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Interview mit Robert Tonks
Lachend das Denglisch im Visier

Interview mit Robert Tonks: Lachend das Denglisch im Visier
Robert Tonks hatte als Dozent und Übersetzer lange Jahre mit den Tücken der deutschen und englischen Sprache zu tun. FOTO: Hohl, Ralf
Duisburg. Der Duisburger Brite macht auf heitere Weise auf die mehr als schräge Verwendung der englischen Sprache in Deutschland aufmerksam. Er muss nicht lange suchen, um auf Beispiele zu stoßen. Er empfiehlt: "Learning by laughing!" Von Peter Klucken

Am Donnerstag, 5. September, 19.30 Uhr, ist Robert Tonks zusammen mit Renate Rothe Gast in der "Autorenplausch"-Reihe in der Buchholzer Bezirksbibliothek. Der Brite, der seit vielen Jahren in Duisburg lebt und arbeitet, ist bekannt geworden mit seinen Büchern "It is not all English what shines" und "Denglisch in Pool Position". Dabei nimmt er auf überaus witzige Weise die oft schräge Verwendung scheinbar englischer Ausdrücke und Redewendungen in Deutschland aufs Korn. Mit Robert Tonks sprach Redakteur Peter Klucken.

Let us guide an interview? Früher nannte man sowas spöttisch Lübke-Englisch, weil der ehemalige Bundespräsident Heinrich Lübke nicht gerade ein Sprachgenie war. Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen diesem Sprachfiasko und dem neuzeitlichen Denglisch?

Robert Tonks Da sage ich eindeutig "Jein". Die hohe Qualität des Erfindungsreichtums in Sachen Denglisch ist konstant geblieben. Die Häufigkeit des Vorkommens hat enorm zugenommen. Und der Duden hat Denglisch als Begriff aufgenommen. Aber beim Wandel der Alltagssprache man muss man zwischen privat und öffentlich trennen. Was die Privatperson sagt, wenn sie sich fremdsprachlich abmüht, ist heute gewagter denn je. Man spricht einfach drauf los. Hauptsache die Kommunikation klappt. Richtig so! Was öffentlich gesagt oder geschrieben wird hingegen, verewigt sich. Dabei haben sich seit Lübke die Grenzen zwischen privater und öffentlicher Sphäre im Kontext globaler und sozialer Medien weitestgehend aufgehoben. Seit einigen Jahren haben die deutschen Medien VIPs wie Guido Westerwelle oder Lothar Matthäus im "Denglisch-Visier"; den deutschen EU-Kommissar Oettinger ebenfalls – nicht zuletzt wegen seiner schrägen denglischen Vortragsweise – aber auch nach dem Motto "Wer kein Deutsch kann, wird's auf Englisch auch nicht bringen". Übrigens, den britischen und irischen Medienvertretern ist er egal. Ihre Deutschkenntnisse sind in der Regel kaum existent und ob sie ihn überhaupt kennen, wage ich zu bezweifeln. Tja.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die schräge Verwendung von Anglizismen in der deutschen Sprache in Form ihrer beiden herrlich witzigen Büchlein "It is not all English what shines" und "Denglisch in Pool Position" zu schreiben?

Tonks Ich hatte über fast 40 Jahre beruflich mit allen Facetten von Deutsch und Englisch zu tun, als Dozent, Übersetzer/Dolmetscher, Ghostwriter und EU-Projektmanager. Die Bücher stellen einen Bruchteil der Sprachwitze dar, die mein Köpfchen in dieser Zeit in Deutschland gespeichert hat.
Als Brite in Deutschland hat man es gut. Alle wollen Englisch reden. Ob man will oder nicht, wird man zum Sprachexperten. Man wird täglich gefragt: "Kann man das so sagen?" Mein didaktisches Motto bei der Beantwortung solcher Fragen hieß stets: "learning by laughing". Dass die Briten einen schrillen Humor haben, ist kein Vorurteil. Über alle Gesellschaftsschichten hinweg stehen wir dazu! Oder wie erklären Sie sonst, dass das britische Staatsoberhaupt, die Queen, als unvergesslichstes "Bond-Girl" aller Zeiten aus einem Hubschrauber springt, wie die Welt bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London erleben durfte? Das muss Herr Gauck erstmal bringen.

