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Duisburg
Loveparade-Gutachten in der Kritik

Fotos: Gedenkfeier zum vierten Jahrestag der Katastrophe
Fotos: Gedenkfeier zum vierten Jahrestag der Katastrophe FOTO: dpa, rwe lof
Duisburg. Ein möglicher Interessenkonflikt setzt Innenminister Ralf Jäger (SPD) unter Druck. Eine ehemalige Mitarbeiterin seines Ministeriums ist bekannt mit dem Gutachter, der die Schuld nur bei den Planern und nicht auch bei der Polizei sieht. Von Reinhard Kowalewsky und Christian Schwerdtfeger

Das Gutachten des britischen Panikforschers Keith Still, auf das sich in wesentlichen Teilen die Anklage der Staatsanwaltschaft im Fall Loveparade stützt, ist wegen eines möglichen Interessenkonfliktes sowie wegen möglicherweise methodischer Fehler massiv in die Kritik geraten. Denn eine ehemalige Mitarbeiterin des NRW-Innenministeriums ist mit Still bekannt, sie scheint ihn bei Arbeiten für das Gutachten unterstützt zu haben. Dies nimmt der Kölner Anwalt Björn Gercke zum Anlass, beim Landgericht Duisburg zu beantragen, die Anklage gegen seinen Mandanten, einen Mitarbeiter des Loveparade-Veranstalters Lopavent, fallenzulassen. "Das Gutachten ist unverwertbar", erklärt er unserer Zeitung.

"Da Herr Still und ich uns von früher kannten, habe ich die Anfangszeit seines Engagements begleitet", sagt die betroffene Sabine Funk dagegen auf Anfrage. Sie arbeitete nach der Loveparade-Katastrophe für das Innenministerium als ehrenamtliches Mitglied in der Projektgruppe "Sicherheit bei Großveranstaltungen". In dieser Task Force wurde das Handbuch zur Verhaltensweise (verschärfte Auflagen) für NRW-Städte und Kommunen bei Großveranstaltungen entwickelt. "Ich wurde damals von der Uni Wuppertal vorgeschlagen für die Teilnahme", sagte Funk. Einen Interessenkonflikt zwischen dieser Tätigkeit und ihrer Freundschaft zu Still sehe sie jedoch nicht. "Den Inhalt des Gutachtens kenne ich nur aus der Zeitung."

Die Staatsanwaltschaft Duisburg hatte Still damit beauftragt zu untersuchen, wie es am 24. Juli 2010 bei der Loveparade in Duisburg zur Massenpanik kommen konnte, bei der 21 Menschen gestorben sind.

Die Behörde klagt auf Basis dieser Expertise zehn Personen der Stadt Duisburg und der Veranstalterfirma Lopavent an. Kern des Gutachtens ist, dass die falsche Planung bereits ausreichte, die Katastrophe zu provozieren. Polizisten werden dagegen nicht angeklagt, weil mögliche Fehler von ihnen keinen entscheidenden Anteil an der Katastrophe gehabt hätten.

Der Vorwurf lautet: Die zehn Angeschuldigten sollen fahrlässig den Tod von 21 Menschen herbeigeführt und durch Fahrlässigkeit körperliche Misshandlung und gesundheitliche Schädigung bei 18 Personen verursacht haben.

Die Staatsanwaltschaft legt ihnen pflichtverletzendes und fehlerhaftes Verhalten zur Last. Das Landgericht Duisburg prüft seit Februar dieses Jahres die rund 650 Seiten umfassende Anklageschrift. Gestern gab die Justizbehörde bekannt, dass die Stellungnahmefristen für die Verteidiger um einen Monat auf den 15. Oktober verlängert wurden. Gründe dafür nannte die zuständige Kammer nicht.

Aus Justizkreisen war aber zu erfahren, dass der vermeintliche Interessenkonflikt zwischen Frau Funk und Professor Still eine Rolle dabei spielen könnte. Denn dieser Umstand soll der Staatsanwaltschaft verschwiegen worden sein.

Innenminister Ralf Jäger (SPD) als oberster Polizeichef des Landes äußerte sich gestern nicht zu dem Sachverhalt. Ein Sprecher erklärte: "Sabine Funk hat von 2011 bis 2012 in der Funktion als Veranstalterin für uns gearbeitet. Dafür hat sie kein Honorar erhalten." Sie selbst gibt an, dem Innenminister nur einmal kurz begegnet zu sein. "Er hat eine etwa fünfminütige Dankesrede bei der ersten Sitzung der Projektgruppe gehalten. Das war's."

CDU-Rechtsexperte Peter Biesenbach forderte eine lückenlose Aufarbeitung. "Wenn diese Informationen zutreffen, haben wir es mit einem schweren Interessenkonflikt zu tun, der das Vertrauen in die Objektivität des Gutachtens zerstört", sagt Biesenbach. Er fragt sich, ob es Zufall sei, dass ein Gutachten, an dem eine Mitarbeiterin des Innenministeriums beteiligt war, zu dem Ergebnis kommt, dass die Polizei am Tag des Loveparade-Unglücks keinerlei Fehler begangen habe.

Auch für den innenpolitischen Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, Robert Orth, werfen sich Fragen auf: "Jäger muss jeden Verdacht ausräumen, dass es bei der Aufklärung der Tragödie eine Interessenverquickung gegeben haben könnte." Die Opfer und ihre Angehörigen hätten einen Anspruch auf umfängliche und schonungslose Aufklärung der Umstände, die zu der Katastrophe geführt haben.

Dabei zielt die Kritik an dem Gutachten von Professor Still gegen den Kern der Anklage: Still sagt, die Katastrophe mit 21 Toten sei praktisch zwangsläufig gewesen, weil rein rechnerisch zu viele Menschen durch den zu engen Zu- und Ablauf des Veranstaltungsgebiets hätten drängen müssen. Dabei hat er in seinem Gutachten durchgerechnet, wie viele Menschen bei der Loveparade erwartet worden waren - und wie breit bestimmte Wege waren. Und tatsächlich war auf allen Videos und Fotos der Love-Parade zu sehen, wie überfüllt der Zugang gewesen war - "programmierte Katastrophe", schrieb der "Spiegel".

Anwalt Gercke meint dagegen unter Verweis auf ein eigenes Gutachten, dass die Besucherströme bei der Love-Parade viel genauer hätten untersucht werden müssen. Außerdem, so Gerckes Gutachter Professor Armin Seyfried, hätte man untersuchen müssen, welche Entscheidungen am Tag der Veranstaltung die Situation an den Eingängen weiter verschärft hatten.

Das hätte zwei Ergebnisse: Je stärker auch die Fehler der Polizei am Tag der Veranstaltung untersucht würden, umso unsicherer wäre zu belegen, dass Planungsfehler sowieso zum Chaos führen mussten. Weil dann aber trotzdem extrem schwer zu beweisen wäre, welcher Fehler von welchem Polizisten oder Ordner begangen wurde, würde am Ende niemand angeklagt.

Quelle: RP
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