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Duisburg
Leben auf des Messers Schneide

Duisburg. Ein Hauch von Hollywood lag jetzt über dem Filmforum in Duisburg: Nein, nicht wirklich, denn sowohl Hausherr Kai Gottlob als auch die beiden Duisburger Filmemacher Nadine Heinze und Marc Dietscheit sind viel zu bodenständig, als dass sie oberflächlichem Glamour und Glitter erlegen könnten. Anlass des jedoch keineswegs weniger unspektakulären Ereignisses war die Premiere des Films "Das fehlende Grau", der heute bundesweit in die Kinos kommt und neben Duisburg unter anderem auch in Berlin, Düsseldorf, Essen, Köln, Frankfurt und Hannover an den Start geht. Von Olaf Reifegerste

Die Uraufführung des 80-minütigen Spielfilms fand im Übrigen bei den letztjährigen Internationalen Hofer Filmtagen statt (die RP berichtete). In dem restlos gefüllten Kinosaal waren am Dienstagabend neben den beiden Autoren und Regisseuren Heinze-Dietschreit, dem Produzenten Markus Brinkmann auch die Hauptdarstellerin Sina Ebell mit weiteren Darstellern und Beteiligten der Produktion anwesend. Für Brinkmann, den Mit-Geschäftsführer der in Duisburg ansässigen B8 Film- und Fernsehproduktionsfirma, war die fünfjährige Arbeit unter Low-Budget-Bedingungen sein erster Langspielfilm als Produzent. Von daher freue er sich ungemein, die Filmpremiere und den Kinostart in einem voll besetzten Haus und diesem tollen Kino, wie er eingangs sagte, machen zu können. Auch, dass die NRW-Filmstiftung noch eine nachträgliche Verleih-Förderung dem Werk aussprach, mache ihn stolz und glücklich.

Ohnehin ginge es ihm und den Machern mit diesem Film nicht um bloßes Unterhalten, sondern auch um Aushalten. Im Mittelpunkt von "Das fehlende Grau" steht nämlich eine junge Frau (Sina Ebell), die zwischen Extremen schwankt und sich in einer Welt bewegt, die bei ihr streng in Schwarz und Weiß aufgeteilt ist. Für Grau- und Zwischentöne hat sie keinen Platz. Erst zieht sie die Männer (gespielt von Rupert J. Seidl, Albert Bork und Alexander Steindorf) an, um sie dann wieder von sich zu stoßen. Dabei ist sie sich selbst fremd, zu Gast in ihrer eigenen Existenz. Auf ihren atemlosen Streifzügen durch die nächtliche Stadt verdichten sich die Schicksale. Begegnungen voller Widersprüche verwandeln sich von persönlicher Distanz in Momente ungewollter Nähe. Sie folgt Männern nach Hause oder ins Hotel, provoziert und manipuliert sie und gibt sich dann im entscheidenden Augenblick unnahbar. Sie sucht die Sollbruchstellen in den angeschlagenen Persönlichkeiten ihrer Gegenüber, verwendet deren Wünsche und Sehnsüchte gegen sie und spielt mit ihnen ein perfides Spiel um Kontrolle und deren Verlust. Sie ist Borderlinerin und lebt ein Leben auf des Messers Schneide. Diese Gratwanderung, diese Grenzgängerschaft zeichnet der Film hochgradig detailgenau und sensibel, auf cineastisch brillant gedrehte und geschnittene, durchaus unterhaltsam angelegte, nicht Figuren-diffamierend erzählte Weise nach, ohne dass wir es hier mit einem weiteren typischen Borderline-Film zu tun haben. Sie, die junge Frau, die ebenfalls namenlos, wie alle anderen im Film spielenden Personen bleibt, kämpft ständig um die Balance ihres Lebens, sich selbst verletzend, selbst (auf)spürend und vielleicht im Sinne einer Katharsis (mit Dusch- und Reinigungsmitteln) sich selbst reinigend.

"Ich bin in diesem Spiel", sagt sie an einer Stelle im Film, "nicht nur der Schiedsrichter, sondern auch der Hauptgewinn". Und fürwahr ist dieser nicht nur die Figur, sondern auch die Hauptdarstellerin, wie überhaupt der ganze Film.

Die nächsten Vorführungstermine im Filmforum sind: Freitag, 26. Juni, 18 Uhr; Sonntag, 28. Juni, 20.30 Uhr; Montag, 29. Juni, 18 Uhr.

Quelle: RP
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