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Duisburg
Herr Sabatelli hat keinen Platz

Duisburg: Herr Sabatelli hat keinen Platz
Das Produktionszentrums in Wanheimerort besteht im Wesentlichen aus 162 Containern aus weißem Stahl. Es ist nicht ganz leicht für einen Außenstehenden, hier die Übersicht zu behalten. FOTO: Christoph Reichwein
Duisburg. Der Leiter der Transportabteilung der Rheinoper muss Bühnenbilder und Requisiten zwischen Düsseldorf und Duisburg hin- und herfahren. Ständig steht er unter dem Druck, rechtzeitig alles von Ort zu Ort zu schaffen. Von Franziska Hein

Es ist 12 Uhr mittags und Herr Sabatelli hat Stress. Vier seiner Mitarbeiter sind krank, und er wurde im Theater Duisburg länger aufgehalten. Antonio Sabatelli ist der Leiter der Transportabteilung der Rheinoper. Er sorgt täglich dafür, dass die Bühnenbilder und Requisiten rechtzeitig dort ankommen, wo sie gebraucht werden.

Heute muss er ein Bühnenbild für eine Opernproduktion ins Theater Duisburg fahren, wo das Stück wenige Tage später aufgeführt wird. Gerade ist er mit seinen Mitarbeitern auf den Hof des Produktionszentrums in Wanheimerort gefahren, vorbei an 162 Containern aus weißem Stahl. Sie beherbergen Bühnenbilder und Requisiten, die keinen Platz im Lager haben. Sabatelli und seine Mannschaft docken den Lkw samt Anhänger an der Laderampe an, auf die Plane ist das Emblem der Rheinoper gedruckt.

In den leeren Anhänger laden die Männer jetzt die Bäume für die Kulisse. Die Werkstatt hat Bäume zum Stecken und Schrauben konstruiert. Die Zweige und Äste können die Bühnenarbeiter an den Stamm schrauben. Damit die Bäume immer gleich aussehen und die Bühnenarbeiter wissen, welcher Ast an welche Stelle gehört, sind die Zweige mit roten Nümmerchen markiert. Das Problem ist nur, dass die Zweige nicht hochkant in den Anhänger passen.

Sabatelli gibt jetzt Anweisungen. "Wir nehmen die Zweige aus dem Fahrgestell und legen sie quer auf die Stämme." Seine Mitarbeiter fangen an. "Vorsichtig", ruft Sabatelli. Trotzdem gehen die Männer nicht zimperlich mit den Ästen um. Die sind gerade in der Werkstatt repariert worden, weil hier und da ein paar kleinere Zweige abgebrochen waren. Hinterher müssen sie natürlich wieder so sortiert werden, dass die Bühnenarbeiter wissen, in welcher Reihenfolge sie die Bäume aufstellen müssen.

Es ist die zweite Tour, die Sabatelli heute für das Theater Duisburg fährt. Morgens hat er im Lager in Rath schon die großen Teile des Bühnenbilds eingepackt. Und die Teile überhaupt zu finden, ist für Außenstehende schon bemerkenswert. Das Lager in Rath ist wie der Raum der Wünsche aus Joanne K. Rowlings Harry-Potter-Romanen. In dem Raum haben die Zauberschüler vieler Generationen magische Gegenstände versteckt. Und so ist auch mit der Lagerhalle. Die Bühnenbilder der vergangenen Spielzeiten stehen - scheinbar chaotisch - unsortiert in großen Haufen nebeneinander. Da, wo gerade wieder ein Plätzchen frei war, wurde das gerade zu verstauende Bild einfach abgelegt.

Und Herr Sabatelli ist der einzige, der weiß, wo sich was befindet. Es gibt keinen Plan. "Das ist alles in meinem Kopf", sagt Sabatelli und tippt mit dem Zeigefinger leicht gegen die Schläfe. "Ich weiß, sie brauchen Werther. Und Werther ist verteilt." In seinem Büro, ein kleiner Container inmitten der Lagerhalle, hinter den herumstehenden Requisiten kaum auszumachen, bewahrt Sabatelli den Plan für die 162 Container im Produktionszentrum auf. Mit Bleistift muss er jede ihrer Bewegungen eintragen. Wenn er das nicht tun würde, wüsste wohl niemand mehr, wo was zu finden ist. Verloren gegangen ist aber bisher noch nie etwas.

Der gebürtige Italiener arbeitet seit 45 Jahren im Lager in Rath. Sein Bruder hat bis zu seiner Verrentung viele Jahre als Schlosser in der Werkstatt gearbeitet. Auch Antonio Sabatelli ist schon fast im Rentenalter, er ist 63 Jahre alt. Pläne für die Rente hat er auch schon: er möchte mehr Zeit auf seinem Bauernhof in Süditalien verbringen, den sein Vater ihm vererbt hat.

Das Lager in Rath kennt er wie seine Westentasche. Während er die Gänge entlanggeht, zeigt er immer wieder auf einen Haufen mit Holztafeln und Krimskrams. Das älteste Bühnenbild, was dort steht, ist La Cenerentola. Die Oper hatte am 9. Januar 1974 in Duisburg und am 13. März 1974 in Düsseldorf Premiere. Die älteste Oper im Repertoire ist "Hänsel und Gretel" von Engelbert Humperdinck, die Premiere war 1969. Das Bühnenbild wurde aber mehrfach überarbeitet. Das besondere an der Rheinoper ist, dass sie ein ungewöhnliches großes Repertoire immer spielfähig hält. Bühnenbilder werden sogar an andere Opern und Theater ausgeliehen.

Sabatellis größtes Problem ist der Platz. Denn es gibt keinen. Im Lager wird es eng, deswegen wirft Sabatelli auch Sachen weg, die kaputt sind oder nicht mehr gebraucht werden. "Das ist ein riesiger Aufwand, aber das sieht man nicht", sagt er. Dann steigt er in den Lkw und fährt schnurstracks zurück zur Duisburger Bühne.

Quelle: RP
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