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Duisburg
Miete steigt mit jedem weiteren Bewohner

Duisburg: Miete steigt mit jedem weiteren Bewohner
In Teilen von Marxloh leben überwiegend rumänische und bulgarische Familien. Immer wieder kommt es dort zu Auseinandersetzungen und Streit unter Nachbarn. Der Außendienst des Ordnungsamtes kontrolliert hier nahezu täglich. Droht Gefahr, ist die Polizei immer dabei. FOTO: Archiv/Reichwein
Duisburg. Der Außendienst des Ordnungsamtes stößt bei seiner Arbeit auf Müll, Dreck und skrupellose Hausbesitzer. Von Hildegard Chudobba

Die Häuserfronten in dem Viertel zwischen Weseler Straße, Wilfriedstraße, Kaiser-Wilhelm Straße und Wiesenstraße sehen aus, als könnte hier nur noch ein Abrissbagger helfen. Clemens Fahl kennt dort jede Ecke und hat mit vielen der hier lebenden Menschen schon zu tun gehabt. Der stellvertretende Leiter des Sachgebietes Außendienst beim Ordnungsamt fürchtet sich nicht vor den Gestalten, die in Türeingängen herumlungern. Tauchen er und seine Kollegen auf, scheint ihre dunkelblaue Dienstuniform respekteinflößend zu wirken. Doch der 61-Jährige weiß genau, dass der Schein trügt. In dem Viertel, in dem überwiegend Rumänen und Bulgaren leben, ist es mit dem Respekt gegenüber Amtspersonen nicht weit her. "Die Leute haben in ihrer Heimat eben schlechte Erfahrungen gemacht...." Doch mit sicherem Auftreten und ruhigem Vorgehen erreiche man meist sein Ziel.

Wer in diesem Viertel Hausbesitzer ist, der ist entweder arm dran oder reich. Arm dran sind die, die hier vor 20 Jahren oder noch länger im guten Glauben gekauft haben, ganz normale, anständige Mieter zu finden. Doch die kann man hier mit der Lupe suchen. Steinreich werden die skrupellosen Eigentümer. "Sie vermieten Wohnungen zum üblichen Preis an eine vierköpfige Familie, die in Wirklichkeit viel größer ist. "Für jede weitere Person kassiert der Vermieter extra ab", weiß Fahl. Dieses Geld ist Schwarzgeld. Pro zusätzlicher Person werde 10 bis 15 Euro abkassiert. Nicht pro Monat, nicht pro Woche, sondern pro Tag! Die Vermieter schickten dann Geldeinsammler los, die abkassierten. Da die südeuropäischen Familien so gut wie nie nur aus vier Personen bestehen, sei der Profit enorm. Woher die oft arbeitslosen Familien das Geld nehmen? "Ich weiß es nicht, ich kann es nur vermuten", sagt Clemens Fahl. Schwarzarbeit, Diebstahl, Drogenhandel, andere krumme Geschäfte - "alles ist denkbar" .

FOTO: Christoph Reichwein

Im Zusammenhang mit den jüngsten Räumungen in Marxloh ist die Vermutung geäußert worden, dass die Vermieter selbst mit drastischen Mitteln ihre Mieter vor die Tür setzen. "Das halte ich keineswegs für ausgeschlossen", sagt Fahl. Wenn die Stadt genau Einblick in die Vermietungsstrukturen bekomme, gefalle dies kriminellen Eigentümern genau so wenig, wie wenn sie die hohe Rechnung für die Räumung durch die Stadt bezahlen müssen.

In der Regel werden die Wohnungen "kalt" vermietet. Die Mieter müssen sich um Strom und Wasser selber kümmern. Wenn sie dafür kein Geld ausgeben können oder wollen, drehen ihnen die Stadtwerke irgendwann den Hahn zu. Meist erfahren Fahl und seine Kollegen bei den Kontrollen davon oder "stolpern" darüber. Zieht sich von einem Stromverteiler auf der Straße ein Kabel in einen Hausflur, dann ist das nicht von den Stadtwerken. Und schon nach einem kurzen Blick ins Hausinnere ist klar, dass hier akute Brandgefahr besteht.

