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Loveparade-Zivilprozess beginnt
"Schmerzensgeld hat Sühnefunktion"

Loveparade in Duisburg: Fünf Jahre nach der Katastrophe
Loveparade in Duisburg: Fünf Jahre nach der Katastrophe FOTO: dpa, rwe fg kno
Duisburg. 20.000 Euro reichen für ein traumatisiertes Opfer der Loveparade-Katastrophe nicht aus, sagt Anwältin Bärbel Schönhof, die mehrere Betroffene vertritt. Dienstag beginnt vor dem Duisburger Landgericht der erste Loveparade-Zivilprozess.

Mehr als fünf Jahre nach der Katastrophe auf der Loveparade in Duisburg beginnt am 1. September vor dem Duisburger Landgericht die mit Spannung erwartete zivilrechtliche Aufarbeitung. Die Bochumer Rechtsanwältin Bärbel Schönhof fordert Schmerzensgeld und Schadenersatz für ihre Mandanten. Sie lastet dem Veranstalter und der Stadt unter anderem eine fehlerhafte Planung und Durchführung der Loveparade an. Auch die Polizei habe beim Einsatz Fehler begangen. Unter anderem fordert ein ehemaliger Feuerwehrmann vom Land und dem Veranstalter 90 000 Euro Entschädigung, weil er beim Einsatz eine posttraumatische Belastungsstörung erlitten habe. Das Landgericht rechnet mit einem enormen Andrang und öffentlichem Interesse. Fernsehteams aus aller Welt werden zur Berichterstattung erwartet.

Wer sind aus Ihrer Sicht die Schuldigen der Katastrophe?

Bärbel Schönhof Die Zivilklagen richten sich gegen den Veranstalter, deren Geschäftsführer, die Stadt Duisburg und das Land NRW.

Wie viele Mandanten vertreten Sie in dem Fall?

Schönhof Es sind derzeit 17 Klagen anhängig, weitere Fälle laufen derzeit außergerichtlich.

Anwältin Bärbel Schönhof vertritt mehrere Betroffene. FOTO: dpa, rwe lre

Wie wichtig ist der Prozess für Betroffene?

Schönhof Sehr wichtig, da es um die Anerkennung ihrer gesundheitlichen Schäden geht, um den Ausgleich der wirtschaftlichen Einbußen, die sie durch die verantwortungslos geplante und durchgeführte Veranstaltung erlitten haben.

Wie geht es den Betroffenen?

Schönhof Die traumatisierten Menschen leiden täglich unter dem Trauma, haben Alpträume, schlafen schlecht, haben tagsüber Flashbacks, Panikattacken, vermeiden volle Züge oder Busse, können zum Teil nicht mehr Auto fahren, sich nicht mehr konzentrieren, verlieren eventuell auch ihre Arbeit, Beziehungen gehen in die Brüche.

Warum haben Sie den Fall übernommen?

Schönhof Ich vertrete viele Opfer von Gewalttaten, aber auch Opfer von Behandlungsfehlern oder auch Menschen, die mit Sozialversicherungsträgern Probleme haben. Es ist daher meine tägliche Arbeit, Menschen zur Seite zu stehen, die gesundheitlich sehr stark beeinträchtigt sind. Deshalb habe ich auch die Vertretung der Betroffenen der Loveparade-Katastrophe übernommen.

Sie halten die zuständige Zivilrichterin für befangen. Wieso?

Schönhof Die Zivilprozessordnung sieht die Möglichkeit vor, Richter abzulehnen, wenn die Besorgnis der Befangenheit besteht. Dabei kommt es ausschließlich darauf an, ob Gründe vorliegen, die bei vernünftiger Betrachtung eine Person befangen erscheinen lassen. Aus der Sicht meiner Mandanten ist eine solche Besorgnis gegeben, da die Richterin - wie sie selbst offengelegt hat - mit einem Anwalt verheiratet ist, der in einer Kanzlei arbeitet, die für die Stadt Duisburg eine entlastende Stellungnahme zur Loveparade-Katastrophe erarbeitet hat.

Was sind Ihre Prozessziele?

Schönhof Die Anerkennung der gesundheitlichen Schäden der Betroffenen und die Zahlung eines angemessenen Schmerzensgeldes, der Ausgleich der wirtschaftlichen Schäden. Die bisherige Rechtsprechung in Schmerzensgeldangelegenheiten berücksichtigt das Leid traumatisierter Menschen bislang nur unzureichend.

Was muss sich ändern?

Schönhof Eine Reform der Schmerzensgeldrechtsprechung ist dringend erforderlich. Bislang sind für Betroffene mit einer posttraumatischen Belastungsstörung von den Gerichten in vergleichbaren Verfahren Zahlungen von durchschnittlich 20 000 Euro zugesprochen worden. Schmerzensgeld soll unter anderem eine Sühnefunktion haben. Es soll den Verantwortlichen klarmachen, dass sie andere gesundheitlich schwer geschädigt haben und von Wiederholung abhalten. Hier stellt sich schon die Frage, ob eine solch geringe Summe diese Sühnefunktion überhaupt erfüllen kann.

20 000 Euro sind also viel zu wenig?

Schönhof Gehen wir davon aus, dass ein durchschnittlicher Besucher der Loveparade 25 Jahre alt ist. Diese Person hat sicher noch eine Lebenserwartung von 50 Jahren. Die beispielhafte Summe von 20 000 Euro soll für die kommenden 50 Jahre die mit einer Traumatisierung verbundenen Probleme ausgleichen. Rechnete man die Summe auf den Tag herunter, würde dem betroffenen 25-Jährigen für die kommenden 50 Jahre ein tägliches Schmerzensgeld von 1,11 Euro zugesprochen. Ist das eine angemessene Entschädigung? Ich meine: nein.

Wie viel Schadenersatz steht Ihren Mandanten zu?

Schönhof Die Forderungen meiner Mandanten sind unterschiedlich hoch, weil die wirtschaftlichen Schäden und auch die gesundheitlichen Folgen der Katastrophe unterschiedlich sind.

Haben Sie Angst, vor Gericht zu scheitern?

Schönhof Als Anwältin, die sich in einen Rechtsstreit begibt, muss ich immer mit Kritik der Gegenseite rechnen, da diese eigene Interessen verfolgt. Das ist mein Beruf. Da es sich bei den Zivilklagen um umfangreiche und komplexe Verfahren handelt, können die Verfahren auch über mehrere Instanzen laufen. Will man eine Änderung der Rechtsprechung erreichen, ist dies oft ein langer Weg, der Geduld und Hartnäckigkeit erfordert.

Was sagen Sie dazu, dass es bis heute - fünf Jahre nach der Katastrophe - immer noch nicht zu einem Strafprozess gekommen ist?

Schönhof Die strafrechtliche Aufarbeitung ist kompliziert und umfassend. Ich bin zuversichtlich, dass die Anklage zugelassen wird.

CHRISTIAN SCHWERDTFEGER FÜHRTE DAS INTERVIEW.

Quelle: RP
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