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Loveparade-Opferanwalt im Interview
"Polizei hat nicht früh genug eingegriffen"

Loveparade-Katastrophe wird doch vor Gericht verhandelt
Duisburg/Düsseldorf. Im Strafprozess zur Loveparade-Katastrophe vertritt der Düsseldorfer Opferanwalt viele Hinterbliebene und Geschädigte. Im Interview mit unserer Redaktion kritisiert er unter anderem, dass kein Vertreter der Polizei auf der Anklagebank sitzt. Von Christian Schwerdtfeger

In rund sechs Wochen beginnt in den Düsseldorfer Messehallen die strafrechtliche Aufarbeitung der Loveparade-Katastrophe. Für Julius Reiter steht fest: Es wird ein Mammutprozess werden. Dass kein Vertreter der Polizei auf der Anklagebank sitzt, hält er für einen Fehler. Auch das Verhalten des ehemaligen NRW-Innenministers Ralf Jäger sieht der Jurist kritisch.

Am 8. Dezember startet der Prozess nach mehr als sieben Jahren ...

Julius Reiter Dass es so lange dauern würde, dass es so zermürbend werden würde, damit hätte niemand von uns in der Kanzlei gerechnet. Es ist natürlich schwierig, die Mandanten über einen so langen Zeitraum bei der Stange zu halten. Aber ich habe ein sehr gutes, teilweise schon freundschaftliches Verhältnis zu manchen von ihnen.

Was erhoffen sich die Opfer und Hinterbliebenen vom Prozess?

Reiter Sie erhoffen sich vor allem Erkenntnisse darüber, was wirklich geschehen ist. Sie fragen sich: "Warum sind wir traumatisiert worden? Warum sind unsere Kinder gestorben?" Und natürlich gibt es den Wunsch, dass Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden. Diejenigen, die auf der Anklagebank sitzen, sind aber mit Sicherheit nicht die Alleinverantwortlichen. Gegen den Veranstalter Rainer Schaller beispielsweise wurden die Ermittlungen eingestellt. Das ist kaum nachzuvollziehen. In Deutschland ist es vergleichsweise schwer, bei offensichtlicher Schuld eines Unternehmens die Verantwortlichen strafrechtlich zu belangen. Es muss immer die individuelle Schuld nachgewiesen werden. In den USA würde man schon aufgrund des dortigen Unternehmensstrafrechts den Veranstalter Lopavent und deren Geschäftsführung zur Verantwortung ziehen. Im Gerichtsprozess wollen die Betroffenen auch Klarheit darüber erhalten, wie die Veranstaltung versichert gewesen ist. Angeblich soll die Versicherung für bis zu 250.000 Besucher bestanden haben. Und es steht auch noch Schmerzensgeld für Hinterbliebene aus. Teilweise wurden den Familien bisher von der AXA-Versicherung lediglich 2500 Euro für den Tod ihres Kindes angeboten. Das empfinden viele als zynisch.

Am Ende können aber auch alle Angeklagten davonkommen.

Reiter Die Mandanten wissen, dass am Ende des Prozesses auch eine große Enttäuschung stehen kann. Aber sie sind froh, dass der Prozess endlich beginnt. Die Prozessführung wird eine große und schwierige Aufgabe für das Gericht, weil Zeitdruck besteht, in zweieinhalb Jahren fertig zu werden. Für alle Beteiligten wird das der größte Strafgerichtsprozess ihres Lebens. Und auch für uns als Nebenklägervertreter bleibt es emotional in den nächsten Jahren mit viel Anspannung verbunden. Wenn die Eltern etwa über ihre letzte Begegnung sprechen, als sich ihr Kind freudestrahlend verabschiedete und zu der großen Party fuhr. Das geht einem sehr nahe.

Wie bewerten Sie das neue Gutachten?

Reiter Es bestätigt die Einschätzung des ersten Gutachtens vom britischen Panikforscher Professor Still. Es sind im Vorfeld unverantwortliche Planungsfehler gemacht worden, aber auch bei der Durchführung gab es große Versäumnisse. Es ist daher auch nachvollziehbar, dass sich die Staatsanwaltschaft bestätigt sieht in ihren Ermittlungen und in ihrer Anklageschrift. Auf jeden Fall machen die bisherigen Ergebnisse des Gutachtens eine Verurteilung der Angeklagten wahrscheinlicher.