FOTO: Christoph Reichwein

Gerade erst haben Fahl und seine Kollegen ein Haus an der Henriettenstraße angekündigt geräumt - die Mieter waren bereits ausgezogen. Das geschieht, wenn der Außendienst nicht auf akute, lebensbedrohliche Zustände (wie bei Selbstverkabelungen) stößt. Denn auch hygienische Mängel sind Grund für Räumungen. Kakerlaken, Ratten, Maden, menschliche und tierische Exkremente, Tierleichen, Müllhalden in Wohnungen - alles das hat der 61-Jährige schon zu sehen bekommen. "Aber in krankmachenden Verhältnissen lassen wir keinen wohnen", ist er unerbittlich.

Dass die Bewohner für einen angeordneten Auszug Verständnis aufbringen, ist so gut wie nie der Fall. In fast jedem Haus gebe es eine zentrale Person, die alles regelt. "Das kann ein Mann sein, eine Frau, oder auch der jugendliche Sohn einer Familie. Dieser Jemand hebt das gesamte Geld auf und verwaltet es. Das können ein paar hundert Euro sein, wird haben aber auch schon fünfstellige Beträge gefunden." Das klingt nach mafiösen Strukturen, oder? "Diese Strukturen gibt es", ist Fahl sicher. Das Geflecht zu entwirren, sei aber für ein Ordnungsamt kaum möglich.

Ob mafiös oder nicht - der Kontakt unter den Landsleuten funktioniere bestens. "Wir hatten vor einigen Jahren in einem von Rumänen bewohnten Haus in Homberg nachts einen Brand. Die Leute haben wir in einer Turnhalle untergebracht und verpflegt." Am folgenden Tag waren dort aber deutlich mehr Leute als noch Stunden zuvor. "Wir haben dann erfahren, dass die Bewohner Verwandte in Meiderich angerufen hatten, damit sie rüber kommen." Schließlich gab es von der Stadt nicht nur ein Dach überm Kopf, sondern auch Nahrung, Kleidung, Spielzeug und vieles mehr. Ähnlich gut funktionierten die Kontakte auch in Bruckhausen. Als damals die ersten Rumänen dorthin kamen, pflegten sie in ihren Autos zu wohnen und zu schlafen. "Wir haben dann dort entsprechend kontrolliert", so Fahl. Eines der Autos wollte das Ordnungsamt gerade abschleppen lassen, "als ein Anwohner darauf drängte, dass wir mal in den Kofferraum schauen. Darin fand ich dann eine Frau und ein schlafendes Kleinkind". Noch heute läuft ihm ein Schauer über den Rücken, wenn er daran denkt, was ohne diesen Hinweis hätte passieren können. Frau und Kind wären möglicherweise jämmerlich erstickt. Die kontinuierlichen Kontrollen sprachen sich unter den Rumänen derart schnell herum, "dass wir schon sehr bald mit bewohnten Autos keine Probleme mehr hatten."

Die Kinder sind es, die ihm besonders leidtun. "Am Alsumer Steig entdeckten wird ein rumänsiche Ehepaar aus den Niederlanden, das dort mit Oma und Kleinkind in einem Zelt lebte und mit falschem Goldschmuck an Autobahnraststätten Autofahrer abzocken wollte." Während gegen die Eltern ermittelt wurde, brachte Fahl das Baby im Neumühler Kinderheim unter. Es wurde den Eltern nach Abschluss der Ermittlungen vom Familiengericht nur herausgegeben, weil sie an ihren Wohnort in den Niederlanden zurückkehrten.

In all den Jahren, in denen Fahl im Auftrag des Ordnungsamtes unterwegs ist, ist er nie in Situationen geraten, in denen er von seinem Reizstoffsprühgerät Gebrauch gemacht hat, das wie er, alle seine Kollegen seit 2007 bei sich führen. "Es ist in dieser langen Zeit insgesamt überhaupt höchstens zehn Mal eingesetzt worden." Zum Beispiel von einem Kollegen, als er sich gegen zwei äußerst aggressive Kampfhunde zur Wehr setzen musste.

Quelle: RP
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