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Duisburg
Hoch am Berg wohnen nur die Ärmsten

Duisburg: Hoch am Berg wohnen nur die Ärmsten
Maria Esser (rechts) arbeitet zusammen mit anderen Freiwilligen in einem Hilfsprojekt in Kolumbien und hat im vergangenen halben Jahr viel erlebt. FOTO: Esser
Duisburg. Seit gut einem halben Jahr arbeitet die Buchholzerin Maria Esser in Kolumbien. Regelmäßig berichtet sie für die RP über ihre Tätigkeit, ihre Eindrücke und ihre Erlebnisse. Von Maria Esser

Es kommt mir so vor wie ein Fingerschnipsen, dass inzwischen schon mehr als die Hälfte meines Freiwilligendienstes vorübergegangen ist. Seit Anfang September bin ich im Rahmen des "weltwärts"-Programms als Don Bosco Volunteer in Medellín, Kolumbien, eingesetzt. Ich wohne in der Ciudad Don Bosco mit zehn anderen Freiwilligen aus aller Welt zusammen und arbeite unter der Woche im Patio (wörtlich "Hof").

Das Patio ist ein Projekt der Ciudad Don Bosco, in dem inzwischen nur noch 50 Jungen zwischen acht und zwölf Jahren leben. Alle Jungen kommen aus schwierigen familiären Verhältnissen, haben Gewalt oder das Leben auf der Straße erfahren. Meine Aufgaben im Patio bestehen darin, die Jungen zu unterrichten, sie im Unterricht zu begleiten und nachmittags Aktivitäten zu organisieren. Dabei hat sich schon ein ganzes Stück Alltag eingestellt.

Diesen Alltag zu finden hat einige Zeit gebraucht. Anfangs waren die Sprache, die Kultur und natürlich auch ein Einsatz dieser Art neu für mich. An die Sprache habe ich mich recht schnell gewöhnt; sich an die Kultur zu gewöhnen, das hat ein wenig länger gedauert. Auf den Straßen gilt man als blonde Ausländerin immer als Touristin - auch wenn ich mich nicht als solche fühle und mich mit meiner Ciudad Don Bosco-Jacke von jenen äußerlich klar abgrenze. Ein anderer kultureller Unterschied ist der Lebensstandard. Medellín liegt auf 1600 Metern Höhe in einem Tal und ist von den Bergen der Anden mit etwa 2000 Metern Höhe umgeben. Das Zentrum der zweitgrößten Stadt Kolumbiens liegt im Tal, während sich die Wohnviertel in den Außenbezirken an den Berghängen entlang erstrecken. Je höher man einen Hang hinauffährt, desto ärmer werden die Gebiete. Meist nimmt die Bandenkriminalität proportional zum niedrigen Lebensstandard zu. Es gibt Teile Medellíns, in denen die Menschen in einfachen Holzhütten mit Wellblech- oder Plastikdach leben. Viele der Jungen, die im Patio leben, kommen aus solchen Verhältnissen. Einige werden, da sie eine Bandentat in ihrem Viertel beobachtet haben, die sie nicht hätten sehen sollen, in die Schutzatmosphäre des Patios aufgenommen. Andere Familien besitzen nicht ausreichend finanzielle Mittel, um für ihre Kinder genügend zu sorgen. Häufig erzählen Jungen von grausamen Taten der Guerilla (kriminelle, bewaffnete Gruppen, die sich im Drogenkrieg befinden), die sie in ihrem Dorf mit eigenem Auge gesehen haben.

Die Psychologin des Patios unterstützt die Kinder bei der Verarbeitung der Erlebnisse. Und obwohl die Millionenstadt Medellín in den letzten 20 Jahren um Vieles ruhiger geworden ist, hat die Guerilla in einigen ländlichen Gebieten noch eine unglaubliche Macht. Immer wieder kann man Schlagzeilen in Zeitungen lesen, die einen erschaudern lassen. Dennoch muss man sagen, dass Kolumbien die Stigmatisierung, die es weltweit immer noch bekommt, in dieser Form nicht verdient hat.

Natürlich war mein erster Gedanke: "In so einem gefährlichen Land verbringe ich ein Jahr?", als ich erfahren habe, wohin es geht. Stichworte wie Drogen und Guerilla sind auch mir schnell ins Gedächtnis gekommen. Es ist offensichtlich, dass diese Dinge in Kolumbien existieren und im Alltag ihren Platz haben. Dennoch muss man mit Pauschalurteilen vorsichtig sein: Das Land hat sich in den vergangenen zehn Jahren sehr positiv entwickelt. Die Landschaft und die Bevölkerung sind wunderbar. Hilfsbereitschaft wird großgeschrieben; die Menschen freuen sich, wenn sie helfen können, ebenso wenn ihnen geholfen wird - und sei es nur, in der Bahn ganz selbstverständlich für Andere aufzustehen.

Nicht nur das, sondern auch ganz andere Blickpunkte zu erlangen, Dinge unkomplizierter und ruhiger zu nehmen, habe ich in diesem halben Jahr gelernt. Alle Rückkehrer aus einem Freiwilligendienst sagen, dass die zweite Halbzeit ganz schnell vorbei gehen wird. Das Zwischenseminar, ein Treffen mit allen Don Bosco Volonteers in Lateinamerika, hat diese eingeläutet. Ich freue mich jetzt schon auf die kommenden Monate, auf die weitere Arbeit mit den Jungen in Kolumbien.

Quelle: RP
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