Tun Ihnen manchmal nicht die so clever sein wollenden Werbeleute leid, die sich Namen für möglicherweise sogar gute Produkte ausdenken und dabei in Denglisch-Fettnäpfchen treten?

Tonks Ne, wieso Mitleid? Die werden dafür sehr gut bezahlt. Die richten sich an eine vermeintliche Zielgruppe. Denen ist das egal. Denglische Logos oder Werbeslogans, wie "Pearls and Dents" für Zahnpasta (= "Perlen und Beulen"), "back factory" (= "die Rückenfabrick") für eine Bäckerei oder "back family" (= "die hintere Familie") für Backwaren bestimmen heute das Bild im Einzelhandel sowie im öffentlichen Raum. Viele davon, wie "Him Cake" (="Kuchen für ihn") für Himbeertörtchen oder "Handy Flat" (= "die nützliche Wohnung") für einen günstigen Telefontarif übertreffen die Albernheit von Otto Waalkes mit seinem "Englisch for Runaways". Die Kommunikationsleistung ist im Zeitalter der Inklusion außerdem zweifelhaft. Die ältere Generation versteht sie größtenteils nicht, Briten und Amerikaner ohne Kenntnisse der deutschen Sprache und Kultur auch nicht, finden sie aber bestenfalls lustig.

Müssen Sie lange suchen, um auf Beispiele zu stoßen, die Eingang in eines Ihrer Bücher finden könnten?

Tonks So lange, wie es dauert eine Zeitung aufzuschlagen oder meine Haustür zu verlassen. Ich wohne in der Innenstadt.

Auf Einladung des Verlags bloggen Sie im Internet zum PONS-Online-Wörterbuch. Im jüngsten Blog beschäftigen Sie sich mit dem Bad, das im Deutschen gemeinhin mit Sauberkeit in Verbindung gebracht wird, im Englischen natürlich nicht. Welche Türen tun sich da auf?

Tonks Zum Beispiel die Tür der Duschkabine von Stefan Raab. Der hat ja den Duschkopf "doosh", insbesondere für Frauen wie Lena Meyer-Landrut erfunden. Sensationell! Ob Raab und Lena wissen, wie der Klang von "doosh" auf angelsächsische Ohren wirkt? Nämlich wie "douche" (= Höhlenspülung, Intimspülung für Damen). Ich fragte meine Nichte in San Francisco am Telefon: "How about a doosh?" Ihre süffisante Antwort: "Douche yourself, you douchebag!" Das hört sich jedenfalls unangenehm an und heißt laut einer Online-Übersetzungsmaschine auf Englisch wörtlich: "Spüle deine menschlichen Höhlen selbst aus, du Menschenhöhlenspültüte!" Ich bitte die Leserschaft um alternative, handhabbarere Übersetzungsvorschläge für "douchebag" - bitte nicht zu obszön!

Wenn Sie mit Ihrem Cousin aus London, der kein Deutsch spricht, durch die Straßen gehen, haben Sie da Fotoapparat und Schreibblock dabei, um seine angesichts der denglisch-verkorksten Werbebotschaften Reaktionen festzuhalten?

