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Jugend in der Region
Miami Vice am Niederrhein

Jugend in der Region: Miami Vice am Niederrhein
Reeser Rheinpromenade statt "Hollywood Walk of Fame": In seiner Heimatstadt verbrachte unser Autor ungezählte Stunden im Reeser Lichtspielhaus "Reli" und in den drei Videotheken der Stadt. Doch er drehte auch eigene Filme und verpflanzte den Fernsehhit "Miami Vice" aus Florida an den Niederrhein. FOTO: Michael Scholten
Duisburg. Weißt Du noch? Unsere Autoren, alle vom Niederrhein, erinnern sich an ihre Jugendjahre auf dem platten Land zwischen Duisburg und Emmerich, zwischen Kleve und Wesel. Von Michael Scholten

"Wenn das Universum ein helles Zentrum hat, bist du auf diesem Planeten am weitesten davon weg", sagt Luke Skywalker in "Star Wars: Episode IV - Eine neue Hoffnung" über seinen Wüstenplaneten Tatooine. Als junger Kinofan, der am Niederrhein aufwuchs, musste ich diesen Satz ein wenig umformulieren: "Wenn das Universum eine Traumfabrik hat, ist man in Rees am weitesten davon weg." Dachte ich zumindest.

Das Reeser Lichtspielhaus, kurz Reli, bekam die angekratzten Filmrollen erst, wenn sie schon seit Wochen in Wesel, Kleve oder Bocholt im Einsatz gewesen waren. Irgendwann in den 80er Jahren zeigte Kinobetreiber Eddie Großkopf die Filme nur noch am Wochenende und wenn mindestens fünf zahlende Zuschauer kamen. Das war nicht immer der Fall.

Richtig voll wurde das Reli nur noch, wenn die Jungsozialisten ihre "Juso-Filmnächte" ausrichteten. Dann liefen an einem einzigen Abend für sechs Mark Eintritt gleich drei Klassiker wie "Der einzige Zeuge", "Watership Down" oder "Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten". Dazu gab es zwei Becher Fanta und ein Würstchen. Dass bei einer "Juso-Filmnacht" vorsorglich alle Nacktszenen aus der Komödie "Flodders - Eine Familie zum Knutschen" herausgeschnitten worden waren, empörte speziell uns pubertierende Jungs und warf unsere sexuelle Entwicklung um Jahre zurück.

Auch der Boom der Videotheken trug zum Filmtod des Reeser Kinos bei. Der wichtigste VHS-Tempel (VHS = Video-Home-System) stand an der Emmericher Straße. Im Erdgeschoss ging es familienfreundlich zu, eine Wendeltreppe führte in den Sex-Horror-und-Gewalt-Keller, der für uns Schüler unter 18 Jahren eine unerreichbare Tabuzone blieb. Auch in der Fallstraße und am Brauhof gab es Videotheken, deren klobige Kassetten ("Zurückspulen oder eine Mark Strafe!") den heimischen VHS-Rekorder fütterten. Weil der Reeser Telefunken-Fachhändler Heiner Mandelartz ein Jugendfreund und Kegelbruder meines Vaters war, fanden sich in unserem Wohnzimmer ausschließlich Geräte dieser deutschen Traditionsmarke. Inzwischen ist sie untergegangen, doch in den 80er Jahren verhalf mir Telefunken zu ungezählten Heimkinostunden und förderte meinen Wunsch, eigene Filme zu drehen.

Das Reeser Gymnasium, damals noch im ehrwürdigen Haus Aspel untergebracht, wurde unverhofft zu meiner Filmschmiede. Erik, ein neuer Mitschüler, hatte alles, was mir fehlte: eine Beta-Videokamera und die sündhaft teuren Actionfiguren von "Star Wars". In unseren Kinderzimmern, in denen Kinoplakate notdürftig die Blümchentapete verdeckten, produzierten wir zunächst Western und Actionfilme mit meinen Playmobil-Figuren. Doch in den Sommerferien des Jahres 1985 machten wir uns daran, den "Krieg der Sterne" eins zu eins nachzudrehen. Heller Sand, beim Nachbarn geklaut, wurde zum Wüstenplaneten Tatooine. Eine große Pressspanplatte, schwarz bemalt und mit tausend Deckweiß-Punkten verziert, war unser Weltall. Laserstrahlen, die aus den Schusswaffen der Spielzeugfiguren huschten, imitierten wir, indem wir farbige Strohhalmstücke über durchsichtige, gespannte Angelschnur zogen, die meinem Bruder später beim Angeln am Altrhein fehlte.

