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Fünf Jahre nach der Loveparade
Die tragische Figur Adolf Sauerland

Loveparade: Die tragische Figur Adolf Sauerland
Adolf Sauerland hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. FOTO: dpa
Duisburg. Am heutigen Freitag jährt sich die Loveparade-Katastrophe zum fünften Mal. Der ehemalige OB wurde damals zum Feindbild. Von S. Bergmann, J. Isringhaus und C. Schwerdtfeger

Nur weg von hier. Das ist ein Gedanke, mit dem viele Menschen ein Reisebüro betreten, und es mutet schon etwas merkwürdig an, wenn dort hinterm Schreibtisch jemand sitzt, der selbst am liebsten überall sonst wäre. Nur nicht dort. Adolf Sauerland, zwei Jahre nach der Loveparade-Katastrophe abgewählter Oberbürgermeister von Duisburg, arbeitet heute im Reisebüro seiner Frau. Im Regal hinter ihm stapeln sich die Prospekte, vor ihm steht eine ausrangierte Flugzeug-Sitzreihe. Alles soll den Eindruck vermitteln: Nur weg von hier! Sauerland aber hat sich entschieden zu bleiben, obwohl er vielleicht gerne woanders wäre. Irgendwo, wo man ihn nicht kennt und die unglücklichen Umstände, die sein Leben so gravierend verändert haben.

Adolf Sauerland spricht heute nicht mehr öffentlich über die Katastrophe vom 24. Juli 2010. Mit niemandem. Fünf Jahre ist es jetzt her, dass auf dem Loveparade-Gelände 21 Menschen starben und Hunderte verletzt wurden. Ein Prozess ist noch nicht in Sicht, das Landgericht prüft noch die 660 Seiten starke Anklage. Für die Hinterbliebenen und die überlebenden Opfer ist das schwer erträglich. Zehn Beschuldigte hat die Staatsanwaltschaft benannt, Adolf Sauerland war nie darunter. Gegen ihn wurde auch niemals ermittelt, weil er, wie der Veranstalter Rainer Schaller, nicht in die Planungen eingebunden war. Sauerland habe nicht "Einfluss auf die fehlerhafte Planung oder die Erteilung der rechtswidrigen Genehmigung genommen", so die Staatsanwaltschaft. Und weiter: "Er durfte darauf vertrauen, dass die für die Planung und Genehmigung Verantwortlichen das Vorhaben aufgrund ihrer Fachkenntnisse ordnungsgemäß prüfen würden."

Nacht der 1000 Lichter: Gedenken an Loveparade-Opfer FOTO: Christoph Reichwein

Juristisch wurde Sauerland damit rehabilitiert. Moralisch sieht die Sache ganz anders aus. Für viele Menschen ist er bis heute der Buhmann, für sie ist der Name Sauerland untrennbar mit dem Unglück verbunden. Und das vor allem, weil er unmittelbar nach der Katastrophe fatale Fehler gemacht hat.

Das Ausmaß des Unglücks ist noch gar nicht erfasst, da schickt sich Adolf Sauerland noch am selben Abend an, vor der Verantwortung davonzulaufen. In einer eiligst einberufenen Pressekonferenz schiebt er den Opfern mit unglücklichen Formulierungen ein gewisse Mitschuld an dem Unglück zu - so wird er zumindest von der Weltöffentlichkeit verstanden. Dabei kann er zu diesem Zeitpunkt gar nicht wissen, was passiert ist. Nur, dass es Tote und Verletzte gegeben hat, wird man ihm mitgeteilt haben können. Dennoch macht er indirekt die Raver verantwortlich. Ein entscheidender Fehler. Sauerland selbst unterschätzt seine Wortwahl. Wie sehr, zeigt sich bereits am nächsten Morgen, als er die Unglücksstelle besucht. Die Menschen pfeifen ihn aus, beschimpfen und bespucken ihn. Schon wird sein Rücktritt gefordert. Sauerland ist verstört, kann den Hass nicht verstehen.

