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10. Jahrestag der Mafiamorde von Duisburg
Fahnder haben Mafia weiter im Visier

Chronik der Duisburger Mafia-Morde
Chronik der Duisburger Mafia-Morde FOTO: ddp
Duisburg. Eine Fehde zwischen zwei Mafia-Clans erreicht im Sommer 2007 einen traurigen Höhepunkt: In Duisburg werden sechs Männer erschossen. Die Polizeibehörden in Bund und Ländern nehmen die Aktivitäten der verschiedenen Organisationen auch zehn Jahre später sehr ernst.

Keine Gedenktafel, kein Kreuz: Nichts erinnert am Tatort in Duisburg an die Mafiamorde vor zehn Jahren. Sechs Männer des 'Ndrangheta-Clans Pelle-Vottari wurden damals vor dem italienischen Restaurant "Da Bruno" in der Nähe des Hauptbahnhofs erschossen. "Da Bruno" gibt es schon längst nicht mehr. Vergessen haben die Duisburger das Verbrechen aber keineswegs. "Ja, hier war es", sagt ein Passant. Eine Frau weiß, dass es in Duisburg war, aber wo? Sie steht fast an der Stelle, an der damals die nur notdürftig mit weißen Tüchern abgedeckten Leichen auf dem Pflaster lagen.

Hintergrund des Massakers war eine blutige Fehde zwischen den 'Ndrangheta-Familien Nirta-Strangio und Pelle-Vottari-Romeo. Als Motiv wird Rache vermutet: Die 33-jährige Maria Strangio, Ehefrau eines Strangio-Clan-Chefs, soll an Weihnachten 2006 in der kalabrischen Mafia-Hochburg San Luca von der verfeindeten Pelle-Vottari-Seite getötet worden sein.

In Duisburg warteten die Schützen am frühen Morgen des 15. August vor der Pizzeria auf ihre Opfer. Als die sechs Männer im Alter von 16 bis 38 Jahren in zwei Autos gestiegen waren, feuerten die Täter aus Schnellfeuerpistolen viele tödliche Schüsse ab. Die Opfer hatten keine Chance.

Haupttäter 2011 verurteilt

In Duisburg wurde eine Mordkommission gebildet, in der zeitweise 120 Beamte mitarbeiteten. Eng arbeiteten die Ermittler mit italienischen Fahndern und Polizeibehörden in Belgien und den Niederlanden zusammen. Nach und nach wurden die Tatverdächtigen gefasst. Als Haupttäter und Drahtzieher gilt Giovanni Strangio, zur Tatzeit 28 Jahre alt. Er wurde 2011 zu lebenslanger Haft verurteilt. Als Todesschützen galten zunächst auch Giuseppe Nirta und Sebastiano Nirta. Mord konnten die Ankläger den beiden am Ende aber nicht nachweisen. Wegen Zugehörigkeit zur Mafia wurden sie schließlich zu zwölf Jahren Haft verurteilt.

Für Thomas Jungbluth (61) vom Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen ist die Bluttat von Duisburg eine Art Betriebsunfall. "Ich glaube, dass das aus Sicht der 'Ndrangheta schlecht gelaufen ist. So sehr in den Blick der Öffentlichkeit zu kommen, ist mit Sicherheit nicht im Sinne der Organisation", sagt der Leiter der Abteilung für organisierte Kriminalität beim LKA. Die Ermittlungen seien in der Folge weiter intensiviert worden. "Die organisierte Kriminalität will im Verborgenen arbeiten. Alles, was die Geschäfte stört, will man vermeiden. Das ruft die Polizei und die Öffentlichkeit auf den Plan. Und dann kann man seine Geschäfte nicht so betreiben, wie man möchte."

Mafia weiter in Deutschland aktiv

Mit der Bluttat und den Verhaftungen endete das Kapitel italienische Mafia in Deutschland denn auch keineswegs. "Alle großen und wichtigen Organisationen sind in Deutschland tätig", sagt Sandro Mattioli (41). Der Berliner Journalist ist Vorsitzender des Vereins "Mafia? Nein, Danke!". Die gemeinnützige Organisation will die Öffentlichkeit für die Gefahren der Mafia in Deutschland sensibilisieren.

Mattiolo verweist auf den erst Anfang Juli bekannt gewordenen Ermittlungserfolg der deutschen und italienischen Polizei im Schwarzwald gegen ein kriminelles Netzwerk aus dem Umfeld der Cosa Nostra. Hinter einer bürgerlichen Fassade soll die Gruppe Drogen- und Waffengeschäfte abgewickelt haben. 17 Personen wurden festgenommen. Haupttäter sollen zwei 48 und 52 Jahre alte Italiener aus Donaueschingen und Rottweil sein.

"Die Organisationen sind da aktiv, wo es Geld zu verdienen gibt, legal und illegal", sagt Mattioli. Sehr stark seien sie etwa im Kokainhandel unterwegs. "Auch wissen wir, dass sie in Restaurants und Hotels investieren, aber auch in Immobilien." Genaue Informationen fehlten allerdings.

BKA sieht in Mafia "großen Gefahrenfaktor"

Das Bundeskriminalamt (BKA) nimmt die Aktivitäten der italienischen Mafia in Deutschland sehr ernst. "Wir glauben schon, dass sie ein großer Gefahrenfaktor ist, etwa im Rauschgifthandel", sagt Johannes Launhardt (56), Experte beim BKA für organisierte Kriminalität. Auch beim Thema Geldwäsche seien die Gruppierungen aktiv: "Wir haben Hinweise darauf, dass Immobilien legal von Personen gekauft werden, die sich das eigentlich nicht leisten können."

Das BKA geht davon aus, dass Mafia-Organisationen auch in der Gastronomie tätig sind. "Ein Generalverdacht ist aber nicht angezeigt und wird auch von den italienischen Behörden nicht benannt." Es gebe aber Hinweise, dass über einige Betriebe illegal erworbene Gelder in Deutschland investiert werden - etwa, indem italienische Restaurants erhöhte Rechnungen für Waren aus Italien bezahlten.

Auch Mattioli geht davon aus, dass viele Restaurants Kontakte zur Mafia unterhalten. Der Experte schätzt, dass dies für ein bis vielleicht sogar zwei Drittel aller italienischen Restaurants gilt.
Genauere Angaben seien aber schwierig. "Auch wenn ich natürlich viele ehrliche italienische Gastwirte kenne, tue ich persönlich mich trotzdem schwer, beim Italiener zu essen, eben aufgrund des Zweifels."

(lsa/lnw)
 
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