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Duisburg
Kunst hilft Menschen mit Demenz

Duisburg. Das Lehmbruck-Museum gilt als Pionier bei der künstlerischen Vermittlungsarbeit für Menschen, deren Gedächtnis und Orientierungsvermögen eingeschränkt ist. Vor zehn Jahren gab es die ersten speziellen Führungen im Museum. Von Peter Klucken

Vor einigen Wochen trafen sich 80 Museumsfachleute aus Italien, den Niederlanden, Irland und Deutschland im Lehmbruck-Museum zu einer Konferenz, bei der es um die Möglichkeiten der Kunstvermittlung für Menschen ging, die an Demenz erkrankt sind. Dass diese Konferenz im Duisburger Museum stattfand, hat seinen Grund: Das Lehmbruck-Museum gilt international als Pionier bei der künstlerischen Vermittlungsarbeit für Menschen, deren Gedächtnis und Orientierungsvermögen eingeschränkt ist. Initiiert hatte diese Konferenz maßgeblich Sybille Kastner, die seit 15 Jahren als Kunstvermittlerin im Lehmbruck-Museum arbeitet und die seit zehn Jahren regelmäßig Menschen mit Demenz (und deren Angehörige) im Lehmbruck-Museum auf unterschiedliche Weise begleitet.

Es war die persönliche Betroffenheit von Sybille Kastners Kollegin Friederike Winkler, die das Lehmbruck-Museum international auf dem Gebiet der künstlerischen Begleitung von dementiell erkrankten Menschen bekannt machte. Vor mehr als zehn Jahren erkrankte Friederike Winklers Mutter an Alzheimer. Irgendwann hatte die Kunstvermittlerin die Eingabe, ihre Mutter, die ansonsten künstlerisch nicht vorgebildet war, mit ins Museum zu nehmen. Die Mutter schien den Museumsbesuch zu genießen. Sie empfand die Umgebung mit den vielen Kunstwerken als festlich; sie genoss die Atmosphäre des Ortes und blühte sichtlich auf.

Friederike Winkler und Sybille Kastner entschlossen sich, offizielle Museumsangebote für Menschen mit Demenz zu schaffen. Dabei suchten sie Rat bei der Duisburger Alzheimer Gesellschaft, die das anfangs äußerst ungewöhnlich erscheinende Projekt, Menschen mit Demenz und Museumskunst zusammenzubringen, mit großem Wohlwollen unterstützte. Die Museumsangebote sprachen sich herum. Das Hamburger Forschungsinstitut ISER wurde auf das Duisburger Projekt aufmerksam und führte ein vom Bundesforschungsministerium unterstütztes Projekt durch, bei dem es um die "Entwicklung eines Modells zur gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen mit Demenz im Museumsraum" ging. Auch das Remscheider "Kompetenzzentrum für Kulturelle Bildung im Alter und Inklusion" unterstützte die Arbeit im Lehmbruck-Museum. Inzwischen greifen viele Museen auf die Erfahrungen zurück, die im Lehmbruck-Museum bei der Kunstvermittlung mit demenzkranken Menschen gemacht wurden. Der Ruf des Lehmbruck-Museums als Pionier bei dieser besonderen Weise der Kunstvermittlung ging so weit, dass Sybille Kastner als Expertin vom Museum of Modern Art in New York eingeladen wurde.

Mittlerweile bietet das Lehmbruck-Museum nicht nur Führungen für Menschen mit Demenz an, sondern auch alle zwei Wochen ein offenes Atelier für Betroffene. Bis zu 18 Menschen mit Demenz treffen sich für rund drei Stunden im Lehmbruck-Museum, um selber künstlerisch zu arbeiten. Dabei könne man oftmals Erstaunliches erleben, berichtet Sybille Kastner. Erst kürzlich hätten die Duisburger Kunstvermittler das Experiment gewagt, mit den Teilnehmer Radierungen anzufertigen. Da habe es einen Teilnehmer gegeben, der sich vollständig in die Radiertechnik vertiefte und ungewöhnlich schöne Arbeiten schuf. Dieser Mann sei für drei Stunden ganz bei der Sache gewesen, habe gewiss eine beglückende und zufriedenstellende Zeit im Museum erlebt. Man müsse aber akzeptieren, dass es durchaus sein kann, dass er sich zwei Wochen später an diesen Nachmittag nicht mehr erinnern kann.

Überhaupt müssten sich die Kunstvermittler auf ungewöhnliche Reaktionen und auch Antworten gefasst machen. Bisweilen seien diese höchst bemerkenswert und keineswegs abwegig, wenn man sich auf die erkrankten Menschen einlassen könne. Die Gedankenverbindungen seien oftmals höchst überraschend. Bei der Betrachtung von Kunstwerken spiele das Emotionale eine viel größere Rolle als das Kognitive.

Im Laufe der Jahre seien verschiedene Arten der Kunstvermittlung versucht worden. Mal werden die Teilnehmer der speziellen Führungen aufgefordert, ihren Assoziationen freien Lauf zu lassen, mal werden Skulpturen zum Anlass für tänzerische Bewegungen oder zum Nachstellen der Geste genommen. In Italien arbeite man auch mit Gedichten, um Demenzkranken Wege zur bildenden Kunst zu öffnen. Bei der internationalen Konferenz hat eine Referentin aus Florenz darüber berichtet.

Sybille Kastner empfindet ihre Arbeit mit demenzkranken Menschen als persönliche Bereicherung. Man müsse sich nur auf unkonventionelle Wege einlassen, sagt sie.

Quelle: RP
 
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