Loveparade in Duisburg: Fünf Jahre nach der Katastrophe FOTO: dpa, rwe fg kno

Doch statt endlich die ersehnten Worte der Entschuldigung zu sprechen, auf die ein ganzes Land wartet, macht er am Morgen nach dem Unglück da weiter, wo er am Vorabend aufgehört hat: Er schiebt die Verantwortung beiseite. Die Pressekonferenz am 25. Juli im Rathaus, die in die ganze Welt übertragen wird, wird zum Fiasko für die Repräsentanten des Systems, die wie auf einer Anklagebank sitzend vor einer Wand von Mikrofonen und Kameras nach Ausflüchten suchen. Wolfgang Rabe, der Leiter des Krisenstabes im Rathaus, Vize-Polizeichef Detlef von Schmeling, Veranstalter Rainer Schaller und Oberbürgermeister Adolf Sauerland machen in der Kommunikation so ziemlich alles falsch. Doch niemand macht so viel falsch wie Sauerland. Die Schuldfrage und die Flucht vor der Verantwortung erhält damit nach der Katastrophe bereits ein Gesicht, auf das sich der ganze Zorn projiziert. Sauerland ist zum Sündenbock abgestempelt.

Dieses Versagen hängt ihm bis heute nach. Und es ist Sauerland nicht gelungen, in der größten Katastrophe der Stadt so etwas wie ein Blitzableiter zu werden, ein Ruhepol, der den Menschen wieder Hoffnung gibt, ihnen Perspektiven aufzeigt. Auch das hat er versäumt. Stattdessen hat er sich selbst zum Opfer gemacht, was Wasser auf die Mühlen derjenigen war, die in ihm einen Täter gesehen haben.

Aber trägt er deshalb eine Mitschuld an dem Unglück? Die Staatsanwaltschaft hat diese Frage klar mit Nein beantwortet.

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Man muss, um Adolf Sauerland zu verstehen, vielleicht auch dessen Geschichte sehen. Er kommt aus Walsum, ist verheiratet und hat vier Kinder, als er 2004 in einer tiefroten Stadt überraschend als CDU-Oberbürgermeister ins Rathaus einzieht. Von nun an scheint ihm alles zu gelingen. Mit seiner hemdsärmeligen Art kommt er an. Es gelingt ihm, einer wirtschaftlich am Boden liegenden Stadt wieder auf die Beine zu helfen. Der Adolf, der ist gut für die Stadt, müssen selbst seine politischen Gegner einräumen. Er ist ein Oberbürgermeister zum Anfassen, der keine Klientelpolitik betreibt, sondern für alle Duisburger da sein will. Er unterstützt den Bau der damals größten Moschee, dem Wunder von Marxloh, über das viele noch heute sagen, dass es ohne Sauerland nicht möglich gewesen wäre. Das Jahr 2010 sollte eigentlich sein erfolgreichstes werden. Das Ruhrgebiet war Kulturhauptstadt Europas, Duisburg spielte eine zentrale Rolle. Sauerland sonnte sich im Glanz der Veranstaltungen, die er in seine Stadt holte. Etwa das Ruhrschnellwegfest, das eine Woche vor dem Unglück stattfand.

Die Katastrophe hat Sauerland also getroffen, als eigentlich alles nach Plan lief, alle Zeichen auf Grün standen. Sauerland war nicht vorbereitet auf dieses Unglück, diese Dimension des Schreckens. Es hat ihn überrollt. Obwohl er juristisch keine Schuld trägt, werden weiterhin viele seinen Namen in einem Atemzug mit der Loveparade 2010 nennen. Man kann nur mutmaßen, ob ihm nicht ein Freispruch vor Gericht lieber gewesen wäre als das Stigma desjenigen, den die Justiz hat laufen lassen. Nach dem Motto: Die Kleinen verknackt man, die da oben lässt man laufen. Aber das ist Spekulation. Tatsache ist, dass Sauerland für seine Fehler büßt. Man hat ihn abgewählt, seine politische Karriere ist beendet. So gesehen ist er bisher der einzige, der bestraft wurde. Obwohl er nie Beschuldigter war. Wie schwer, weiß nur er selbst.

Quelle: RP
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