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Rettungsdienst in Duisburg
"Man weiß nie genau, was einen erwartet"

Rettungsdienst in Duisburg: "Man weiß nie genau, was einen erwartet"
RP-Redakteurin Carolin Skiba mit den Rettungssanitätern im Rettungstransportwagen. FOTO: Christoph Reichwein
Für was die Menschen alles den Notruf wählen und einen Rettungswagen anfordern, durfte unsere Reporterin in Duisburg einen Tag lang miterleben – acht Stunden hat sie mit dem Team des DRK Rumeln-Kaldenhausen verbracht. Von Carolin Skiba, Duisburg

In rasender Geschwindigkeit verbreitet sich der Gestank im ganzen Fahrzeug. Erst ist er nur andeutungsweise wahrzunehmen, aber keine fünf Sekunden später ist der Geruch nicht mehr zu ignorieren. Ein Gemisch aus Schweiß, Alkohol und ungewaschenem Körper sondert der Mann auf der Liege des Rettungswagens ab.

Fünf Bier habe er getrunken, mehr nicht. "Noch ein paar Schnäpsken dabei?", fragt Rettungsassistent Christian. "Nein", sagt der Mann. Ob er die Wahrheit sagt, weiß nur er selbst. Und die Wirtin. Sie war es auch, die den Notruf gewählt hat, nachdem der Mann über ein Flimmern vor den Augen und Schwindel geklagt hatte.

Blass sei er gewesen, sagt sie, nachdem der Rettungsdienst ein paar Minuten nach Alarmierung mit prüfendem Blick vor dem Kneipengast steht. Mit Sirene, Blaulicht und in höchst möglicher Geschwindigkeit sind Christian und Detlev gekommen. Denn ein Notruf ist ein Notruf.

24 Stunden unter Rettungssanitätern

Perspektivwechsel. Es ist kurz vor halb acht morgens. Ich stehe vor der Wache des Deutschen Roten Kreuzes in Rumeln-Kaldenhausen und friere. Es ist kalt geworden. Das mag auch an der Uhrzeit liegen, in meinem Job bin ich es normalerweise nicht gewohnt, vor acht Uhr aufzustehen. Heute waren es zwei Stunden früher – denn heute werde ich einen Teil der Schicht mit den Männern und Frauen der DRK-Wache an der Kapellener Straße 24a verbringen. Und Schichtbeginn ist eben um acht. Entgegen meiner Annahme dauert die Schicht aber nicht acht Stunden, sondern 24.

Für Christian, Transportführer auf dem Rettungswagen (RTW), der mich heute an die Hand nehmen wird, und seinen Partner Detlev, Fahrer des Wagens, ist es der Beginn eines langen Tages. Neben den beiden, die den Rettungswagen fahren, sitzen noch weitere Mitarbeiter des DRK im Aufenthaltsraum, trinken Kaffee und blödeln rum. Vier von ihnen übernehmen an diesem Tag die Krankenfahrten, holen beispielsweise Senioren ab und bringen sie zu Arztterminen.

So lange nichts ansteht oder der Melder geht und den Einsatz der Kollegen fordert, sitzen sie zusammen und warten. Sie reden über die Arbeit, sie reden über Privates, über Erlebnisse und Begegnungen. Die Stimmung ist gelöst. Abends schauen die, die noch da sind, Fernsehen. Es ist, als wäre man bei einer Gruppe von Freunden zu Gast. Und irgendwie ist es auch so. "Mit dem ein oder anderen teilt man auch mal private Dinge", sagt Christian.

Der Melder sagt, wann es los geht

Eine Familie auf Zeit? Ein temporäres Zuhause auf jeden Fall. Nebenan gibt es einen Schlafraum, ein Platz der drei Stockbetten ist bereits belegt. Blaue Zebrabettwäsche liegt auf der Matratze, hier schläft ein MSV-Fan. "Abends legen wir uns hin und schlafen so lange, bis der Melder geht", sagt Christian. An guten Tagen wache man morgens auf und freut sich, weil nach einer 24-Stunden-Schicht zwei freie Tage warten. An schlechten Tagen kriecht man nach getaner Arbeit ins eigene Bett und "ist froh, wenn man auf dem Heimweg keinen Unfall baut, vor lauter Müdigkeit", sagt Jojo, der ebenfalls zu der Wache gehört. Angst zu verschlafen habe keiner. "Von dem Melder geht eine Aura aus, man wacht auf und kurz danach geht er an", sagt Christian halb im Scherz, halb ernst und die anderen stimmen zu.