Wieso hat das Landgericht Duisburg den Prozess zunächst nicht stattfinden lassen wollen?

Reiter Meine Vermutung ist, dass die Erinnerung an den verheerenden Gerichtsprozess zum Düsseldorfer Flughafenbrand, der ohne Verurteilung in einem Fiasko endete, auf die Richter am Landgericht negativ nachgewirkt hat. Möglicherweise hatten die Richter Zweifel und Angst, dieses Gerichtsverfahren in der Kürze der Zeit überhaupt noch bewältigen zu können. Angst ist bekanntlich ein schlechter Ratgeber.

Sie haben gegen die Entscheidung erfolgreich Beschwerde eingelegt.

Reiter Ja, zum Glück hat das Oberlandesgericht Düsseldorf mutiger entschieden und ist unserer Argumentation gefolgt. Die Nichtzulassung der Anklage wäre angesichts von 21 Toten und mehr als 500 Verletzten einer Bankrotterklärung der Justiz gleichgekommen. Jeder neutrale Betrachter braucht sich nur die Luftbilder vom Veranstaltungsort anzusehen, um zu erkennen, dass es ein Irrsinn war, zigtausende Besucher durch ein Nadelöhr von einigen Metern in entgegengesetzter Richtung zu führen. Das konnte nicht funktionieren. Braucht man für diese Erkenntnis überhaupt ein Gutachten?

Von der Polizei sitzt niemand auf der Anklagebank.

Reiter Die Rolle der Polizei muss auf jeden Fall geklärt werden. Der Knackpunkt ist, dass aus Sicht der Anklage die Planungsfehler im Vorfeld hauptursächlich für die Katastrophe waren. Das Versagen der Polizei wäre dann nicht mehr ursächlich, da die Polizei am Geschehensablauf nichts mehr hätte ändern können. Die Opfer und Hinterbliebenen wollen aber eine lückenlose Aufklärung. Dazu gehört, dass die Rolle der Polizei aufgebohrt wird. Unbestreitbar ist, dass es Versäumnisse auf seiten der Polizei gab. Opfer haben uns erzählt, dass Polizisten rumgeflachst haben, als die Menschen schon um ihr Überleben kämpften. Da fällt es einem schwer zu glauben, dass die Polizei keine Verantwortung tragen soll. Möglicherweise hätte sie weiteres Sterben verhindern können. Die Polizei hatte ein wenig die Einstellung: Die Besucher wollen Party machen. Wir haben damit nichts zu tun, denn für das Veranstaltungsgelände ist der Veranstalter zuständig. Entsprechend hat sie sich teilnahmslos verhalten und nicht früh genug eingegriffen.

Die Polizei hat es sich also ziemlich einfach gemacht?

Reiter Ja, so sehe ich das. Das lag aber nicht am einzelnen Polizeibeamten, sondern an der Polizeiführung. Auf die Anklagebank kann die Polizei aber nicht mehr kommen. Wegen der eingetretenen Verjährung ist es dafür zu spät.

Ralf Jäger nahm die Polizei damals schnell in Schutz. Zu schnell?

Reiter Der frühere Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Ralf Jäger, hat sich damals sofort schützend vor die Polizei gestellt und verhindert, dass die richtigen Lehren aus der Katastrophe für die weitere Arbeit der Polizei gezogen wurden. Ich war später Sachverständiger im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Kölner Silvesternacht. Hier hatten sich teilweise die Organisationsfehler und Versäumnisse von der Loveparade wiederholt: mangelhafte Kommunikation, zu wenig einsatzbereite Polizisten, allgemeine Überforderung und fehlende Handlungsstrategie. Es gab keinen Plan B für den Fall, dass etwas passiert. Hätte man aus der Loveparade gelernt, hätte die Kölner Silvesternacht so nicht stattgefunden.

Wieso interessiert das die Opfer und Hinterbliebenen noch?

Reiter An den Lehren aus der Katastrophe haben die Opfer und Hinterbliebenen größtes Interesse. Alle Angehörigen haben mir gesagt: "Wenn es nur irgendeinen Sinn haben soll, dass unsere Kinder gestorben sind, dann den, dass daraus gelernt wird, damit sich so etwas nie wiederholt."

Mit Julius Reiter sprach Christian Schwerdtfeger.

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