähmaschine steht im Keller. Was sie herstellt, verkauft sie unter anderem auf Weihnachtsbasaren. FOTO: reichwein
Duisburg. Für Barbara Wirtz sind Stricken, Nähen und Häkeln mehr als nur ein Hobby. Handarbeit hat ihr durch schwere Zeiten geholfen. Von Tim Harpers

Heute ist für Barbara Wirtz ein guter Tag. Die Gesundheit spielt mit. Die Taubheit in ihrem Arm ist verschwunden und auch ihre anderen Wehwehchen plagen die 67-Jährige nicht so sehr wie an anderen Tagen. Die begeisterte Hobby-Strickerin hat schwere Zeiten hinter sich. Die Handarbeit war dabei ihr großes Glück, ihre Therapie, ein wichtiger Begleiter auf dem Weg zurück in ein erfülltes Leben.

Wirtz stammt aus dem Emsland. Ihr Vater war Maurer, ihre Mutter Buchhalterin mit einem Faible fürs Nähen. "Wir sind 1954 nach Essen gekommen", erinnert sich Wirtz. "Damals war ich vier Jahre alt. Mein Vater wollte dort seinen Meister machen." Auf dem Land habe er dazu keine Möglichkeit gehabt.

Barbara Wirtz bei der Arbeit (links). Das Nähen hat sie auf der Frauen-Fachschule in Geldern gelernt. Ihr neuestes Hobby ist das Auffädeln von Perlenketten. FOTO: reichwein

Ein Jahr später seien sie nach Duisburg gezogen. "Ich war dann in Kasslerfeld auf der Volksschule", sagt die 67-Jährige. "Und später auf der Frauen-Fachschule in Geldern. Ein Internat. Dort habe ich das ganze Basiswissen in Sachen Hand- und Hausarbeit vermittelt bekommen." Nach dem Abschluss absolvierte Wirtz eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin. Und nach einer Babypause ließ sie sich zur Arzthelferin in der Strahlentherapie umschulen.

Plötzlich war ein Arm taub

FOTO: Christoph Reichwein

In diesem Beruf arbeitete die Walsumerin auch noch, als das Unglück über sie hereinbrach. Es war das Jahr 1992. Ganz plötzlich habe sich Taubheit in ihrem rechten Arm ausgebreitet, erinnert sie sich. Das habe sie sofort in Panik versetzt. "Ich wusste, da kann etwas ganz und gar nicht stimmen." Ein Besuch im Krankenhaus brachte Gewissheit: Sie hatte einen Bandscheibenvorfall im Bereich der Halswirbel. Sie ließ sich operieren. Ob das Gefühl im Arm zurückkehren würde, war zu diesem Zeitpunkt noch unklar. Doch das tat es. "Zum Glück", wie sie sagt. Beruflich und persönlich hieß es nun aber Kürzertreten. In ihren alten Job konnte Wirtz nicht mehr zurück. Ein Amtsarzt attestierte die Berufsunfähigkeit. "Da war dann erst einmal ein großes Loch", sagt die Walsumerin. "Ich wusste nicht so recht, was ich mit mir anfangen sollte."

Das änderte sich mit einem Besuch ihrer Tochter. "Sie hat mir damals so richtig in den Hintern getreten und mir gesagt, dass ich etwas tun müsste", erinnert sich Wirtz. "Schließlich konnte ich ja nicht den Rest meines Lebens auf der Couch rumsitzen." Damals besann sich die Walsumerin auf ihre alte Leidenschaft: die Handarbeit. Als ihre Kinder noch klein waren, hatte sie mit allerhand Selbstgestricktem und Näh- und Bastelkursen das Familieneinkommen aufgebessert. "Ich hatte immer eine riesige Freude daran", sagt Wirtz. "Ich wusste, dass mir diese Arbeit immer Spaß am Leben und Halt gegeben hat." Deshalb entschied sie sich, ihr altes Hobby wieder aufzunehmen.

Plötzlich waren die Symptome wieder da

Sie begann zu stricken. Erst ganz langsam und immer nur für wenige Minuten. "Stricken und Probleme an den Halswirbeln, das verträgt sich eigentlich nicht so gut", sagt sie. Mit der Zeit wurden ihre Einheiten aber immer länger. Irgendwann entdeckte sie auch ihre Nähmaschine wieder und die alten Häkelnadeln. Und so klöppelte und strickte, häkelte und bastelte sich die Walsumerin nach und nach zurück ins Leben. "Alles lief wieder gut", sagt Wirtz. "Bis ins Jahr 2001." Dann, eines Morgens, waren sie plötzlich wieder da: die Symptome. Der stechende Schmerz und dieses Kribbeln im Arm. Der 67-Jährigen war sofort klar, was mit ihr passierte. Die Ärzte bestätigten ihre Vermutung: ein Bandscheibenvorfall, schon wieder.

Für Wirtz allerdings kein Grund, sich hängenzulassen. "Ich habe in der Strahlentherapie mit Todkranken gearbeitet", sagt sie. "Da bekommt man einen anderen Blick auf die Welt. Das, was mir passierte, war nicht annähernd so schlimm, wie das, was andere erleben. Ich musste weitermachen."

Also begann sie von Neuem. Wieder mit der Handarbeit als Therapie. Sie strickte und häkelte, bastelte und nähte, bis die Schmerzen irgendwann verschwunden waren. Heute schafft sie 40 Paar Socken im Jahr, stickt Handtaschen und Mützen, näht Decken und entwirft Perlenketten. Ihre Arbeiten verkauft sie auf Basaren. Mal für ihre Kasse, mal für den guten Zweck.

Ihre Geschichte erzählt Wirtz an diesem Dezembermorgen an ihrem Esstisch. Die Stofftischdecke ist mit Weihnachtsmännern bedruckt, von ihr selbst, der Adventskranz handgemacht. Sie selbst trägt einen grob gehäkelten Schal. "Ich habe mein Glück gefunden", sagt sie. "Meine Familie und mein Hobby sind alles, was ich brauche." Vor allem ihrer Tochter sei sie dankbar. Für den Weckruf zur rechten Zeit. "Nur auf der Couch rumzulungern? Das ist nun wirklich nichts für mich."

Quelle: RP
 
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