Der Melder sagt, wann es los geht. Wann die Plauderstimmung und die Blödelei aufhören und der Ernst einkehrt. Dann wird keine Sekunde Zeit verloren, die Pantoffeln gegen die Sicherheitsschuhe getauscht, die signalrote Jacke vom Haken geschnappt und das Auto startklar gemacht. Doch heute bleibt der Melder still. Den ganzen Vormittag passiert nichts. Jedenfalls nicht in Rumeln.

Arbeit, die abstumpft

Dafür ist Zeit für Geschichten. Und davon haben Christian und Detlev eine Menge auf Lager. Schöne Geschichten, größtenteils aber sind es schaurige Erlebnisse, die der Alltag im RTW mit sich bringt. Nicht selten sind es Menschen am Rande der Gesellschaft, mit denen sie zu tun haben. Menschen, denen alles egal zu sein scheint. Anders sind die Dinge kaum zu erklären, die die beiden erlebt haben.

Da ist die Rede von verdreckten Wohnungen und verwahrlosten Menschen. Christian erzählt von einer Frau, die aufgrund ihres Gewichts gestürzt ist und sieben Tage auf der Erde gelegen habe, bis ein Angehöriger den Notruf wählte. Das Nachsehen haben die Rettungskräfte, die die hilflose Person aus ihrer misslichen Lage und all ihren Körperflüssigkeiten befreien müssen, die sich eben in sieben Tagen so ansammeln. "Das war heftig. Ich bin wirklich an vieles gewöhnt, aber als ich die Frau zur Seite gedreht habe und mir der Geruch entgegen schlug, konnte ich nur noch zum Fenster rennen, damit ich mich nicht augenblicklich übergebe", erzählt der 38-Jährige.

Geholfen hat er trotzdem. Denn das ist sein Job. Knochenarbeit. Arbeit, die abstumpft. Das mag traurig sein, aber auch notwendig, um das Elend, dem er teilweise begegnet, zu ertragen und nicht daran kaputt zu gehen. Man gewöhne sich an alles, sagt er. Nur nicht an Vorfälle mit Kindern. Die schlimmsten Ereignisse verändern die Wahrnehmung. Verändern den Blick auf das eigene Leben und das der anderen. Darum wird es Christian wahrscheinlich nicht mal aufgefallen sein, wie sehr der Mann aus der Kneipe gerochen hat, denke ich mir und komme mir albern vor, als ich versuche, die Luft anzuhalten. Doch, gerochen habe er das auch, sagt Christian, aber gerochen habe er eben schon weit schlimmere Dinge.

"Man weiß nie genau, was einen erwartet"

Warum er diesen Job als "absoluten Traumjob" bezeichnet, frage ich mich schon nach der ein- oder anderen Geschichte. Allem voran ist es wohl die Erfüllung, Menschen zu helfen, Dinge zu regeln, Personen zu beruhigen und ihnen die Angst zu nehmen. "Helfersyndrom?", frage ich halb scherzhaft. "Auf jeden Fall auch das, denn auch in meiner Freizeit helfe ich, wo ich kann", sagt Christian.

Als der Melder dann am Nachmittag doch verkündet, dass Hilfe benötigt wird, machen wir uns auf den Weg zum für mich ersten "Kunden". Eine Kopfplatzwunde wird angekündigt. Die Umstände: unklar. "Man weiß nie genau, was einen erwartet", sagt Christian und gibt damit eine weitere Antwort auf die Frage, warum er diesen Job liebt. Das Ungewisse ist es, langweilig wird es nie. Und während der Fahrt zum Patienten erlebe ich einen weiteren Teil des Jobs, der definitiv auf der Pro-Seite zu verzeichnen ist. Zumindest, wenn man gerne Achterbahn fährt.

Es ist schon eine helle Freude, wenn man durch die Straßen rauscht und ohne schlechtes Gewissen rote Ampeln passiert. Und auf eine gewisse Art entsteht ein Gemeinschaftsgefühl, wenn die Autofahrer Platz machen, weil sie wissen, dass da jemand unterwegs ist, um einem Menschen zu helfen. Das Platz machen klappt zwar nicht immer reibungslos – manche Fahrer scheinen vor lauter Aufregung eher in Schockstarre zu fallen, als schleunigst an den Fahrbandrand zu lenken. Aber diese Situationen sind eben nicht für jeden Alltag.

Jeder Einsatz kostet rund 460 Euro

Von Christian und Detlev erfordern die anderen Verkehrsteilnehmer im Allgemeinen, und die Unsicherheiten einiger im Besonderen, zwar ein enormes Maß an Konzentration, aber sie sind trotzdem herrlich entspannt. Von meinem Sitz im hinteren Teil des Wagens kann ich Christians Gesicht sehen. Trotz aller Eile und Aufmerksamkeit hat er immer wieder ein Lächeln auf den Lippen, unterhält sich mit Detlev.