Nach den Ferien begannen die Synchronarbeiten. Komplett chronologisch, weil der Beta-Rekorder uns technisch keine andere Wahl ließ. Ich war Luke Skywalker im Stimmbruch, Erik war Han Solo und - sobald er in einen Joghurtbecher sprach und das Asthma-Inhaliergerät seiner Mutter bediente - auch Darth Vader. Prinzessin Leia verschliss gleich drei Sprecherinnen: Mitschülerin Nicole, die nach der ersten Synchronsitzung keine Lust mehr auf uns Spinner hatte, zwang uns, die Originalsynchronstimme von Carrie Fisher zu nutzen, bis Mitschülerin Yvonne aus purem Mitleid die letzten Passagen sprach.

Die Publikumspremiere fand im Haus Aspel statt, in zwei Unterrichtsstunden vor unserer Schulklasse. Hatten uns die eigenen Eltern noch angelogen, das Ergebnis sei sehr sehenswert, sprach Mitschülerin Anne die Wahrheit aus: "Das waren die langweiligsten zwei Stunden meines Lebens!" Wir ließen uns davon nicht entmutigen. Im Gegenteil. Mit unserem neuen Kunstlehrer Herrn Conrad hoben wir, inzwischen am Gymnasium Aspel am Westring angekommen, das Videomagazin "Micropower" aus der Taufe. Für diese "gefilmte Schülerzeitung" interviewten wir Lehrer in ihrem heimischen Umfeld, präsentierten Reeser Vereine und Stadtgeschichte oder filmten Schulfeste und Projekttage.

Vor allem aber brachten wir Florida an den Niederrhein. Als Eriks Vater technisch von Beta auf Video 8 aufrüstete, konnten wir "Miami Vice"-Parodien in Spielfilmqualität drehen. Schlieren und schwarz-weißes Gekrissel nach jedem Filmschnitt gehörten der Vergangenheit an. Wir schrieben Drehbücher, teilten uns die Hauptrollen als Funny Krokette (Erik) und Corega Tabs (ich), bauten Kulissen, bastelten Waffen, schneiderten Kostüme, ließen Wohnungen explodieren, die wir zuvor mit Sperrmüllmöbeln in den dicken Mauern der Reeser Scholten-Mühle eingerichtet hatten. Mitschüler, die heute ihren Doktortitel in Chemie haben, mischten damals das Schwarzpulver und jagten alles bildstark in die Luft. Dass amerikanische Drogenfahnder in Mittelklassewagen mit Klever Kennzeichen fuhren, dass wir den Hafen von Miami am Reeser Yachthafen und auf dem Gelände der damaligen Reeser Straßenmeisterei nachstellten, dass wir unser Gymnasium zur Universitätsklinik machten und Lieutenant Castillo auf dem Reeser Ehrenfriedhof beisetzten, fanden wir okay, zumal unser Deutschlehrer Herr Wirth das als Brecht'schen Verfremdungseffekt feierte.

"Miami Vice am Niederrhein", titelte 1989 und 1990 der Lokalteil der Rheinischen Post, der große und wohlwollende Berichte über unsere Amateurfilme veröffentlichte. Ich nutzte diesen ersten Kontakt zur Zeitung als "Sprungbrett" in die Medienwelt. Als freier Mitarbeiter finanzierte ich mein Studium in Münster, wurde 1997 Reporter eines Film- und Fernsehmagazins in Hamburg und besuche seit 20 Jahren die Sets verflucht teurer Kinofilme. Dabei vergeht kein Drehtag, an dem ich nicht an unsere eigenen Werke zurückdenke, deren Charme vermutlich gerade darin lag, dass wir kein Geld hatten und diesen Missstand durch Kreativität ersetzen mussten.

Das Reeser Kino schloss 1992 und sucht noch immer einen neuen Mieter. Auch die Videotheken sind längst Geschichte, in den Ladenlokalen haben sich zwei Friseure und eine Kunstgalerie niedergelassen. Doch Klein-Hollywood lebt am Niederrhein weiter. Im Obergeschoss eines Halderner Einfamilienhauses habe ich jetzt ein kleines Privatkino eingerichtet, mit sechs hölzernen Klappstühlen, die vor 60 Jahren in einem Kino in Goch genutzt wurden. Im eigenen Minisaal führe ich nun meine Söhne an die Klassiker aus 100 Jahren Filmgeschichte heran - und bringe ihnen bei, dass die schönsten Filmträume vor allem dort gedeihen, wo Hollywood unerreichbar weit weg scheint. Zum Beispiel in Rees.

Michael Scholten ist freier Mitarbeiter der RP und Autor vieler Bücher über Film, Fernsehen und Reisen. Er schreibt auch Pressehefte für deutsche und internationale Filmverleiher.

Quelle: RP
 
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