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Traumaexperte über Loveparade-Unglück
"Wissen über Schuldigen hilft wenig"

Die Zugangsrampe - der Unglücksort
Die Zugangsrampe - der Unglücksort FOTO: ddp
Duisburg. Fünf Jahre nach dem Loveparade-Unglück mit 21 Toten hoffen viele Duisburger auf einen Strafprozess, der die Schuldfrage klärt. Für die Familien der Opfer und für Zeugen des Unglücks ist eine juristische Klärung noch lange kein Schlussstrich, meint ein Traumaexperte.

Manche Betroffene fielen in ein umso tieferes Loch, wenn ein Prozess nach jahrelanger Beschäftigung mit einer Katastrophe zu Ende gehe, warnt der Psychologe Georg Pieper in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. Vor fünf Jahren - am 24. Juli 2010 - war es bei der Loveparade in Duisburg zu einer Massenpanik gekommen: 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt. Viele Angehörige warten seither auf einen Strafprozess gegen mögliche Verantwortliche.

Die juristische Aufarbeitung der Katastrophe stockt. Auch nach dieser langen Zeit ist es noch nicht klar, ob es zu einem Strafprozess kommen wird. Kann das die Trauerarbeit der Betroffenen erschweren?

Georg Pieper Natürlich ist die juristische Ebene wichtig. Aber durch solche Ereignisse belastete Menschen glauben oft, dass es für sie leichter würde, wenn sie wüssten, wer schuldig ist. Und damit ein Stück Kontrollgefühl wiederherstellen. Bei einem Traumaerlebnis ist ein ganz wichtiger Punkt der Kontrollverlust. Aus psychologischer Sicht hilft das Wissen über einen möglichen Schuldigen jedoch wenig. So kann man kein Trauma bewältigen.

Warum nicht?

Pieper Letztendlich lenkt es ab von dem Eigentlichen - der Auseinandersetzung mit dem Schmerz. Wenn man den Schmerz verleugnet und sich in juristische Auseinandersetzungen hineinsteigert, dann entwickelt sich das Ganze zu einem langen Leiden, an dem Menschen auch sehr krank werden können.

Ist nach einem möglichen Prozess ein Schuldiger verurteilt - kann denn das bei der Trauerarbeit helfen?

Pieper Die Menschen können das Geschehen dann eventuell ein bisschen besser verstehen. Aber manchmal haben sich Betroffene jahrelang mit solchen Prozessthemen beschäftigt. Und wenn das Verfahren dann vorbei ist, fallen sie in ein umso tieferes Loch. Dann werden sie mit ihrer Trauer konfrontiert. Das ist eine zweischneidige Sache: Auf der einen Seite ist es klar, dass ein Unglück juristisch geklärt werden muss. Auf der anderen Seite sollte man nicht zu große Hoffnungen daran heften, dass dies das Leid der Betroffenen mildern würde.

Was kann stattdessen helfen?

Pieper Die Trauerarbeit muss auf einer anderen, psychologischen Ebene geschehen. Das muss auch jeder individuell für sich machen. Oft sind Gruppen von gleichermaßen Betroffenen sinnvoll. Aber es gibt immer wieder viele, die nach solchen Ereignissen ihre Hauptaktivität in die juristische Aufarbeitung stecken - das ist aber ein Nebenschauplatz. Eine Ausnahme war der Breivik-Prozess. Viele der Hinterbliebenen wurden psychologisch sehr gut begleitet, haben dem Täter in die Augen geschaut - und dadurch etwas verarbeitet. Das ist aber ein Spezialfall.

(dpa)
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