Am Ziel angekommen, stellt sich heraus, dass die Platzwunde am Kopf des Mannes nicht so schlimm ist, wie anfangs vermutet. Jedenfalls für die Rettungshelfer nicht. Das Blut ist bereits getrocknet, der kleine Riss am Kopf würde auch von selbst heilen. Der Mann allerdings ist aufgewühlt. Er sei unsicher gewesen, habe so etwas noch nicht erlebt. Weil der Hausarzt nicht mehr erreichbar war und er nicht selbst Auto fahren wollte, habe er den Notruf gewählt. Ein Taxi wäre auch eine Option gewesen, denke ich. Warum er sich für diesen Weg entschieden hat, bleibt offen.

Der Mann wird seine Gründe haben, zu nahe treten möchte ich ihm nicht. Dennoch wird mir klar, wie viele der rund 30.000 RTW-Einsätze wohl gefahren werden, die dem Wort "Rettung" vielleicht nicht ganz gerecht werden. Rund 460 Euro pro Einsatz – die Krankenkassen freuen sich.

"Man hat immer zwei Patienten – den Kranken und den Angehörigen"

Wie das mit der Wunde passiert sei, will Christian wissen, der Mann erzählt etwas von "Kopf gestoßen". Christian und Detlev bringen den Mann ins Krankenhaus. Für den Patienten ist Christian ein Held, auch wenn er an Ort und Stelle nicht wirklich etwas ausrichten kann. Medizinisch gesehen. Denn allein die Sicherheit seiner Bewegungen und die Worte, die er wählt, machen Eindruck und helfen gegen Angst und Hilflosigkeit in der unbekannten Situation.

Im RTW nimmt der Rettungsassistent die wichtigsten Daten auf, steckt die Versichertenkarte des Patienten in seinen kleinen Laptop und sagt mir anschließend, dass man nie wisse, ob nicht doch etwas Ernsteres dahinter stecke. Das müsse der Arzt im Krankenhaus herausfinden. Für die beiden Männer vom DRK ist nach der Einlieferung Schluss. Weiter beschäftigen können und wollen sie sich damit nicht. Das nenne ich professionell.

Auch der nächste Einsatz ist nicht dramatisch. Aber auch hier wird Christian gebraucht. Eine ältere Dame ist gestürzt, die Angehörigen sind besorgt. Nachdem Christian ein paar Mal hier gedrückt und dort getastet hat, will er die Dame ins Krankenhaus bringen. Die Angehörige steht dabei und wirkt vergnügt. Sie hat Spaß an den kleinen Scherzen, die der Sanitäter macht, er geht charmant mit der alten Dame um, nimmt die Spannung aus der Situation. Das wirkt. "Man hat immer zwei Patienten", sagt Christian. Den Kranken und den Angehörigen. Die Dankbarkeit sei ein gutes Gefühl.

"Wenn das Essen auf dem Tisch steht, geht der Melder"

Für mich neigt sich der Tag dem Ende zu. Ruhig sei es gewesen, sagen sie. Das sei nicht immer so. Zu welcher Jahres- oder Tageszeit es die meisten Einsätze gebe, könne man nicht sagen. "Herzinfarkte kommen zu jeder Zeit", sagt Christian. Das leuchtet ein. Mit großer Leidenschaft hat er mir von seinem Job erzählt. Mit Ausdauer die Details des RTW nahegebracht und mit Geduld meine Fragen beantwortet. Sie alle, die hier auf der Wache 62 ihr Zuhause auf Zeit gefunden haben, haben mich willkommen geheißen.

Die anderen haben die Wache bereits verlassen. Christian und Detlev müssen noch 16 Stunden bleiben. Zeit, um erst mal etwas zu essen. Doch bevor Christian es schafft, seine mitgebrachten Königsberger Klopse aufzuessen, bimmelt es noch mal am Hosenbund. Der Melder schlägt Alarm. "Das ist immer so. Wenn das Essen auf dem Tisch steht, geht der Melder", sagt Christian und lacht. Für die Frage nach einer Mikrowelle bleibt keine Zeit.

Los geht es. Der Kneipenbesuch steht an. So wirklich will der Mann mit den fünf Bier, dem Schwindel und dem Flimmern vor den Augen nicht ins Krankenhaus. Die Wirtin habe ein Taxi rufen wollen, sagt er. Wir schmunzeln. "Ein Taxi, naja, so etwas in der Art ist ja auch gekommen", sagt Christian und ich denke mir, "ein Taxi, das etwa 46-mal so teuer ist wie ein normales, das ,Personal' fürs gute Gefühl aber inklusive hat."

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