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Rp-Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten
Mit Erfindergeist zum Erfolg

Duisburg. Die Brüder Reinhard und Max Mannesmann schrieben Industriegeschichte. Das Mannesmann-Patent zum Walzen nahtloser Rohre wurde vor 130 Jahren offiziell genehmigt. Zeitgenossen sprachen von einem "technischen Wunder". Von Harald Küst

Vor gut 130 Jahren herrschte in Deutschland eine hoffnungsfrohe Grundstimmung. Der technische Fortschritt trieb das Wirtschaftswachstum. Nahezu euphorisch schrieb die deutsche illustrierte Zeitung "Über Land und Meer": "Das technische Wunder hat selbst die Technikerwelt, in welcher man doch an bedeutende Ereignisse gewöhnt ist, in sprachloses Erstaunen gesetzt." Gemeint war das Verfahren der beiden Brüder Max und Reinhard Mannesmann, die im Jahr 1886 das Patent zum Walzen nahtloser Rohre angemeldet hatten. Aber bis dahin war es ein harter Weg.

Die beiden experimentierfreudigen Jungingenieure, Max und Reinhard, forschen vor mehr als 130 Jahren neben dem Studium bis tief in die Nacht, weil tagsüber die Feilenproduktion im väterlichen Unternehmen in Remscheid laufen muss. Bei Produktionstests mit schräg laufenden Walzen stellen die Brüder fest, dass gepresster Stahl im Materialfluss einen stetig größer werdenden Hohlraum entwickelt. Sie erkennen sofort, dass die Beobachtung Potenzial hat, um auf den Märkten zu bestehen. Tatsächlich dauert es zwei Jahre, bis die Versuche zum Erfolg führen. Der Jubel bleibt im Verborgenen, denn das Brüderpaar befürchtet, dass die Konkurrenz durch eine Patentschrift mit einer detaillierten Erfindungsbeschreibung das wertvolle Know How kopiert. Sie bitten ihren Vetter Fritz, einen promovierten Philosophen, als "Strohmann" einen Patentantrag zu stellen, damit die Konkurrenz nicht aufmerksam wird. Das gelingt. Der Patentantrag wird unbemerkt von der Konkurrenz am 10. März 1886 genehmigt. Nach weiteren Versuchsreihen, gelingt dem Brüderpaar die Herstellung des ersten schräg gewalzten, nahtlosen Rohres. Das Ergebnis entspricht aber noch nicht ganz den Anforderungen der Marktreife: Die Wandstärke der Rohre ist noch zu dick. Die Brüder experimentieren weiter und entwickeln das "Pilgerschrittverfahren": Ein Metalldorn bewegt sich vor- und rückwärts in dem heißen, durch schräge Walzen gepressten Rohr so lange hin und her, bis die gewünschte Wandstärke erreicht ist. Diese Lösung, erst schräg walzen, dann Pilgerschritt, ist der endgültige Durchbruch.

Nach Veröffentlichung ihrer Erfindung gewinnen Reinhard und Max Mannesmann finanzstarke Investoren für den Aufbau von mehreren Röhrenwerken. Ein väterlicher Förderer der beiden Brüder ist Werner von Siemens. Er sieht die Marktchancen im Maschinen-, Fahrzeug- und Schiffbau und mahnt bald an, die kaufmännischen Aspekte bei der Produktion nicht zu vernachlässigen. 1890 werden die Aktivitäten der Werke gebündelt und in die Deutsch-Österreichischen-Mannesmann-Röhrenwerke AG mit Sitz in Berlin eingebracht. Reinhard und Max Mannesmann bilden den ersten Vorstand der Gesellschaft, scheiden aber bereits 1893 wieder aus.

Die Gründe liegen im kaufmännischen Management. Ein Brandbrief der administrativen Führungskräfte an Werner von Siemens bestätigt dies: "Keiner von uns hegt den geringsten Zweifel an der Genialität der Ingenieure Mannesmann; aber wir haben ebenso begründete Zweifel, dass die beiden Direktoren über die interessanten technischen Fragen nicht die langweilige Administration vergessen werden." Der Rückzug der Brüder aus dem Röhrengeschäft wird damit eingeläutet. Buchhaltung, Kostenrechnung, Statistik und Lagerwirtschaft sind den kreativen Erfindern ein Gräuel.

Den Familienzusammenhalt beeinträchtigt das Ausscheiden vom Max und Reinhard nicht. Bei der Vertretung der Familieninteressen hält man zusammen. Für die Mannesmann-Röhrenwerke hat die Zäsur auch positive Aspekte. Dem neuen Management gelingt mit betriebswirtschaftlichen Maßnahmen die Konsolidierung und der Ausbau des Röhrengeschäfts.

Derweil entwickelt sich das Familiengeschäft der temperamentvollen Mannesmann-Brüder in verschiedene Richtungen. Die Aktivitäten reichen vom Fahrzeugbau bis zu Bergbau- und Landwirtschaft in Marokko. Sie gründen neue Unternehmen und sind weiter innovativ und voller Arbeitseifer. Dies belegt die imponierende Vielfalt der Erfindungen und Patentanmeldungen aus dieser Zeit. Sie reichen von der Gashängeleuchte über den "Zehenschuh" bis zum "Schraubenflieger" (Hubschrauber).

Bei allem Erfindergeist ragt das "Mannesmann-Verfahren" nach 130 Jahren eindeutig als Top-Innovation heraus: Kreative Erfinder und Entwickler sind damals wie heute für den Standort Deutschland gefragt. Das Max und Reinhard Mannesmann Gymnasium im Duisburger Süden engagiert sich bei "Jugend forscht" - eine gute Investition in die Zukunft.

Quelle: RP
 
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