Tonks Als wir zum Beispiel einen großen Badezimmerausstatter, bzw. einen "Mega Bad Design mit Online Shop" in Paderborn entdeckten, der "i Bad Multimedia und Wellness" anbietet, nahm ich das Schaufenster mit meinem Smartphone auf. Der Erfinder dieser Bad-Sprüche wird sich gedacht haben: "Es gibt auch iPhone, iPod und iPad, warum also nicht iBad?" Mein Cousin, sagte: "i Scream!". Dann gingen wir Eis essen.
Im trilingualen Eis-Lounge-Sicilia erinnerte er mich an die "Bad World Tour" von Michael Jackson 1989-1992. Das war in der Tat die bis dahin weltgrößte Konzerttournee und keine Wanderausstellung deutscher "mega bad designers". Jackson machte zweifellos das Wort "bad" international zum Kult.
Mein Cousin und seine Verlobte wollten - wohl nach dem Motto: der Ortsame ist Programm - in Berlin-Wedding heiraten. Aber vor der Hochzeit hatten die beiden ein "bad weekend" in Petting, Bayern geplant. Sie dachten auch über einen Ort in Österreich nach, der mit "F" beginnt und mit "ing" endet, aber das wäre zu weit gewesen, bzw. gegangen.
An einer Autobahnraststätte auf dem Weg in den Süden hielten sie an einer Tankstelle und fanden zu ihrem Erstaunen dort in einer Tiefkühltruhe eingeschweißte, froschförmige Erfrischungseiswürfel mit dem Produktnamen "Ice frocks" (= geeiste Damen- oder Mädchenkleider). "Warum soll ich ein eingefrorenes Kleid an der Tankstelle kaufen, wenn ich es aufgetaut in der Innenstadt bekomme?", fragte die Verlobte. Am Nachmittag kaufte sie ihr Hochzeitskleid tatsächlich im Fachgeschäft "Petting Dress Sale". Da das Paar nach Berlin über Worms fahren wollte, gab mein Cousin die Route in sein Navi ein: "Petting Worms to Berlin Wedding". Ein Foto der Route im Display seines Routenplaners ging an über 1000 Facebook-Freundinnen und Freunde im angelsächsischen Raum. Wenn das kein Standortmarketing für Deutschland ist: Mann wurde das geliked! – oder heißt es eher "geliket" , da deutsche Partizipien gewöhnlich auf "t" enden. What shall's. Navi (Engl.: "Sat Nav" als Abkürzung von "Satellite Navigator") benutzt man auf Englisch übrigens nicht; den gleich klingenden "navvy" kennen meine Landsleute und Amerikaner als ungelernten Wanderarbeiter.
Haben Sie sich schon überlegt, warum Worms kein Kurort ist? Stellen Sie sich einfach "bad worms" vor. "Walking worms" entdeckten wir übrigens auf der städtischen Webseite. Alberner geht's nicht, oder ? Apropos : Wann kommt endlich ein Bad Designer aus dem Ruhrgebiet auf die Idee, einen Nachttopf aus dem Revier zu produzieren, der zum Beispiel statt "Ruhrinachttopf" "i Pott - i Pot" heißt? Wäre ja "i dentitätsstiftend".

Wie sieht es mit weiteren Büchern zum Thema Denglisch aus?

Tonks Bekannte meiner Frau meinten letztens, meine Bücher wären der Hit auf ihren Feten zuhause. Die liegen immer auf dem Klo. Da kommen die Gäste gut unterhalten raus. Was für ein Kompliment. Denglisch für Bad und WC – warum nicht? i Bad Denglischman!
Band 3 ist fast soweit. Dann ist die Trilogie fertig. Kann eine Trilogie 4 Bänder haben?

Noch eine Frage zum Schluss: Es geht das Gerücht um, dass Sie unter die Sänger gegangen sind. Was ist da dran?

Tonks Anke Johannsen singt und sie und Ihre Band spielen. Ich spreche denglische Begriffe rein. Als Rap kann man das nicht bezeichnen. Das ist eine Art "pre-rap", eine primitive Vorstufe des Raps also. Das Lied, das wir zusammen geschrieben und aufgenommen haben, heißt in Anlehnung an mein zweites Buch "Pool Position" und gehört zu den Earworms des Jahres. Dazu wird es einen Kurzfilm geben. Die Live-Uraufführung des Songs wird es als Benefizevent am 27.09.2013 bei Pro Kids, Börsenstr. 13, 47051 Duisburg geben.
 

(ac)
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