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Duisburg
Kirche soll nützlich sein - für alle

Duisburg. 40 Kirchen-Experten diskutierten einen Tag lang die Zukunftsbild-Projekte des Bistums Essen. Neben Kritik in vielen Details sahen die Fachleute innovative Ansätze auch über das Ruhrbistum hinaus.

Zentren für Tod und Trauer, ein neues Trau-Team für Hochzeiten, Feedback nach dem Gottesdienst, ehrenamtliche Gemeindeleiter oder Pop-Musik im Gottesdienst - zu insgesamt 20 innovativen Kirchenthemen hat das Bistum Essen Projekte aufgesetzt, um die Kirche an Rhein, Ruhr und Lenne besser auf die Zukunft auszurichten. Sie sind seit dem Herbst konkreter Ausdruck des Zukunftsbildes im Bistum Essen - und standen jetzt erstmals vor einem kritischen Publikum zur Diskussion. Ein gutes halbes Jahr nach Start der knapp dreijährigen Projektzeit hatten die Bistumsverantwortlichen rund 40 Fachleute aus den verschiedensten Bereichen der deutschsprachigen katholischen Kirche eingeladen, die Projekte kennenzulernen und Rückmeldungen zu geben.

Ein Feedback, das ausgesprochen konstruktiv, aber nicht ohne Kontroversen ablief. Eigentlich kein Wunder, berühren doch viele Zukunftsbild-Projekte entscheidende Grundfragen der Kirche - nicht nur im Ruhrgebiet. Zum Beispiel die nach dem Dienstleistungs-Gedanken, die ein Diskussionsteilnehmer so zusammenfasste: "Sind wir als Kirche eher ein Service-orientierter Dienstleister oder die Organisation, die der Glaubensvermittlung und Sakramenten-Spendung dient?" Am Ende war sich die Mehrheit der Runde einig, dass es hier nicht um Alternativen geht, die einander ausschließen: Pater Manfred Kollig, Leiter der Hauptabteilung Seelsorge im Bistum Münster, brachte es auf den Punkt: "Ein guter Service ist die beste Einladung zum Glauben." Damit bescheinigten die Fachleute dem Ruhrbistum, mit Zukunftsbild-Projekten wie einem flexiblen Spezialistenteam für Hochzeitspaare, Zentren mit besonderen Angeboten für Trauernde oder einer besseren Verankerung von Willkommenskultur in Kirchengemeinden auf dem richtigen Weg zu sein. Auch Prof. Matthias Sellmann von der Ruhr-Uni Bochum unterstrich den Dienstleistungsgedanken, lenkte die Überlegungen indes noch in eine weitere Richtung: "Bei Dienstleistungen geht es darum, nützlich zu sein. Kirche soll aber nicht nur für Christen nützlich sein."

Kritik und wertvolle Hinweise für jedes einzelne Zukunftsbild-Projekt konnten die Experten auf großen Schreib-Wänden platzieren. Mal gab es Tipps für weitere Ansprechpartner, mal Hinweise zu ähnlichen Projekten. Bei der "Initiative für den Verbleib in der Kirche" etwa hieß es, der Zeitplan sei "doch ziemlich sportlich". Bis Frühjahr 2018 sollen alle Projektgruppen Ergebnisse ihrer Arbeit präsentieren. Bei den "Segnungsgottesdiensten für Neugeborene" fragte jemand, ob da auch Kinder nicht-katholischer Eltern eingeladen würden, bei den "Pilgerwegen im Ruhrgebiet" wurde der Hinweis auf "interreligiöse Pilgerwege" notiert - und beim Projekt "Citypastoral" gab es den Vermerk, dass das Ruhrbistum bei diesem Thema "viel zu zaghaft" vorgehe. Hunderte Hinweise sind so im Laufe des Tages entstanden, die nun in den einzelnen Projektgruppen ausgewertet werden.

Mit Blick auf die 20 Zukunftsbild-Projekte als Ganzes beherrschten starke Bilder die Diskussion. Sellmann machte auf den "Sprengstoff" aufmerksam, der in den Projekten verborgen sei. Es werde sehr deutlich, dass es darum gehe, "eine neue Kirche zu erstellen", so der Pastoral-Theologe. Der Journalist Joachim Frank ging praktischer an die Debatte heran: "Ich nehme ganz viel Aufbruch und Dynamik wahr - aber unter welchen Bedingungen?" Die Kirche verfüge über immer weniger Ressourcen. Für ihn sei "die große Frage, ob genug Leute bereit stehen, dies alles umzusetzen". Daniel Gewand, aus dem Ruhrbistum stammender Pastoralreferent in Münster sieht hier vor allem die hauptamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorger in Schlüsselpositionen: "Was tut das Bistum Essen dafür, dass diese Menschen im wahrsten Sinn des Wortes ,zukünftig' denken? Wollen Sie wirklich etwas zünden, was die Kirche verändert?", fragte er mit Blick auf Sellmanns Bild.

Dieses Bild machte sich der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer am Ende zumindest ein Stück weit zu Eigen: "Es steckt tatsächlich viel Sprengstoff in unserem Zukunftsbild - und das ist auch beabsichtigt", so Pfeffer. Die Kirche befinde sich in einer Situation des radikalen Wandels. Reagiere sie darauf nicht, drohe ihr immer schneller der Verlust an gesellschaftlicher Relevanz. Die Zukunftsbild-Projekte seien ein Versuch, dem drohenden Zerfall etwas Neues entgegenzusetzen, um auch in den kommenden Jahren möglichst vielen Menschen den christlichen Glauben als attraktives Fundament für das Leben anzubieten. Zugleich aber stellten sie vieles in Frage, was zum innerkirchlich Gewohnten gehört.

"Da gibt es viel Konfliktstoff mit Menschen, die solche neuen Wege mit Skepsis betrachten und sich lieber an Vergangenem orientieren." Generalvikar Pfeffer aber ist überzeugt: Zu der Richtung, die das Zukunftsbild beschreibt, gibt es keine Alternative, wenn die Kirche im Ruhrbistum nah bei den Menschen bleiben will.

Quelle: RP
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