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Abschiebung in Duisburg
Ihr habt es so gewollt

Kommentar zur Abschiebung einer 14-jährigen Duisburgerin: Ihr habt es so gewollt
Polizisten begleiten einstige Asylbewerber, die abgeschoben werden, in ein Flugzeug. (Symbolbild) FOTO: dpa, ade pat jhe
Meinung | Düsseldorf. In Duisburg wurde ein 14-jähriges Mädchen nach Nepal abgeschoben. Das Entsetzen der Mitschüler ist groß. Dabei sind Forderungen nach härteren Maßnahmen gegen abgelehnte Asylbewerber inzwischen mehrheitsfähig – bei Politikern und Bürgern. Ja, was denn nun? Von Vera Kämper

Die Szene muss unschön gewesen sein: Die 14-jährige Bivsi sitzt mit ihren Mitschülern im Unterricht und wird von einem Lehrer aus der Klasse geholt. Beamte warten im Lehrerzimmer und nehmen sie mit. Als das Mädchen von der anstehenden Abschiebung nach Nepal erfährt, bricht es in Tränen aus. 

Wie kann das sein, dass ein so gut integriertes Mädchen abgeschoben wird? Sie sprach fließend Deutsch, besuchte ein Gymnasium. Kein Wunder, schließlich wurde sie in Duisburg geboren und wuchs dort auf. Das fragen die einen.

Auf der anderen Seite werden härtere Abschiebemaßnahmen gefordert. Gegen diejenigen, die keine Kriegsflüchtlinge sind, denen kein Asyl gewährt wird, die – vom Balkan oder aus Afrika stammend – dem deutschen Steuerzahler als "Wirtschaftsflüchtlinge" auf der Tasche liegen. So laut und massiv sind die Forderungen, dass sie mittlerweile nicht nur von der AfD, sondern auch von CDU und CSU kommen. Und die harten Töne werden vom Wähler goutiert.

Nun also die 14-jährige Tochter nepalesischer Eltern. Ein Gericht entschied in letzter Instanz und einem jahrelangen Prozess, dass der Familie kein Asyl gewährt werden solle. Diesem Entscheid folgt nun mal die Abschiebung.

Dass solche Einzelfälle das nahe Umfeld der Abgeschobenen erschüttern, ist kein neues Phänomen. Ebenfalls am Mittwoch eskalierte in Nürnberg die Situation, als ein 20-jähriger Afghane von seiner Berufsschule abgeholt werden sollte. Seine Mitschüler demonstrierten zunächst friedlich gegen die Abschiebung, dann kam es zu Krawallen.

Auch Kanzlerin Angela Merkel durfte das Phänomen erleben: In einer NDR-Sendung traf sie auf das palästinensische Mädchen Reem, das vier Jahre zuvor aus dem Libanon geflüchtet war und dann in Rostock lebte. Aus Angst vor der Abschiebung weinte Reem. Merkel tröstete unbeholfen, die Bilder verbreiteten sich rasend in den sozialen Netzwerken.

Was die Kanzlerin damals dem NDR-Publikum und auch dem palästinensischen Mädchen versuchte zu erklären: Für die Familie sei vor allem das lange Warten auf den Asyl-Bescheid das Schlimme. Seitdem wurden Entscheidungsprozesse beschleunigt. Auch wenn das noch nicht ganz zu funktionieren scheint, wegen Unregelmäßigkeiten oder Verfahrensfehlern sollen derzeit 2000 Fälle neu überprüft werden.

Mit schnelleren Entscheidungen wäre auch der 14-jährigen Bivsi die Abschiebung in ein Land erspart geblieben, in dem sie ihr Leben lang noch nicht gewohnt hat. Die Mitschüler müssten nun nicht auf das "Herzstück ihrer Klasse", wie der Schulleiter sie nennt, verzichten.

Offen bleibt aber: Was genau ist noch gleich das Übel einer solchen Familie mit nepalesischen Wurzeln in Deutschland? Was ist das Übel an ehemaligen "Wirtschaftsflüchtlingen", die sich über 15 Jahre in Deutschland eine Existenz aufbauen, Steuern zahlen, Deutsch sprechen? Diese integrierte Familie in Duisburg ist bei weitem kein Einzelfall. Sie kommen nicht nur aus Nepal, auch vom Balkan, aus Gambia oder dem Libanon.

Wir sollten uns also endlich an die Bilder solcher Abschiebungen gewöhnen – oder aufhören, härtere Maßnahmen gegen "Wirtschaftsflüchtlinge" zu fordern. Denn beides kommt inzwischen aus der Mitte unserer Gesellschaft.

Anmerkung der Redaktion: In einer ursprünglichen Version stand, das Mädchen sei von Beamten aus der Klasse geholt worden. Das ist nicht korrekt. Ein Lehrer holte die 14-Jährige aus der Klasse.

 
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