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Loveparade-Katastrophe in Duisburg
Gedenktag mit Hoffnungsschimmer

Die Nacht der 1000 Lichter in Duisburg 2017
Die Nacht der 1000 Lichter in Duisburg 2017 FOTO: Christoph Reichwein
Duisburg. Am Montag jährt sich die Katastrophe auf der Duisburger Loveparade zum siebten Mal. Für die Angehörigen der 21 Todesopfer und andere Betroffene ist dieser Tag diesmal besonders wichtig. Im Dezember beginnt der Prozess. Von Jörg Isringhaus und Christian Schwerdtfeger

Für Manfred Reißaus werden es keine einfachen Tage. Aber erstmals wird er die Gedenkveranstaltungen zur Loveparade-Katastrophe nicht mehr mit ganz so viel Wut auf das Rechtssystem im Bauch begehen. "Es ist eine große Erleichterung, für mich zu wissen, dass es bald einen Strafprozess geben wird", sagt der 54-Jährige. Seine Tochter Svenja ist am 24. Juli 2010 bei dem Technofestival in Duisburg ums Leben gekommen.

Video: Siebter Jahrestag der Loveparade-Katastrophe in Duisburg

Die damals 22-Jährige wollte eigentlich gar nicht zur Loveparade nach Duisburg fahren, sondern sich auf eine Klausur vorbereiten. Sie studierte Jura, wollte Staatsanwältin werden. Svenja stand auf eigenen Beinen, wohnte in Castrop-Rauxel. Nur ihrem Ex-Freund zuliebe ging sie mit.

Am Montag jährt sich der Tag der Tragödie zum siebten Mal. 21 junge Menschen haben damals infolge einer Massenpanik im Eingangsbereich zum Gelände ihr Leben verloren; mehr als 600 sind verletzt worden. Viele Betroffene leiden bis heute an den Folgen, sind zum Teil schwer traumatisiert. Bislang ist niemand dafür strafrechtlich belangt worden. Die Angehörigen hoffen, dass sich das mit dem Beginn des Strafprozesses im Dezember ändern wird.

Nacht der 1000 Lichter: Gedenken an Loveparade-Opfer FOTO: dpa, rwe vge

Für Reißaus und die vielen anderen Betroffenen ist es eine späte Genugtuung, denn jahrelang haben sie mit der Gewissheit gelebt, dass es nie ein Verfahren geben wird. Erst vor wenigen Wochen hat das Düsseldorfer Oberlandesgericht erklärt, dass der Fall juristisch aufgearbeitet werden muss. Reißaus, der als Nebenkläger auftreten wird, wünscht sich, dass ihm dann endlich jemand sagen wird, wieso seine Tochter sterben musste - und wer dafür die Verantwortung trägt.

Zwischen Erleichterung und Sorge

Die Stiftung "Duisburg 24.7.2010" sieht dem Gedenktag mit gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits herrsche bei den Opfern und Angehörigen Erleichterung und Freude darüber, dass es endlich zum Prozess komme, sagt Stiftungsvorstand Jürgen Widera. "Auf der anderen Seite sind die Betroffenen besorgt, was beim Prozess auf sie zukommt." Deshalb hat die Stiftung am Montag für die Verletzten und Traumatisierten eigens eine Infoveranstaltung organisiert, bei der Sprecher des Gerichts und der Staatsanwaltschaft darüber informieren, wie der Prozess abläuft.

Dies sei vor dem Hintergrund wichtig, dass Angehörige der Opfer aus China, Australien, Italien, Holland und Spanien kommen und mit dem deutschen Rechtssystem nicht vertraut sind. Widera: "Dazu kommt, dass es einen Prozess dieser Größenordnung bisher nicht gegeben hat."

Fotos: Gedenkfeier zum fünften Jahrestag der Katastrophe FOTO: dpa, mku kno

Viele Betroffene hoffen laut dem Stiftungsvorstand, dass endlich ans Licht komme, was warum am Unglückstag bei der Technoparade wirklich passiert ist. "Ob am Ende jemand verurteilt wird, ist etlichen Beteiligten zufolge eher zweitrangig", sagt Widera. "Wichtig ist, dass alles aufgedeckt wird und die Justiz die Verantwortlichen benennt." Allerdings würden Angehörige auch befürchten, dass der Prozess sich in formaljuristischen Details ergehe und sich lang hinziehe.

Deshalb, und weil die Verhandlung möglicherweise schmerzhafte Erinnerungen wieder auffrische, kümmert sich die Stiftung währenddessen - der Prozess kann sich zwei Jahre hinziehen - um die Betreuung der Opfer. "Wir stellen sicher, dass die Angehörigen seelsorgerisch begleitet werden", sagt der evangelische Pfarrer, der auch Ombudsmann für die Opfer ist.

Prozess mit gewaltigem Ausmaß

Beobachter rechnen mit einem der größten Strafprozesse der Nachkriegszeit. Angeklagt sind sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg und vier Mitarbeiter des Veranstalters. Sie müssen sich unter anderem wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung verantworten. Wegen der vielen Verfahrensbeteiligten findet die Hauptverhandlung im Congress Center Düsseldorf statt. Bis dahin sind es aber noch fünf Monate.

Am Gedenktag rechnet Widera wegen der besonderen Umstände mit mehr Besuchern - zumindest seitens der Verletzten und Angehörigen der Todesopfer. So habe es eine Reihe von Anmeldungen von Betroffenen gegeben, die bisher nicht in Erscheinung getreten seien. Außerhalb dieses Personenkreises aber, mutmaßt Widera, würde der Gedenktag kaum wahrgenommen. Zwar sei die Gedenkfeier im Gegensatz zum vergangenen Jahr diesmal öffentlich, das Interesse habe aber zuletzt stark nachgelassen.

Video: Loveparade-Gedenkstätte fertiggestellt FOTO: dpa, Federico Gambarini

Manfred Reißaus hat sich - wie in den vergangenen Jahren auch - für die Veranstaltungen rund um den Gedenktag drei Tage in ein Hotel in Duisburg einquartiert. Er wohnt mit seiner Familie in Bad Salzuflen. Seine Frau Anja begleitet ihn nach Duisburg. Für Reißaus sind die Begegnungen mit den anderen Angehörigen wichtig. "Wir geben uns gegenseitig Kraft", sagt er.

Auf dem nicht öffentlichen Gottesdienst in der Duisburger Salvator-Kirche am Vorabend des Jahrestages wird er viele von ihnen wiedersehen. Auch die ehemalige NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD), die mit vielen Betroffenen eng verbunden ist, hat angekündigt, kommen zu wollen. Anschließend findet die sogenannte Nacht der 1000 Lichter statt. Betroffene stellen dann bei Einbruch der Dämmerung Kerzen am Unglücksort auf.

Am Montag gibt es um 17 Uhr eine Gedenkfeier an der Unglücksstelle. 22 Glockenschläge erklingen dann, 21 für die Todesopfer und ein Glockenschlag für die überlebenden Opfer. "Für mich ist das immer ein wichtiger und emotionaler Moment", sagt Reißaus.

Quelle: RP
 
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