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Duisburg
Konzertniveau: Weltklasse!

Duisburg. Das jüngste Philharmonische Konzert in der gut gefüllten Philharmonie Mercatorhalle führte unter Leitung von Generalmusikdirektor Giordano Bellincampi in kosmische Dimensionen. Nikita Boriso-Glebsky war vorzüglicher Solist. Von Ingo Hoddick

Es begann mit einem Klassiker der Neuen Musik, den neunminütigen "Atmosphères" für großes Orchester (1961) von György Ligeti. Der Komponist hatte hier ein Prinzip der Mikropolyphonie entwickelt: Einzelstimmen verbinden sich zu einem klanglichen Gewebe und erzeigen den Eindruck von statischen Klängen. Es geht darin nur noch um den Klang selbst, seine Farbigkeit und seine Dichte, sein äußeres Volumen und seine innere Textur. Für ihre unglaublich konzentrierte Intonation und Pianissimokultur wurden die Duisburger Philharmoniker unter Generalmusikdirektor Giordano Bellincampi entsprechend beklatscht.

Dann folgte das frühe Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 (1907/08) von einem weiteren ungarischen Komponisten, der wie Ligeti im heutigen Rumänien geboren wurde und dessen erstes großes Vorbild war, Béla Bartók. 1906 hatte sich der damals 25 Jahre alte Komponist in die zu dieser Zeit 18 Jahre junge Geigerin Stefi Geyer verliebt. In seinem Violinkonzert drückte Bartók die Zuneigung zu der Geigerin aus, und außerdem sollte das Werk an die glückliche Zeit einer gemeinsam unternommenen Reise erinnern. Nach den Worten des Komponisten stellt der erste der beiden Sätze "das musikalische Bild der idealisierten Stefi Geyer, überirdisch und innig" dar. Der zweite Satz ist dann "das Porträt der lebhaften Stefi Geyer, ein fröhliches, geistreiches, amüsantes". Doch zeichnete es sich inzwischen ab, dass die Freundschaft nicht von Dauer bleiben konnte. Die Charaktere der beiden jungen Menschen waren offensichtlich zu verschieden, außerdem teilte die Geigerin die atheistische Überzeugung des Komponisten nicht, und seine philosophischen Interessen fanden bei ihr keine Beachtung. Sie teilte ihm brieflich mit, dass sie eine Beendigung der freundschaftlichen Beziehungen wünsche. Dennoch ließ sie sich die Partitur des wenige Tage zuvor vollendeten Violinkonzerts zusenden.

Sie verfügte dann testamentarisch, dass dieses Werk erst nach ihrem Tode gespielt werden dürfe, so dass die Uraufführung erst 1958 in der Schweiz stattfinden konnte. Jedenfalls ist das eine berührende und kurzweilige Komposition, die reizvoll auf der Schwelle zwischen Spätromantik und Moderne steht. In Duisburg war es das Ideale für den 1985 in der südrussischen Stadt Volgodonsk geborenen Solisten Nikita Boriso-Glebsky. Das Publikum war von seiner Aufführung so begeistert, dass er mit einschlägigen Zugaben von Eugène Ysaye und Johann Sebastian Bach noch mehr Vollendung mit Leidenschaft beziehungsweise Tiefgang drauflegen konnte. Der logische Abschluss nach der Pause war die monumentale Tondichtung "Also sprach Zarathustra" op. 30 (1895/96), "frei nach Friedrich Nietzsche" von Richard Strauss. Zum einen, weil Béla Bartók 1902 durch das "Zarathustra"-Erlebnis aus einer Schaffenskrise fand, zum anderen weil der Regisseur Stanley Kubrick 1968 in seinem Kultfilm "2001 - Odyssee im Weltraum" Ausschnitte aus Ligetis "Atmophères" und die prachtvoll aufblühende Einleitungs-Fanfare aus dem "Zarathustra" verwendete und damit populär machte.

Zarathustra war übrigens ein altiranischer Religions-Stifter und Prophet. Wie die Duisburger Philharmoniker unter Bellincampi hier die komplexe Partitur ebenso spielfreudig wie durchsichtig herüber brachten und dabei eine glühende Atmosphäre schufen, das hatte einfach Weltklasse.

Quelle: RP
 
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