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Duisburg
Heimat hinter Fenster und Tresen

Duisburg: Heimat hinter Fenster und Tresen
Erna Peetz (86) kauft seit Kindesbeinen ihre Brötchen in Moni´s Büdchen an der Münzstraße in der Duisburger Innenstadt bei Ursula Krahe (hinten links) und Rosita Zaubi. FOTO: christoph reichwein
Duisburg. Beim Tag der Trinkhallen waren auch die Duisburger Buden mit von der Partie. Es war ein erfolgreicher Auftritt der typischen Ruhrgebietsverkaufsstätten, die mehr sind als eine Anlaufstelle für Tabak, Getränke und die bunte Tüte. Von Julia Zuew.

Wolfgang Petry's Stimme aus den Lautsprechern geht unter im Gesang der Gäste. "Ihr seid das Ruhrgebiet, die Droge die mich süchtig macht" hallt es aus den Kehlen, zwischendurch gibt es Jubel bei einem Fußball-Ergebnis. Unter freiem, blauem Himmel feiern Stammgäste und Laufkundschaft den "Tag der Trinkhallen", unter anderem auch in dem Kiosk von Dirk Scholz in der Dellstraße. Seit 48 Jahren besteht die Trinkhalle bereits. Flaschen klimpern beim Anstoßen, Zigarettenrauch liegt in der Luft, es wird viel gelacht und jeder ist hier per "Du": Zwischen rappelvollen Regalen, Theke und Stehtischen vor der Tür herrscht eine eigene Atmosphäre. Insbesondere an diesem Tag scheint das Büdchen seine Kultur mit allen Klischees zu feiern: Petry, Pils, Gespräche um weltliche Dinge und den üblichen Wahnsinn in den eigenen vier Wänden. Nachbarn und Unbekannte - jeder scheint hier an diesem Abend willkommen.

Viele Trinkhallenbesitzer, nicht nur Scholz, dürften sich an diesem Tag über klingelnde Kassen freuen: "Es ist jede Menge los, auch an den anderen Buden sieht es bislang sehr gut aus", sagt ein Mitarbeiter des Organisationsteams der Veranstaltung. Tatsächlich ist der Andrang groß, das Publikum - ganz unterschiedlich und doch einer Meinung. Viele zeigen sich begeistert und nehmen die Tour durch Duisburgs Buden mit - mit mehr oder weniger Stopps auf der Strecke. Der "Tag der Trinkhallen", organisiert von der Ruhr Tourismus GmbH, lässt manches Herz höher schlagen.

Büdchenbesitzer Dirk Scholz im Fenster. Bei ihm Frauke (links) und Sonja, die zum Tag der Trinkhallen aus Bonn nach Duisburg gereist sind. FOTO: Christoph Reichwein

Als "Seltersbuden" wurden die kleinen Büdchen einst geboren. Auf dem Weg zur oder von der "Maloche" gab es hier was gegen den Hunger und den Durst. In den 1960er Jahren machten die Zechen dicht - die Buden aber nicht. So bleibt man im "Pott" bis heute dem Kiosk treu. Doch nicht nur eine Frikadelle im Brötchen, eine gemischte Tüte und was zu trinken gibt es beim Trinkhallen-Tag: Es gibt auch ein bunt gemischtes Kultur- und Musikprogramm. Dabei warten in jeder Trinkhalle andere Attraktionen auf die Besucher.

Auf der Münzstraße in der Innenstadt gibt es in Rosi's Stübchen Theater in der Fußgängerzone - das Essener Ensemble Trifolie mit musikalischer Begleitung von Marlon Bösherz und Maria Trautmann (Botticelli Baby). Die Tische sind gut besetzt, Rositta Zaubi, Besitzerin des Kiosks, hat alle Hände voll zu tun.

"Ich habe mit sechs Quadratmetern angefangen", sagt sie. Seit 1983 hat sie das Büdchen auf der Münzstraße, auf der mittlerweile viele Läden leerstehen. Damals hatte sie das kleine Lokal angemietet, erst Jahrzehnte später hat sie die größeren Räumlichkeiten direkt nebenan in Betrieb nehmen können. "Es hat erst vor kurzem geklappt - und sie hat sich so sehr darüber gefreut", sagt Max vom Ende, Vermieter des Hauses. Der 94-Jährige wohnt selbst in dem Haus, nur wenige Meter über dem Kiosk.

Einen genauen Grund, warum sie das Geschäft mit der Trinkhalle aufnahm, könne sie nicht nennen, sagt Zaubi. "Mein Vater war Bergmann, meine Mutter Köchin." Keiner der beiden habe mit dem Kiosk was am Hut gehabt. "Es kam einfach so", sagt Zaubi und lacht. Für viele ist die Bude aber wohl mehr als nur ein Fenster, an dem es Zigaretten und Zeitung gibt. Die Gäste kennen sie beim Vornamen, die Begrüßungen - herzlich und persönlich, und es scheint etwas dran zu sein am Klischee von der Heimat, dem Vertrauten in der Trinkhalle - manchmal auf sechs Quadratmetern.

Quelle: RP
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